Der aus Basel stammende Göttinger Musikwissenschaftler Prof. Martin Staehelin hat diese Beziehung erforscht und dabei bislang unbekannte Quellen aus Basler Privatbesitz ausgewertet. Die Ergebnisse seiner Forschungen stellte im Göttinger Lichtenberg-Kolleg vor. Musikalisches Interesse dokumentiert sich schon bei dem 14-jährigen Burckhardt. 1833 legte der Knabe ein Musikheft mit dem Titel „Composizioni di Giacomo Burckhardo“ an. Die dort niedergeschriebenen Kompositionen lassen vermuten, so Staehelin, dass Burckhardt als Kind musikalischen Unterricht erhalten hat. Es finden sich in dem Heft Walzer, Choräle, eine Begleitmusik zur Hinrichtung Ludwigs XVI., ein „Dies irae“ und vieles andere: Viele von diesen Stücken dürften Begleitmusiken zu Puppentheateraufführungen des jungen Burckhardt – Spitzname „Keebi“ oder „Köbi“ – gewesen sein.
Man merkt diesen Stücken allerdings an, dass der junge Komponist wohl Dilettant auf diesem Gebiet war: Ein Lehrer hätte offenkundige Fehler gewiss korrigiert. Weitere musikalische Aufzeichnungen Burckhardts, darunter auch Skizzen, sind in einem Musik-Sammelband erhalten, der ursprünglich Burckhardts Tante Lene gehörte.
Mit 20 Jahren wurde Burckhardt Mitglied des Zofinger Männergesangvereins. Dann trat er dem Basler Gesangverein bei, wo er unter anderem in Beethovens Oratorium „Christus am Ölberge“ mitwirkte. Diese Musik bewunderte Burckhardt nachhaltig, er fand sie „unsäglich schön“. In seiner Studienzeit in Berlin ging er gern in die Oper, wo er etwa Glucks „Armida“ und Aubers „Le Lac des Fées“ hörte. Außerdem wurde er Sänger im Privatchor des Musikwissenschaftlers Carl von Winterfeld, bei dem er viele Werke der Alten Musik kennenlernte.
Eine Durchsicht der erhaltenen Notenbestände Burckhardts – neben autographen Notenblättern mehr als 130 gedruckte Notenausgaben – belegt die musikalischen Vorlieben des Kulturhistorikers, etwa für besonders kantable Passagen in Schuberts As-Dur-Messe, wie Eintragungen Burckhardts zeigen. Interessanterweise fehlen Bach und Händel, ebenso der späte Beethoven.
Den Komponisten Richard Wagner, dessen Werke ebenfalls in diesem Notenbestand fehlen, hat Burckhardt nach Angaben von Staehelin aus tiefster Seele gehasst. Burckhardt nannte Wagner einen „Mörder der Oper“, bezeichnete die „Meistersinger“ verächtlich als „irgendeinen romantischen Schwindel“ und warnte vor Wagner als „Analogon zum drohenden Cäsarismus“.
Burckhardts Beziehung zur Musik, so Staehelin abschließend, beruhte auf Begabung und Neigung, war von der klanglichen Anschauung und von einem historischen Verständnis der Musik geprägt. Sein besonderes Interesse lag auf der Oper und der Kirchenmusik zwischen 1750 und 1870. Symphonik und Kammermusik spielten in Burckhardts musikalischer Welt dagegen keine Rolle. Am höchsten habe für ihn „alles, was kantabel und melodiös ist“, gestanden, resümierte Staehelin. Dies entspreche Burckhardts Verehrung für Raffael, den „Maler sanft gezogener Linien“. Das Spielen und Hören von Musik sei für Burckhardt „ein ganz unbedingtes Lebensbedürfnis“ gewesen.
Von Michael Schäfer
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