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Warum sich Handwerk lohnt

Im Experten-Interview: Christian Frölich, Kreishandwerksmeister, und Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen

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Starkes Handwerk als Gerüst

Kreishandwerksmeister Christian Frölich bei Eröffnung der Messe „Zukunft Handwerk“ im Göttinger „Kauf Park“.

Quelle: Foto: Riese

Herr Gliem, Herr Frölich, das Göttinger Tageblatt hat die Kampagne „Zukunft Handwerk – Die Ausbildungsoffensive 2016“ gemeinsam mit Ihnen entwickelt. Das Motto klingt vielversprechend. Was steckt dahinter?

Frölich: Wir stecken mittendrin, in tiefgreifenden demografischen und bildungspolitischen Umwälzungen. Die sinkenden Schülerzahlen und die starken Wanderungsbewegungen in den akademischen Bereich entziehen der beruflichen Bildung immer mehr Jugendliche. Der überhöhte Trend zum Studium ist ein Irrweg für viele, die im akademischen Bereich nicht glücklich werden. Aber auch unseren Handwerksbetrieben kann das nicht gefallen. Denn in der Folge – das wissen wir jetzt schon – werden 2030 in Deutschland etwa eine Million Facharbeiter fehlen.
Gliem: Also müssen wir werben. Werbung, um die Gunst der jungen Menschen, die für eine handwerkliche Ausbildung infrage kommen. Ein geeigneter Schritt auf diesem Weg ist die gemeinsam initiierte Kampagne „Zukunft Handwerk – Die Ausbildungsoffensive 2016“. Über mehrere Wochen wollen wir die Vielfalt der handwerklichen Berufe im Einzelnen darstellen und so das erhoffte Interesse wecken. Unter demselben Motto führten wir bereits im April eine große Ausbildungsmesse im Göttinger „Kauf Park“ durch. Hier gab es die Gelegenheit, mit dem Handwerk tatsächlich in Berührung zu kommen – es im wahrsten Sinne des Wortes zu „begreifen“.

Die Chancen in vielen handwerklichen Berufen stehen so gut wie selten zuvor, zum Beispiel im Bereich des Bäcker- oder Fleischer-Handwerks. Dennoch entscheiden sich 54 Prozent der jungen Leute heute erstmal fürs Studium. Aus Ihrer Sicht ein Problem?

Frölich: Natürlich ist das ein Problem. Diejenigen, die sich erst einmal für den akademischen Weg entschieden haben, sind in der Regel für das Handwerk verloren. Viele täten gut daran, von vornherein die handwerkliche Laufbahn einzuschlagen, weil sie hierfür eigentlich besser geeignet wären. Denn Studienabbruch ist meist auch mit Frustration verbunden. Nach sechs, sieben oder gar acht Semestern ist der Weg in eine handwerkliche Ausbildung für viele dann oftmals nicht mehr diskutabel, wohl auch deshalb, weil man sich altersbedingt nicht mehr auf der Höhe derjenigen befindet, die eine Ausbildung klassischerweise von vornherein absolvieren.

Gliem: In der Tat gibt es gerade im Bereich des Lebensmittelhandwerks aktuell beste Ausbildungs- und Beschäftigungschancen für junge Menschen. Unsere Betriebe suchen dringend Nachwuchs. Es ist kein Geheimnis, dass gerade im Bäckerhandwerk nicht die attraktivsten Arbeitszeiten herrschen. Wer aber durchhält und sich anpasst, hat auch und gerade in diesem Bereich gute Perspektiven, unter Umständen auch die Möglichkeit zur Betriebsübernahme. Bäcker und Fleischer bleiben gesuchte Leute.

Sieht allerbeste Chancen für den Nachwuchs im Handwerk: Andreas Gliem.

Quelle: Foto: R

Aber wie kann man Jugendliche letztlich davon überzeugen, das Handwerk bei der Berufswahl mit zu berücksichtigen?

Frölich: Zum Beispiel dadurch, dass die Berufsorientierung zunächst eine Pflichtveranstaltung auch in den Gymnasien wird, in dem man sie in die Lehrpläne integriert. So würde gewährleistet, dass den Jugendlichen auch Karrierechancen im Handwerk aufgezeigt werden, die der akademischen Bildung nicht nachstehen. Es ist nicht akzeptabel, dass Berufsorientierung an Gymnasien lediglich in Form einer Studienberatung stattfindet. Auch heute gilt: „Mach erst einmal eine vernünftige Ausbildung. Studieren kannst Du immer noch!“ Auf diese Weise vergibt man sich nicht der Chance, später zu entscheiden, für welchen Weg man am Ende besser geeignet ist.

