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Demenz so früh wie möglich behandeln

Pflege Demenz so früh wie möglich behandeln

Bei Vergesslichkeit zum Arzt?
Ja, sagt Professorin Inga Zerr im Interview. Die Neurologin leitet das Klinische Demenzzentrum an der Universitätsmedizin Göttingen, das ambulante Sprechstunden anbietet.

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Vergesslichkeit ist ein typisches Symptom bei altersbedingter Demenz.

Quelle: bilderstoeckchen - fotolia.com

Warum wurde die Demenzsprechstunde am Klinikum eingerichtet?

Wir haben schon seit längerem beobachtet, dass bei demenziellen Erkrankungen verschiedenste Symptome auftreten, die von neurologischer und von psychiatrischer Seite her angegangen werden können. Wir brauchen also die Expertise von beiden Seiten, die wir im Demenzzentrum bündeln können. Wir weisen uns Fälle gegenseitig zu, halten gemeinsame Fallbesprechungen ab und haben sehr kurze Wege. Für den Patienten, der zu uns in die Sprechstunde kommt, hat das Vorteile: Seine Wartezeit wird verkürzt, und wir können schneller diagnostizieren. Den Symptomen kann ja auch ein Vitaminmangel zugrunde liegen, eine Medikamenten-Nebenwirkung oder eine psychische Erkrankung.

Wann sollte die Demenzsprechstunde aufgesucht werden?

Vergesslichkeit ist ein typisches Symptom. Entweder der Patient selbst bemerkt das oder nahe stehende Menschen. Oder der Hausarzt bemerkt Auffälligkeiten und überweist den Patienten an uns. Auf jeden Fall sollte man aufmerksam werden, wenn jemand immer wieder über Konzentrationsschwächen oder Vergesslichkeit im Alltag klagt. Dahinter können sich Vitaminmangel oder Schlafstörungen verbergen, aber auch eine beginnende Demenz. Eine Depression äußert sich ebenfalls ähnlich. Daher sollte man nicht abwarten, sondern die Symptome abklären lassen.

Warum ist es wichtig, eine demenzielle Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen?

Viele Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt: Je früher eine Demenz diagnostiziert wird, umso besser sind die Chancen einer Behandlung, die den Krankheitsverlauf verzögern können. Ich meine, es ist leicht nachvollziehbar, dass sich eine leichte Demenz gut stabilisieren lässt und das weniger gut gelingen kann, je fortgeschrittener die Erkrankung ist, denn dann ist im Gehirn bereits einiges passiert. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Eine frühe Diagnose ist überaus wichtig, um zielgerichtet therapieren zu können.

Welche Möglichkeiten zur Therapie gibt es nach der Diagnose?

Die Therapie besteht zunächst in der Gabe von Medikamenten, die schon lange bekannt sind. Die Medikamente blockieren bestimmte Enzyme und sorgen dafür, dass genug Botenstoffe für die Kommunikation zwischen den Nervenzellen vorhanden sind. Die Studien konnten zeigen, dass so die Erkrankung für zwei bis vier Jahre verlangsamt werden kann, oder auf einem vergleichsweise niedrigen Plateau verbleibt. Einen Patienten mit einer leichten demenziellen Erkrankung kann ich leichter ansprechen und motivieren. Denn die Studien haben weiter gezeigt, dass Bewegung und soziale Kontakte die Krankheit ebenfalls positiv beeinflussen. Immer mit Rücksicht auf die persönlichen Vorlieben des Betroffenen kommen dafür leichte Sportarten wie Wandern, Spazierengehen oder Tanzen in Frage, gern in Gesellschaft. Physiotherapie fällt für mich auch in diese Kategorie.

Die Arbeit mit den Angehörigen oder deren Schulung gehört mit zu einem ganzheitlichen Therapieansatz. Das nahe Umfeld muss wissen, wie es mit dem Betroffenen umgehen soll, der sich ja vielleicht schon verändert hat. Für die Patienten ist es ein Segen, wenn ihre Angehörigen mit der Demenz adäquat umgehen können.

Was können Sie denn Angehörigen raten?

Da vieles an der richtigen und frühzeitigen Diagnose hängt, sollten die Angehörigen nachdrücklich am Ball bleiben. Mit einer stabilisierten leichten Demenz kann der Betroffene lange im eigenen Umfeld bleiben, vor allem, wenn er aktivierend unterstützt wird.

Die sozialen Kontakte dürfen keinesfalls unterschätzt werden. Man kann soweit gehen, zu sagen, dass ein demenziell Betroffener sehr von einem guten Sozialleben profitiert. Hier bieten Tagespflegen eine gute Möglichkeit, sofern der Patient sich auf die Umgebung und die Aktivitäten einstellen kann. Vorteilhaft ist auf jeden Fall der strukturierte Tagesablauf in den Einrichtungen. In jedem Fall gilt, dass alles ausführlich mit dem Betroffenen abgesprochen werden soll. Jemand, der sein Leben lang eher zurückhaltend war, wird im Alter nicht plötzlich auf jeden zugehen.

Interview: Birgit Freudenthal

Infos und Kontakt

Inga Zerr ist Professorin für Neurodegenerative Erkrankungen an der Universitätsmedizin Göttingen.
Seit 2009 leitet sie das Neurochemische Labor und seit 2012 das Klinische Demenzzentrum.

Ambulante Sprechstunden nach Vereinbarung:
Demenzambulanz der Abteilung Neurologie;
Kontakt: 0551 396636
demenzzentrum@med.uni-goettingen.de

Gedächtnisambulanz
der Abteilung Psychiatrie; Kontakt: 0551 394777
gedaechtnisambulanz@med.uni-goettingen.de

www.demenzzentrum-goettingen.de

   
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