„Einigen Dingen wohnt die eigentümliche Kraft inne, den Menschen mit seiner Vergangenheit zu verbinden“, sagt der Volkskundler Prof. Andreas Hartmann von der Universität Münster. Zusammen mit einer Gruppe Studierender am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie führt er ein Sammel- und Forschungsprojekt über Kleidungserinnerungen durch.
„Das Projekt befasst sich mit den Erfahrungen, Erinnerungen, Erlebnissen und Geschichten, die auf eine persönliche Weise mit Kleidung verknüpft sind“, erklärt Hartmann. Mit Kleidungsstücken meint er auch Accessoires, Schmuck, Taschen, Hüte und alles, „was man am Körper tragen kann“. „Wir haben erst innerhalb der Studierenden und ihrer Familien, Freunde und Bekannten gesucht“, sagt der Volkskundler. Nun suche man überall nach Kleidungsstücken oder Erinnerungen an diese. Am Ende des Projekts sollen die interessantesten Einsendungen und Geschichten in einem kleinen Lesebuch zusammengefasst werden.
Zusammengekommen sind bis jetzt weit über 150 solcher mit Kleidung verwobener Erinnerungen, „jede einzelne von ihnen ist ein Blick in die Welt der Wünsche und der Ängste, der Lebensgefühle, der Erfahrungen und der Bindungen, die den Menschen prägen“, so Hartmann. „Die Menschen sind keine Schriftsteller, aber in ihren Texten findet sich ein hoher Grad der Ergiffenheit“, sagt er. So wie die Geschichte über das Taufkleid, das eine Familie schon seit mehreren Generationen begleitet und so „Kultstatus“ erlangt hat. Oder der mit Pfauen aus Pailletten bestickte Pullover einer heute 35-jährigen russischen Krankenschwester, den sie sich am Tag der deutsch-deutschen Wiedervereinigung in Moskau kaufte, und der sie seitdem begleitet und für sie zu einem Synonym für Aufbruch und Freiheit geworden ist.
Aber auch Geschichten, die zum Schmunzeln anregen, finden sich unter den Erinnerungen: In seinem nach langem Suchen erfolgreich erstandenen Herrennachthemd (hellblau, mit Hemdkragen, sehr großzügig geschnitten, eine Dreier-Knopfleiste und Brusttasche) machte ein Mann eine Führung durch einen toskanischen Weinberg.
„Wenn sich die Menschen an ein bestimmtes Kleidungsstück erinnern, erinnern sie sich auch meist an diesen Lebensabschnitt mit all seinen Emotionen. Man geht mit sich selbst auf Zeitreise“, sagt Hartmann. Und dadurch, dass die Menschen auf dieses Stück oder eben die Erinnerung zurückgreifen können, vergewissern sie sich ihrer eigenen Existenz. Kleider mögen also Menschen machen, aber Menschen geben Kleidern erst ihre Bedeutung.
Wer seine eigenen Erinnerungen weitergeben will, kann diese an Prof. Andreas Hartmann, Seminar für Volkskunde / Europäische Ethnologie, Scharnhorststraße 100 in 48151 Münster, schicken.
Von Corinna Berghahn
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