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Das schwedische Phantom

Volvo Electric Das schwedische Phantom

Volvo scheint auf die Erfolgsspur zurückgekehrt zu sein und präsentiert ein Elektroauto, das es eigentlich nicht gibt.

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Auf leisen Sohlen in den Sylter Dünen unterwegs: Der neue Volvo Electric.

Foto: Werk

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Volvo geht es wieder gut. Das war die Kernbotschaft eines trüben Nachmittags auf Deutschlands nördlichster Ferieninsel Sylt. Seitdem die während der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Volvoraner 2011 von Ford an den chinesischen Automobilhersteller Geely verkauft wurden, ist offensichtlich wieder etwas Ruhe eingekehrt. Und der Erfolg scheint zurückzukommen: Ein sattes Zulassungsplus im ersten Halbjahr des Jahres, 1200 Neueinstellungen in Schweden und Belgien, dazu mit der 60er-Familie ein attraktives Angebot in der Mittelklasse und laut des US-Meinungsforschungsinstituts J. D. Power die zufriedensten Kunden in Deutschland ­– all das sorgt für zufriedene Gesichter bei Volvo.

In den Sylter Dünen stand die Präsentation des ersten Elektroautos im Mittelpunkt – ­der Volvo C30 Electric. Offensichtlich hat man sich dafür die Wahlkampfparole des derzeitigen amerikanischen Präsidenten zum Vorbild genom- men: Yes, we can – ja, wir können das. Denn tatsächlich bietet das Fahrzeug alles, was nach dem derzeitigen Stand der Technik realistisch ist: 150 Kilometer Reichweite, eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h sowie eine akzeptable Ladezeit von acht Stunden an der 230-Volt-Steckdose. Dass man sein erstes Elektroauto auf Basis des C30 aufgebaut hat, scheint dabei niemanden zu stören. Warum? Na, weil der Kompaktwagen 2013 vom Band genommen wird. Zwar wird es offiziell niemand zugeben, doch das Lifestyle-Auto hat nicht den Erfolg eingefahren, den man ihm zugetraut und auch von ihm erwartet hatte. Es gibt einen einfachen Grund, warum sich Volvo trotzdem für ein Auslaufmodell entschieden hat: Man hat einfach keinen anderen kleinen Wagen im Angebot. Klein müssen batterieelektrische markttaugliche Autos vorerst und auch noch auf lange Sicht sein, weil das Gewicht für die Reichweite eine entscheidende Rolle spielt.

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum Volvo das Elektromobil ohne allzu große Bauchschmerzen im C30 präsentiert: Der Wagen wird lediglich in einer Kleinserie produziert; nach schwedischer Leseart genau 250 Stück. Das muss reichen – für acht Märkte in Europa. Und: Das Fahrzeug, das nur geleast werden kann, ist eklatant teuer. 1600 Euro kostet der Wagen im Monat, nach drei Jahren ist Schluss. Warum das so ist, darüber lässt sich nur mutmaßen ­– vermutlich trauen die Schweden ihren zwei 140 Kilogramm schweren Batterien nicht so recht über den Weg, denn die dicken Brocken, die vor der Hinterachse und im Mitteltunnel platziert wurden, sind nach wie vor sensible Ware. Vor allem hinter der Lebensdauer scheint nach wie vor ein dickes Fragezeichen zu stehen. Es ist also ziemlich unwahrscheinlich, jemals einen C30 Electric zu Gesicht zu bekommen – der Wagen wird ein Phantom bleiben.

Und das ist schade! Denn bei seiner Präsentation konnte das Auto auf ganzer Linie überzeugen. Ein Drehmoment von 220 Newtonmeter sorgt für flotten Vortrieb, den Ampelspurt von 0 auf 60 km/h erledigt das Auto in unter sechs Sekunden, nach 10,9 Sekunden ist man 100 km/h schnell. Dazu lässt sich das Auto leicht und komfortabel bedienen – Rekuperieren und Segeln, also das entkoppelte Dahingleiten, funktionieren einwandfrei und lassen sich über den hippen Schaltknauf auf der Mittelkonsole leicht ansteuern. Drei Klimasysteme sorgen dafür, dass es den Batterien, dem Elektromotor und zu guter Letzt auch den Passagieren gut geht. Selbst bei minus 20 Grad Celsius sollen die Insassen noch nicht frieren, was für einen Nordländer ein wichtiges Argument ist. Die Reichweite soll dann immer noch respektable 110 Kilometer betragen. Eine spezielle App stellt dem Fahrer alle wichtigen Informationen zur Verfügung, sofern er sie nicht über die Instrumente erhält, die unter anderem den Ladezustand und den Effizienzbereich, in dem man gerade unterwegs ist, anzeigen.

Volvo-Fahrer, die der Umwelt etwas Gutes tun möchten, müssen sich trotzdem nicht grämen: Der V60 ist als Plug-in-Hybrid in Vorbereitung. Schauen wir mal, in welcher Stückzahl dieses Fahrzeug dann auf die Straße rollt. Man sollte den Schweden jedenfalls die Daumen drücken. Denn, ja, sie können es.

Von Gerd Piper

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