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Unipräsidentin setzt auf „Entschleunigung“

Beisiegel will Kreativität statt Druck


Phasen des Drucks sind notwendig, aber es muss auch Zeit und Raum für Kreativität geschaffen werden, meint Prof. Ulrike Beisiegel, die neue Präsidentin der Universität Göttingen. Nachdem in den vergangenen Jahren im Zuge der Exzellenzinitiative der Druck auf die Wissenschaftler gestiegen sei, wolle sie für „Entschleunigung“ sorgen, erklärte die Präsidentin. Mehrere 100 Menschen folgten in der vollbesetzten Aula am Wilhelmsplatz ihren Ausführungen.

Diskussion über die Bedingungen für wissenschaftliches Arbeiten und Studium: Joachim Klein, Angela Brünjes, Ulrike Beisiegel,
Wilhelm Krull und Gerd Litfin (von links) in der Aula der Universität.

© Vetter

Beisiegel stellte das Beurteilungssystem von Wissenschaftlern (Zahl der Publikationen, Menge des eingeworbenen Geldes) in Frage. Sie riet den Kollegen dazu, sich nicht an jeder großen Ausschreibung zu beteiligen. Sie sollten den Mut haben, auch eigene Ansätze zu verfolgen. Außerdem regte sie an, Doktoranden, die ihre Arbeit nicht in drei Jahren schafften, unbürokratisch eine Verlängerung um ein halbes Jahr einzuräumen. Damit unterstrich sie zugleich den Titel ihres Vortrags: „Wissenschaftlicher Fortschritt: Kreativität braucht Zeit und Raum“ in der Ringvorlesung „Vom Nutzen des Nutzlosen“. Die Präsidentin versprach, die Wissenschaftler von Verwaltungsarbeit zu entlasten. Sie empfahl, häufiger am Telefon das direkte Gespräch zu suchen, statt ausschließlich auf dem Postweg zu kommunizieren. Außerdem mahnte sie mehr Effizienz in der universitären Selbstverwaltung an. Die Gremienarbeit stelle „keinen Selbstzweck“ dar.

Wichtig ist Beisiegel auch eine Verbesserung der Lehre. Sie kündigte entsprechende Weiterbildungsangebote für Professoren an. Ziel müsse es sein, bei Studierenden ein so großes Interesse am Fach zu wecken, dass sie aus Neugier auf eigene Faust weiter forschten. Die Präsidentin will sich zudem für mehr Familienfreundlichkeit und mehr Internationalität an der Universität einsetzen. Alle diese Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass Wissenschaftler Zeit und Raum für Gespräche miteinander finden. Bisher prägten oft Neid und übertriebene Konkurrenz das Miteinander, so die Präsidentin. Das Zurückhalten von Informationen behindere jedoch den wissenschaftlichen Fortschritt. Kritisch merkte sie an, dass es in den Lebenswissenschaften ein Defizit an kritischer Reflektion gebe. Naturwissenschaftler müssten mit Sozial- und Geisteswissenschaftlern über die Auswirkungen ihrer Forschungen sprechen. Eine „zugepflasterte Welt“, wo „alle Pillen essen“ würden, könne nicht das Ziel sein.

Als Vorbild für das „ruhige, interdisziplinäre Gespräch“ nannte Prof. Joachim Klein , Präsident der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft, in der anschließenden Podiumsdiskussion, die Tageblatt-Ressortleiterin Angela Brünjes moderierte, die Akademien. Klein lobte die zunehmende Verschulung der Promotion. Dadurch werde der „theoretische Unterbau“ besser. Dem widersprach der ehemalige Unternehmer Prof. Gerd Litfin (Linos) von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Die Industrie habe an Doktoren bisher geschätzt, dass sie schon einmal eigenständig ein Projekt durchgeführt hätten. Das neue System mache sie unselbstständig. Litfin berichtete, dass die Industrie mit den neuen Bachelor-Absolventen der Unis unzufrieden sei. Sie müssten in Unternehmen nachgeschult werden. Lediglich aufgrund des wachsenden Fachkräftemangels würden sie genommen.

Dr. Wilhelm Krull von der VW-Stiftung lobte das Göttinger Modell, das auf eine Vernetzung der Universität mit außeruniversitäten Forschungseinrichtungen setze. Der Vorsitzende des Stiftungsrates der Universität Göttingen machte darauf aufmerksam, dass die Europäische Union der größte Wissenschaftsraum der Welt sei. Die großen Basisinnovationen erfolgten aber woanders. Michael Caspar

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