Hat das Handwerk denn immer noch „goldenen Boden“, wie es früher immer hieß?

Gliem: Dieser „Boden“ wird nach unserem Dafürhalten zukünftig noch viel goldener. Wer sich heute für eine Karriere im Handwerk entscheidet, entscheidet sich richtig. Denn das Personal wird aus den besagten Gründen schon jetzt knapp. Die Handwerker bleiben gesuchte Leute und damit erhöhen sich auf der einen Seite zwangsläufig auch ihre Verdienstmöglichkeiten. Auf der anderen Seite steigen die Verrechnungsätze der Unternehmer. Das heißt konkret: Weniger Menschen im Handwerk – teurere Preise. Da wollen wir überhaupt nicht um den heißen Brei herumreden. Was dem Verbraucher missfällt, gefällt dem Unternehmer. Das ist die Logik des Marktes!

Im vergangenen Jahr hat die frech-fröhliche Image-Kampagne des Handwerks für reichlich Gesprächsstoff, bei manchen sogar für Verärgerung gesorgt. Bei jungen Leuten ist sie aber doch super angekommen, oder täuscht dieser Eindruck?

Frölich: Nein, er täuscht nicht. Wir haben mit der Kampagne – auch nach ihrer kleinen „Korrektur“ – für große Aufmerksamkeit gesorgt. Immer wieder werden wir darin bestätigt. Wir wollen heute aber gern einen Deckel auf das Fass machen, das unseres Erachtens seinerzeit mit viel zu viel Energie aufgemacht wurde. Man sollte bedenken, dass wir keine profitorientierte Organisation sind, sondern uns auferlegt haben, junge Leute als Nachwuchs für das Handwerk zu gewinnen. Insofern war die Kampagne mit Sicherheit ein guter Startschuss. Wichtig war und ist uns die Feststellung, dass uns alle willigen und fähigen Menschen, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, im Handwerk gleichermaßen herzlich willkommen sind. Das beweisen die Personalstrukturen unserer Betriebe eindrucksvoll. Wir wären schlecht beraten, wollten wir mit einer Kampagne einseitig nur eine bestimmte Personengruppe erreichen. Die Resonanz in den – modernen – Medien bestätigt, dass unsere Ansprache aus Sicht der Jugendlichen offensichtlich richtig war. Dennoch waren wir ja nicht beratungsresistent und haben unsere Flexibilität durchaus unter Beweis gestellt.

Gliem: Ungeachtet dessen beschränken wir unsere Bemühungen natürlich nicht auf die Optik. Wir ergänzen sie jetzt mit Inhalten. So haben wir bereits im letzten Jahr unser „GAuS-Projekt“ auf den Weg gebracht, demzufolge sich Schülerinnen und Schüler schon heute einen Ausbildungsplatz im Handwerk für das Jahr 2017 sichern können. Wir kümmern uns um benachteiligte Menschen durch die sogenannte Fachpraktikerausbildung, und wir vermitteln Flüchtlinge als Praktikanten in unsere Betriebe. Ein ganzer Strauß von Maßnahmen.

Hat das Handwerk trotz der erfolgreichen Motiv-Kampagne immer noch ein Image-Problem?

Frölich: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele junge Leute nach wie vor lieber in „trockene Berufe“ gehen und eher am Schreibtisch sitzen wollen, als auf der Baustelle zu arbeiten. Sie verbinden damit wohl leider eher Negatives. Sowohl die bundesweite Imagekampagne des Zentralverbandes (ZDH) als auch unsere Bemühungen dienen dem Ziel, Vorurteilen zu begegnen und die Vorzüge des handwerklichen Karrierewegs herauszustellen. Ich denke, das gelingt uns mittlerweile ganz gut und zunehmend besser.
Die neue Kampagne stellt in den nächsten Wochen eine breit gefächerte Auswahl verschiedenste Gewerke und Ausbildungsberufe vor, zum Beispiel im BLICK und auf www.gturl.de/zukunft-handwerk. Viele wissen aber gar nicht, dass das Handwerk ja noch sehr viel mehr Ausbildungsberufe bereithält – nämlich mehr als 100. Wo genau kann man sich denn eigentlich darüber informieren?

