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Akademiewoche

Wortklauberei und neue Interpretationen


Die Göttinger Akademiewoche beschäftigt sich in ihrer fünften Auflage mit dem Thema „Sprache der Dichtung – Sprache der Wissenschaft“. Unter verschiedenen Aspekten beleuchten die geladenen Redner dieses ebenso spannungsreiche wie phantasievolle Wechselspiel. Den Auftakt machte am Montag im Alten Rathaus der Göttinger Germanist Prof. Heinrich Detering mit einem Vortrag zu „Farbenlehre und Lichtkult – Goethes Dornburger Gedichte“.

Legt Goethes naturwissenschaftliche Studien dar: Germanist Detering im Alten Rathaus.

© Hinzmann

Die 1828 geschriebenen und als Dornburger Gedichte bekannt gewordenen Verse aus dem Spätwerk Goethes sind dem aufgehenden Vollmond und dem Licht der Sonne gewidmet. Aus ihnen spricht die Poesie der kunstfertigen sprachlichen Reduktion. Die Leichtigkeit des ersten Lesen gefällt ebenso wie die nähere Beschäftigungen mit den teils rätselhaften und mythischen Aspekten der Gedichte. Steht doch hinter dem Diptychon, folgt man Deterings Interpretation, nicht weniger als die Quintessenz aus Goethes naturwissenschaftlichen Studien zu Farbenlehre, Meteorologie und Alchemie.
Verbunden werden sie zu einer stark christlich geprägten, naturreligiösen Poesie; quasi zu einer poetischen Weltformel des Wandlers zwischen Naturwissenschaft, Metaphysik und Dichtkunst.

Protokoll des nahenden Lichts

Sahen bisher die Goethe-Experten in den Dornburger Gedichten die Beschreibung eines Nacht- und Tagablaufs und im übertragenen Sinne ein Bild für den Kreislauf des Lebens, so wartete Detering in seinem Vortrag mit einer anderen Interpretation auf, die er detailgenau zu belegen vermochte: Im zweiten Dornburger Gedicht beschreibe Goethe „ein Protokoll des nahenden Lichts“ und damit den Sonnenaufgang, nicht den gesamten Tageslauf der Sonne. Zeugnisse dafür findet Detering wortklauberisch aber überzeugend gerade in der Zusammenführung von wissenschaftlichen und poetischen Sprachelementen.
So führt die Sonne, die „rötlich scheidend, rings den Horizont vergoldet“, Goethes Farbenlehre, seine Wolkenkunden und das Ziel aller Alchemisten zum Kumulationspunkt: Der Wegbereitung des Goldenen, des Lichts, von Goethe durch den dankbaren und demütigen Betrachter der Szenerie ins Religiöse überhöht. So können die Dornburger Gedichte nicht zuletzt als ästhetisches und tiefgründiges Bespiel für eine gelungene und bis ins letzte Detail verfeinerte Zusammenarbeit von wissenschaftlicher Sprache und der Sprache der Poesie gelesen werden.

Von Isabel Trzeciok

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