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Wenn Denken und Fühlen wieder eins werden

Auftakt zur neuen Tai-Chi-Serie Wenn Denken und Fühlen wieder eins werden

Stress, innere Unruhe und ewige Nervosität sind typische Begleiterscheinungen unserer heutigen Lebensweise – mit Tai-Chi findet manch einer wieder zurück zu sich selbst und zu innerer Ruhe.

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Die Angst vor dem Superkeim

Die Einheit von Körper, Geist und Seele: Darauf kommt es Tai-Chi-Lehrer Andreas Gran in seinen Kursen an.

Quelle: Krus

Leipzig. Für Andreas Gran ist Tai-Chi zu unterrichten weitaus mehr als ein Job. Für ihn ist es Berufung und Leidenschaft in einem. Die fernöstliche Bewegungskunst und die damit verbundenen Philosophien sind für den 35-Jährigen längst zu einem festen Bestandteil seines Alltags und Lebens geworden. Wer sein Studio für traditionelle chinesische Kampfkünste in der trendigen Leipziger Südvorstadt betritt, merkt sofort, dass hinter der schmucken Altbaufassade die Uhren noch etwas anders ticken. Es ist still, im Hintergrund läuft leise, dezente asiatische Musik, es riecht nach grünem Tee und Räucherstäbchen.

An der Stirnwand des weitläufigen Übungsraums steht, worauf es Gran in all seinen Kursen und auch grundsätzlich im Leben ankommt: die „Einheit von Körper, Geist und Seele“. Die kann einem in der turbulenten Umgebung deutscher Großstädte mitunter schon mal abhandenkommen.

Das Denken ist in unseren Breitengeraden zu stark ausgeprägt

Andreas Gran, der, wie die buddhistischen Mönche, seine Haare kurzgeschoren trägt, flieht auch deshalb regelmäßig in die südchinesische Provinz. Für ihn sei diese reizarme Umgebung so etwas wie ein mentales Abklingbecken. „Der Geist“, sag Andreas Gran „brauche eben ab und zu mal etwas zum Anhaften“. Um sich gänzlich abzunabeln, benötigt auch ein nach außen so tiefenentspannt wirkender Mensch wie der junge Leipziger „etwa sechs bis acht Wochen“. Woran das liegt? Der Tai-Chi-Lehrer ist davon überzeugt, dass „das Hirn in unseren Breitengraden bei vielen Menschen schlicht hypertrophiert ist“. Das Denken sei oftmals zu stark ausgeprägt, das Gehirn dadurch permanent überlastet. Die Chinesen, so Gran, seien da gänzlich anders. „Sie funktionieren über das Gefühl, nicht über das Denken.“ In China sei das Herz so etwas wie der General, das schlage sich auch im täglichen Sprachgebrauch nieder: Statt „ich denke“ heiße es in China oftmals „ich fühle“. Die Unvereinbarkeit von Denken und Fühlen, die er oftmals auch bei neuen Kursteilnehmern spürt, die werde am besten im Bild eines Flaschenhalses deutlich. Ein Austausch zwischen beiden Bereichen sei durch diesen engen Hals kaum möglich.

Verbesserung von Körperbewusstsein und Gesundheit

Mit Hilfe von Tai-Chi lässt sich das ändern – vorausgesetzt, die Kursteilnehmer lassen sich drauf ein. Gran legt in seinen Kursen auch deshalb einen Schwerpunkt auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Gut geeignet seien dafür Partnerübungen. „So bekommen die Leute ein unmittelbares Feedback vom Gegenüber“, erklärt der Tai-Chi-Lehrer. Durch das Üben – gleich ob Tai-Chi, Qigong, oder Yoga – bekommt man auf lange Zeit außerdem auch einen besseren Draht zu sich selbst. Das Körperliche ist dabei nur der offensichtlichste Aspekt.

Neben der Verbesserung des eigenen Körperbewusstseins sind auch die gesundheitlichen Aspekte im Tai-Chi maßgeblich: Durch die gleichmäßige Beanspruchung fast aller Muskelgruppen können in manchen Fällen Beschwerden wie Rückenschmerzen, Stress, Schulter- und Nackenverspannungen sowie Gelenkschmerzen und Schlafstörungen gelindert werden. „Vorausgesetzt, die Übungen finden Einzug in den Alltag.“ Regelmäßiges Üben sei für den gesundheitsfördernden Effekt absolut wichtig. Er selber übt – je nach Zeit – ein bis zu drei Stunden pro Tag – bei seinen Aufenthalten in China mitunter sogar den ganzen Tag. Dabei geht es ihm vordergründig allerdings nicht um die Perfektionierung der Bewegungsabläufe, sondern um die Verinnerlichung der damit verbundenen Philosophie.

„Hast du es eilig, dann gehe langsam“

Um seinen chinesischen Lehrmeistern in Gänze zu folgen, hat Gran Chinesisch gelernt – nach mehreren längeren Aufenthalten im Reich der Mitte spricht er die Sprache heute fließend. „Wenn ich nur versuche, die Bewegungen zu imitieren, habe ich noch nichts von den übrigen 90 Prozent verstanden, die im Inneren vor sich gehen. Tai-Chi ist mehr als nur ein bisschen sanfte Bewegung zum Ausgleich“, sagt Gran. Einen Lehrsatz, den er aus China mitgebracht und verinnerlicht hat: „Hast du es eilig, dann gehe langsam.“

Tai-Chi sei eigentlich ein daoistisches Grundprinzip, mit dem sich die Welt beschreiben ließe – der ständige Wandel zwischen Yin und Yang. Das Symbol dafür, die schwarze und weiße ineinandergreifende Welle, findet sich auch an der Decke des großen Übungsraumes. Immer wieder zeigt er im Gespräch darauf, verweist auf das Grundprinzip des Tai-Chi.

Es geht um die Gegensätze und Wechselspiele im Alltag beziehungsweise im Leben überhaupt, die sich auch in den fließenden Bewegungen des Tai-Chi wiederfinden: „Steigen und Sinken, Öffnen und Schließen, Einatmen und Ausatmen, Festhalten und Loslassen“, zählt Andreas Gran auf. Wie sehr der 35-Jährige diese Prinzipien verinnerlicht hat, das wird deutlich, wenn man ihm beim Üben zuschaut – da ist er völlig bei sich, beinahe von der Außenwelt abgekapselt, könnte man meinen. Der hektische Alltag, das quirlige Treiben vor der Eingangstür zu seinen Übungsräumen im Zentrum Leipzigs, scheint vergessen – zumindest für diesen Moment.

Neue Tai-Chi-Serie startet

Andreas Gran (35) ist Lehrer für Tai-Chi, Qigong, Kung-Fu und Selbstverteidigung in Leipzig ( wujian-leipzig.de). Bei mehrwöchigen Aufenthalten in Südchina bildet er sich regelmäßig im Mutterland der asiatischen Kampf- und Bewegungskünste fort. In den kommenden Wochen stellt er in der Rubrik „Durchatmen“ Einzel- und Partnerübungen aus dem Tai-Chi vor. Sie sind allesamt so ausgewählt, dass auch Anfänger die Bewegungsabläufe problemlos ausführen können. Ergänzend zu der Serie auf dieser Seite, gibt es Videolinks zur weiteren Veranschaulichung und Bewegungskorrektur. Weitere Informationen gibt es auch unter http://www.taijiquan-qigong.de/.

Von RND/Carolin Burchardt

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