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Wissen So einfach kann das Leben mit Kindern sein
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13:57 15.06.2017
So geht „Slow Family“: Gemeinsam die Natur genießen, statt von einem Termin zum nächsten zu hetzen. Quelle: Richardson/unsplash
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Hannover

Es war alles so schön gedacht. Wenn das erste Kind unterwegs ist, malen sich Mütter und Väter die Zukunft als Familie idyllisch aus, mit fröhlichen Kindern und geduldigen Eltern. Der Alltag ist dann häufig anders. Statt harmonischer gemeinsamer Mahlzeiten tobt am Esstisch der Kampf um Manieren und Vorlieben – und darüber hinaus gibt es jede Menge weiterer Schlachtfelder auf dem verminten Terrain der Kindererziehung. Von Fröhlichkeit keine Spur. Harmonie? Schon lange nicht mehr gehört. Kann Familienleben tatsächlich entspannend sein?

Es kann, sagen Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Die beiden Autorinnen haben den Ratgeber „Slow family“ geschrieben und stellen darin „sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ vor. Sie plädieren für Achtsamkeit und Entschleunigung im Alltag und dafür, sich vom Vereinbarkeitsstress zu verabschieden. Dass das Elternpaare oder gar Alleinerziehende nicht mal eben so von heute auf morgen schultern können, ist den Autorinnen klar. Deshalb raten sie Familien, sich nach und nach ein Dorf zu schaffen – unabhängig davon, ob sie auf der Stadt oder dem Land wohnen. Was sie damit meinen, ist ein Netzwerk aus Nachbarn, anderen Eltern oder Kollegen, das frei nach dem Motto „eine Hand wäscht die andere“ funktioniert, sprich: „Holst du mein Kind ab, bringe ich deine Einkäufe mit.“

Raus in die Natur: „Kinder lieben einfache Dinge“

Hinzu kommen jede Menge praktische Tipps: „Kinder lieben einfache Dinge“, betonen Dibbern und Schmidt. So sollte der Nachwuchs etwa jede Menge Naturerfahrungen machen können und zwar so oft wie möglich. Das reicht vom abenteuerlichen Waldspaziergang bis hin zu der Regel, dass der Fernseher erst angeschaltet werden darf, wenn zuvor jeder eine Runde barfuß gelaufen ist. Am Ende müsse jeder sehen, was für das eigene Leben praktikabel ist – da sind die Autorinnen ganz undogmatisch. Kein Rezeptbuch habe man vorgelegt, betonen sie, sondern Anregungen und Ermutigungen. Nicht alles davon funktioniert in jeder Familie, die eine oder andere Zutat kann aber helfen, kleine Inseln zu schaffen, auf denen sich Kinder und Eltern wohlfühlen.

Auch wenn es bei weitem nicht immer leicht ist, einfach kann es sein, das Leben mit Kindern, findet auch Susanne Mierau, Kleinkindpädagogin und Familienbegleiterin. Schon für ein Baby seien die meisten Kaufempfehlungen überflüssig und auch ältere Kinder finden in Parks, Gärten und Wäldern oder auch in der Küchenschublade genügend Anregungen. Sofern die Kinderzimmer nicht schon vollgestopft sind mit dudelndem, glitzerndem Plastikkram kann das reichen, um selbstvergessen ins Spiel zu versinken.

Schon kleine Schritte bringen mehr Ruhe in den Familienalltag

Auch Langeweile könne der Nachwuchs oft gut aushalten und sich Neues zunächst auch allein erschließen, sich ausprobieren. Erst wenn Hilfe gewünscht wird, sollten Eltern eingreifen. Für diese Art der vertrauensvollen, bindungsorientierten Erziehung hat Susanne Mierau den Begriff „geborgen wachsen“ geprägt. Unter diesem Titel bloggt die dreifache Mutter und so heißt auch ihr bislang bekanntestes Buch. Ging es darin noch vor allem um die Babyzeit, liegt seit einigen Tagen der Nachfolger „Geborgene Kindheit“ in den Regalen. Hier geht es vor allem um die Entwicklung nach dem ersten Geburtstag bis zum Schulalter. Beide sind, so wie es die Leser ihres Blogs auch gewohnt sind, sehr zugewandt und nicht etwa belehrend geschrieben und halten auch konkrete Empfehlungen bereit, etwa für guten Schlaf, einen vertrauensvollen Umgang oder mehr Entspannung finden.

Das ist übrigens allen drei Büchern gemein: Die Lektüre bietet viele Anregungen für das Familienleben. Nicht alles wird immer und überall möglich sein. Aber, und das ist auch die Aussage der Autorinnen, schon kleine Schritte helfen, mehr Ruhe, mehr bewusst gestaltete Gemeinsamkeit in das Leben mit Kindern zu bringen. Aber Achtung: Beim Durchlesen auf einen Rutsch kann einen so viel gut gemeinte Ansprache auch mal überfordern – gerade wenn im eigenen Leben zwischen Wunsch und Wirklichkeit das Chaos tobt. Noch wertvoller sind die Bücher deshalb beim Immer-wieder-in-die-Hand-nehmen. Schon das Schmökern und Blättern zwischendurch ist eine kleine Auszeit für Eltern, das gezielte Nachschlagen zu bestimmten Themen hilfreich, wenn die Trickkiste daheim leer ist und Mütter und Väter mit ihrem Latein am Ende sind. So wird man auch angeregt, bereits wieder Vergessenes, im Alltag Untergegangenes erneut zu probieren oder zunächst Hintenangestelltes doch noch einmal zu beherzigen.

Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Susanne Mierau sowie Julia Dibbern und Nicola Schmidt sind nicht die Einzigen, die sich Vereinfachung und Entspannung auf die Fahnen geschrieben haben. Auch auf anderen Elternblogs und Instagram-Accounts von (vor allem) Müttern geht es häufig um zugewandte Erziehung, einfache Freuden und naturnahes Erleben. Da werden Blätter gesammelt, Cremes angerührt, Babys in Tüchern getragen und mitwachsende Familienbetten präsentiert. Das wirkt oft alles sehr harmonisch und idyllisch – und für Mütter und Väter, die permanent das Gefühl haben, sich zwischen den Bedürfnissen der Kinder, dem Beruf und dem eigenen Anspruch aufzureiben, wohl oft auch illusorisch.

Da ist es sympathisch und erleichternd, wenn Profis wie Susanne Mierau in ihren Blogs auch von durchwachten Nächten, maulenden Kindern und gescheiterten Ausflügen berichten – und von ihrem täglichen Neuanfang beim Bemühen, das Leben für sich und die Kinder gelassen zu gestalten. Auch das Duo Dibbern/Schmidt hat in seinem Buch ganz eigene, persönliche Erlebnisse veröffentlicht, in denen beschrieben wird, welchen Weg die beiden Mütter ihrerseits gegangen sind und welche Hindernisse es dabei zu überwinden gab. Hier sind keine Super-Mamas am Werk, sondern Frauen, die mit viel Selbstreflexion immer wieder daran arbeiten, ihr Familienleben schöner zu machen. Da kann man sich durchaus etwas abschauen.

Buchtipps

Slow family. Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern, Julia Dibbern/Nicola Schmidt, Beltz, 224 Seiten, 16,95 Euro Quelle: gpt
Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden, Susanne Mierau, Kösel, 176 Seiten, 16,99 Euro Quelle: gpt
Geborgene Kindheit. Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten, Susanne Mierau, Kösel, 176 Seiten, 16,99 Euro Quelle: gpt

Von Jana Brechlin/RND

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