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Armut und ihre statistischen Erfassung

Diskussion: „Wie viele Arme gibt es auf der Welt?“


Mit der Frage „Wie viele Arme gibt es auf der Welt?“ beschäftigte sich eine Diskussion in der Denk-Bar im Göttinger Apex. Prof. Stephan Klasen von der Abteilung für Entwicklungsökonomik der Georg-August-Universität Göttingen stellte die Frage in den Raum.

Leben in Armut: Slum in Mumbai.

© AFP

Klasen, seit 2003 in Göttingen lehrender Entwicklungsökonom, promovierte 1994 in Harvard und war als Berater bei der Weltbank tätig. Auf die Frage „Wie viele Arme gibt es auf der Welt“ gebe es mehrere Antworten, erklärte er. Hintergrund der Diskussion sind die Millenniumsentwicklungsziele, die die Vereinten Nationen (UN) im Jahr 2000 in New York verabschiedeten. Das wichtigste Ziel ist die Halbierung der absoluten Armut bis zum Jahr 2015, so Klasen. Für die statistische Erfassung der absoluten Armut wird der monetäre Indikator der Weltbank herangezogen: Absolut arm war im Jahr 2000, wer weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung hat und somit lebensbedrohlich arm ist. Berechnet wurde dieser Wert anhand der nationalen Armutsgrenzen der ärmsten Länder und der tatsächlichen Kaufkraft auf Grundlage eines internationalen Preisvergleiches. Nach einem neuen Preisvergleich im Jahr 2005, bei dem mehr Länder betrachtet und genauere Methoden angewandt wurden, wurde die Armutsgrenze auf 1,25 US-Dollar angehoben. Das hatte dramatische Folgen, so Klasen.

Erhöhung der Armut

Die im Jahr 2000 für die Millenniumsziele angenommene absolute Armut von 29 Prozent der Bevölkerung der Entwicklungsländer wurde nun auf 42 Prozent erhöht. Verzerrungen gebe es aber viele, so Klasen. So habe sich der neue Preisvergleich vor allem auf Güter bezogen, die in allen Ländern identisch sind – oftmals Markenprodukte – aber für die Masse nicht repräsentativ. Auch die Haushaltsstichproben zur Feststellung des Ausmaßes der Armut seien Ungenauigkeiten unterworfen. Somit bestehe eine erhebliche Unsicherheit über das Niveau der absoluten Armut. Ein Trend der Armutsreduzierung sei aber nach wie vor erkennbar.

In der anschließenden Diskussion wurden Fragen zu anderen Möglichkeiten der Armutsberechnung aufgeworfen. Zum Beispiel, ob nicht die gefühlte Armut gemessen werden könne. Klasen antwortete, dies sei zwar durch eine Befragung möglich, allerdings würde dadurch nur eine relative Armut in Bezug zu besseren Lebensstandards evaluiert werden. Ein weitere Frage war, ob die Reduzierung der Armut auch auf die hohe Sterberate durch Aids zurückzuführen sei. Klasen widerlegte dies größtenteils, indem er zu bedenken gab, dass in China und Indien die Aidsrate geringer sei als in Afrika, die Armutsreduzierung aber höher. Ein anderer Zuhörer vermutete, dass die Armut zwar quantitativ zurückgegangen sei, dafür aber die Armen noch ärmer seien. Klasen gab zu, dass der Indikator nur messe, ob und nicht wie weit die Menschen unter der Armutsgrenze liegen. Je weiter man sich aber von einer genauen Definierung entferne, so Klasen, desto schwieriger werde auch die Messung. Zusammenfassend erklärte Klasen, dass präzise Grenze für Armut vielleicht nicht definierbar sei, die Trends aber zumindest Aufschluss geben, dass eine Reduzierung möglich ist.

Von Noreen Hirschfeld

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