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Neuromodulation

INI wird zum Zentrum für Nervenschrittmacher

Experten vom International Neurosience Institute (INI) in Hannover helfen Patienten mit Parkinson, chronischem Schmerz oder Inkontinenz.
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So groß wie eine Streichholzschachtel ist der Impulsgeber für den Nervenschrittmacher.

So groß wie eine Streichholzschachtel ist der Impulsgeber für den Nervenschrittmacher.

© INI

Sich durch die Stuhlreihen in einem Seminarraum zu schlängeln, ist für Michael Krone nicht selbstverständlich. Der 53-Jährige leidet an einer fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung, die ihm bis vor eineinhalb Jahren selbst kleine Alltagstätigkeiten unmöglich machte. Sein größtes Problem: Phasen völliger Bewegungsunfähigkeit wechseln sich mit zappelnden Bewegungen ab. 32 Tabletten musste Krone jeden Tag einnehmen – gegen die physischen Störungen konnten diese jedoch wenig ausrichten. Geholfen hat ihm ein sogenannter Nervenschrittmacher, der 2008 im hannoverschen International Neuroscience Institute (INI) in sein Gehirn eingesetzt wurde. „Ich bin ganz begeistert“, sagt Krone, der sich nun wieder flüssig bewegen kann. „Ich würde das jederzeit wieder machen.“

Das INI hat sich zu einem regelrechten Zentrum für Nervenschrittmacher entwickelt. Neben der weit verbreiteten Tiefenhirnstimulation gegen Parkinsonsymptome wie Bewegungsstörungen oder Zittern sind die Experten darüberhinaus auch auf Nervenschrittmacher für verschiedene andere Anwendungen spezialisiert. Die Bandbreite reicht dabei von chronischen Schmerzen oder Rückenproblemen bis hin zur Inkontinenz. „Wir bieten also Neuromodulation von Kopf bis Fuß“, erklärt Prof. Dieter Hellwig, Leiter der funktionellen Neurologie im INI. „Dieses komplexe Angebot ist bundesweit herausragend.“

Bekannt ist die Technik der Neuromodulation schon seit etwa 20 Jahren. Die Idee: Mit einer feinen Elektrode werden direkt am betroffenen Nerv oder im zuständigen Hirnareal kleine Reizstromimpulse gesetzt, die Fehlfunktionen der Nerven unterdrücken können. Über ein Kabel ist die Elektrode mit einem Impulsgeber verbunden, der wie ein Herzschrittmacher unter der Haut sitzt. Der Patient kann über ein externes Steuergerät den Reizstrom ein- oder ausschalten und dessen Eigenschaften verändern. Damit die bestmögliche Wirkung erzielt wird, passen Hellwig und sein Kollege, der Neurologe Prof. Hans-Joachim Freund, den Impulsgeber nach der Operation individuell für jeden Patienten an.

Wo genau die winzige Elektrode für die Neuromodulation implantiert wird, hängt von den jeweiligen Beschwerden ab. Bei dem ehemaligen Gastronomen Lothar Kienzler beispielsweise reduziert der Nervenschrittmacher am Rückenmark die extrem starken Schmerzen, unter denen der 44-Jährige nach einem Bandscheibenvorfall und mehreren Operationen leidet. Dadurch fühlt sich Kienzler heute wieder fit genug für eine Umschulung und die Rückkehr ins Arbeitsleben. Auch Doris Gotthardt ist durch den Nervenschrittmacher endlich von den Schmerzen befreit, die sie seit einem Hundebiss in den linken Arm und mehreren vergeblichen Operationen quälen.

In einem ganz anderen Bereich liegen die Probleme der 74-jährigen Waltraud von der Osten. „Ich hatte einen schweren Darmvorfall und konnte den Stuhl überhaupt nicht mehr regulieren“, berichtet sie – und spricht eine Erkrankung an, die in Deutschland immer noch als Tabuthema gilt. „Vor allem Frauen leiden unter Harn- oder Stuhlinkontinenz“, bestätigt Michael Roblick vom Enddarmzentrum Hannover, das mit dem INI bei der Behandlung von Inkontinenzpatienten mit Nervenschrittmachern kooperiert. „Mit einer Elektrode im Sakralnerv versuchen wir, indirekt die Haltefähigkeit von Blase und Darm zu stärken“, erklärt Roblick. „Vorher werden natürlich sämtliche konservativen Behandlungsansätze von Medikamenten bis zum Beckenbodentraining ausgeschöpft.“

Bislang seien die Möglichkeiten, die die Neuromodulation bietet, in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, bedauert Hellwig. Dabei würden ständig neue Anwendungsgebiete erforscht. Beispielsweise könnte der Reizstrom bei stark Übergewichtigen den Appetit zügeln oder psychische Erkrankungen wie Depressionen lindern. Internationale Forschungsgruppen überprüfen zudem, inwieweit der Nervenschrittmacher jüngeren Parkinsonkranken helfen kann – und ob dessen Einsatz den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst. Der Nachteil der Methode ist ihr relativ hoher Preis. Allein der Impulsgeber kostet 12.000 bis 15.000 Euro. Bei Patienten, die teure Medikamente benötigen, amortisiere sich die Investition einer Studie zufolge allerdings schon binnen einem bis eineinhalb Jahren, sagt Hellwig. Sind die Erfolgsaussichten bei einem Patienten gut, übernehmen viele Krankenkassen die Therapie im Rahmen der Einzelfallprüfung.

Informationen zur Neuromodulation gibt es bei einem Patientenforum im INI, Rudolf-Pichlmayr-Straße 4, am Mittwoch, 24. März, um 17 Uhr.

[Nicola Zellmer]

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