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"Psychoanalytisches Interesse an Zeitdiagnose"

Globalisierung: Negativer Einfluss auf Menschen


Eine nur medizinisch ausgerichtete Psychoanalyse ist nur die Hälfte dessen, was Psychoanalyse kann. Psychoanalyse müsste viel politischer sein.

Eine These, die Michael B. Buchholz vertritt. Er ist unter anderem Professor für Psychoanalyse an der Universität Kassel und Lehranalytiker am Lou-Andreas-Salomé-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie (Lasi) in Göttingen. Das Institut veranstaltete einen Vortragsabend mit Buchholz, um die Zusammenhänge und Folgen der Globalisierung unter Berücksichtigung der Psychoanalyse zu vertiefen und Schnittstellen zu anderen Bereichen aufzuzeigen. Einen besonderen Fokus legt der Soziologe dabei auf das Thema Gewalt.

Eine entschuldigende Bemerkung schickte Buchholz vorweg. Er müsse seinem Auditorium ein bisschen was zumuten. Ganz einfach sei das Thema nicht, und man könne es auch nicht simplifizieren, sagte er, bevor er seinen Streifzug durch zwei Jahrtausende der menschlichen Auseinandersetzung mit sich selbst startete.

„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, das sagte Ovid bereits vor 2000 Jahren, unter anderem habe Bob Dylan diese Beobachtung in den sechziger Jahren mit „The times, they are changing“ aufgegriffen. Buchholz hat Bushido zwar nicht erwähnt, aber der bringt diesen Prozess zumindest im Titel seines Films auf den Punkt: „Zeiten ändern dich“.

Das „psychoanalytische Interesse an Zeitdiagnose“ speise sich aus dem tiefen Wunsch, nicht nur sich, sondern sich in der Welt zu verstehen, erläuterte Buchholz. Die Globalisierung habe großen zum Teil auch negativen Einfluss auf den Menschen. Sie enthemmt, es gibt keine Empathie, kein Mitgefühl und keine Scham mehr, lautet Buchholz These. In einem Familienunternehmen wäre einem Manager eine Massenentlassung sicherlich peinlich, in einem Weltkonzern spiele das keine Rolle. Man könne sich einerseits in der Anonymität großer Gruppen verstecken, zum anderen kenne man die Menschen, über die man entscheidet nicht persönlich. Ein wichtiger Mechanismus für den Verfall der Moral und das fehlende Mitgefühl sei das Abschalten und der Gedanke, „wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer.“ Diese Entscheidung treffe der Mensch bewusst.

„Wir sind für mehr verantwortlich als wir glauben“, betont Buchholz und stellt in einem Beispiel aber auch die Machtlosigkeit des Einzelnen heraus: Dass die Fotos von irakischen Atomwaffen, die Außenminister Colin Powell vorgelegt hat, um von der Notwendigkeit des Irakkrieges zu überzeugen, gefälscht gewesen seien, sei nicht zu übersehen gewesen. „Aber, wenn Sie mich fragen, was man hätte machen können – ich weiß es auch nicht.“

Von Eida Koheil

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