Gliem: Um genau zu sein, mehr als 130! Natürlich sind da auch durchaus exotische als auch solche Handwerksberufe dabei, die bei uns in der Region überhaupt nicht angeboten werden oder nicht unbedingt mehr „zeitgemäß“ sind. Es bleiben aber hinreichend attraktive Ausbildungsmöglichkeiten übrig, die in unseren 21 Innungen im Angebot stehen. Informationen erhält man selbstverständlich bei der Kreishandwerkerschaft, aber auch bei der Handwerkskammer.

Was kann ich nach einer Ausbildung im Handwerk eigentlich machen? Welche Möglichkeiten habe ich, um mich dann vielleicht auch noch weiterzubilden?

Frölich: Die klassische handwerkliche Ausbildung endet mit dem Gesellenbrief. Damit ist aber lange nicht Schluss. Die Möglichkeit zur Meisterprüfung schließt sich unmittelbar an und wird von uns auch im Falle der Berufe empfohlen, bei denen sie seit 2004 keine Voraussetzung mehr ist, um sich selbstständig machen zu dürfen. Meisterliche Fähigkeiten – und die heißen nicht ohne Grund so – sind immer die beste Voraussetzung für gute Qualität. Das sollte vor allem auch jedem Verbraucher bewusst sein. Möglichkeiten bestehen aber auch darüber hinaus, um den kaufmännischen und unternehmerischen Horizont zu erweitern. Hier bietet sich sicherlich die Ausbildung zum „Betriebswirt des Handwerks“ an, die mit einer Prüfung vor der Handwerkskammer und entsprechendem Titel endet. Viele unserer Unternehmer/innen haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und bestätigen, dass sich dieser Schritt gelohnt hat.

Gliem: Für besonders ambitionierte junge Leute bieten einige Handwerkskammern mittlerweile gemeinsam mit den entsprechenden Hochschulen „triale Ausbildungsgänge“ an. Leistungsstarke Jugendliche erwerben bei der Handwerkskammer Köln beispielsweise in viereinhalb Jahren drei Abschlüsse: Geselle, Meister und Bachelor of Arts. Eine optimale Vorbereitung auf Führungspositionen im Handwerk. Das „duale Studium“, das es auch schon gibt, führt zum Gesellenbrief und Bachelor-Abschluss. Gefordert wird seitens des Handwerks darüber hinaus das „Berufsabitur“, also die Ausbildung im Betrieb bei gleichzeitigem Erwerb der Hochschulzugangsberec

htigung. Noch fehlen aber leider die entsprechenden gesetzlichen Regelungen.

Lohnt es sich überhaupt noch, den „Meister“ zu machen?

Gliem: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, sagt man. Als die Europäische Kommission den Meisterbrief abschaffen wollte, fiel aber doch so manch einer aus allen Wolken. Deutschland ist schließlich weltweit dafür bekannt, dass gerade im Handwerk gut ausgebildete Fachkräfte arbeiten. Und dass vor allem Dank der Handwerksmeister/innen, die die Fachkräfte von morgen ausbilden. Der Meisterbrief legt die Basis für ein nachhaltiges und erfolgreiches Unternehmertum. Und er ist gelebter Verbraucherschutz. Die Gefahrengeneigtheit vieler Handwerke und die Sicherung einer qualitativ hochwertigen Ausbildung sind wesentliche Kriterien, die für die Aufrechterhaltung der Meisterpflicht in den 43 Handwerksberufen sprechen.

Frölich: Der Meistertitel ist Qualitätsmerkmal und Gütesiegel. Wie soll der Verbraucher unterscheiden, mit wem er es zu tun hat? Natürlich ist der Preis stets ein gewichtiges Argument. Sofern mit niedrigen Preisen gelockt wird, ist es verständlich, dass der Verbraucher überlegt. Die schlechtere Wahl hat er aber dann getroffen, wenn er mit dem niedrigen Preis unsachgemäße Arbeit einkauft, die am Ende zum Gewährleistungsfall führt. Man sollte deshalb gut abwägen, was einem die handwerkliche Arbeit wert ist. Viele Sachverständige, die aus unseren Innungen kommen, können ein Lied davon singen.

An wen kann man sich wenden, wenn man sich unverbindlich übers Handwerk informieren möchte?

Gliem: Sowohl die Kreishandwerkerschaft als auch die Handwerkskammer geben gern Auskunft über alle Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Handwerk und seinen ausbildenden Berufen stellen.

Interview: Markus Riese

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