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Schweden

Auf Entdeckungstour in Malmö und Göteborg


An Malmö und Göteborg rauschen die Reisenden meist vorbei – dabei lohnt ein Stopp.
Kanal in Göteborg.

Kanal in Göteborg.

© ©iStockphoto/swedewah

Malmö, Göteborg. Guck mal, dahinten“, sagt Trojon Milenkowski und zeigt auf eine Reihe herausgeputzter Altbauten: „Da haben mal ganz normale Menschen gewohnt.“ Kleine Leute, soll das heißen, wie er selbst, Arbeiter und Krämer eben. Vor drei Jahrzehnten ist der heute 68-Jährige aus Mazedonien nach Schweden gekommen – und geblieben. Seither verfolgt er hinter seinem Gemüsestand den Wandel um den Möllevångstorget.

Der Marktplatz ist das Mulitikulti-Zentrum von Malmö. Bewohner aus 165 Nationen machten das alte Arbeiterquartier „zum farbenprächtigsten Viertel mit Speisen aus aller Welt und vielen Lädchen mit exotischen Waren“, jubeln die Tourismusförderer der Stadt. Doch das gilt inzwischen eher für die Nebenstraßen; auf den Balkönchen am Markt selbst zeugen Skåne- oder Åland-Fähnchen in edlen Blumentöpfen von Zuwanderern anderer Art: Der alternativ angehauchte Mittelstand aus den Provinzen hat längst den Charme des Quartiers für sich entdeckt.

Diese kaufkräftige Klientel trägt auch Susanne Hansson, die ein paar Hundert Meter weiter Pralinen und Trüffeln in Handarbeit „und natürlich in Bioqualität“ fertigt und feilbietet. Früher gab es hier eine ganze Schokoladenfabrik, heute besteht das „Kulturhaus Mazetti“ aus Nachtklub, Comiczeichenschule und Bühnen für Rock- und Popmusik. Dass der Namensgeber einst aus Kopenhagen herüberkam, versteckt man im Kleingedruckten.

Sandhaufen als Landungsstelle

Die dänische Hauptstadt auf der anderen Seite des Öresundes ist nun einmal die ewige Konkurrentin: erst um die Gunst des Königs, nun um die der Urlauber. Die „Sandhaufen“, wie Malmö auf Altschwedisch heißt, dienten den – damals noch – dänischen Monarchen nur als Landungsstelle, um in das bedeutendere Lund zu gelangen. Skandinavien-Reisende rauschen auf der Autobahn vorbei, um ihre Sommerhäuser in Småland zu erreichen.

Allerdings gab es lange auch keinen Grund für einen Zwischenstopp. Erst das Ende des Schiffbaus hat der alten Industriestadt die Chance gegeben, sich zum Meer hin zu öffnen – und sie wurde genutzt. Vom 500 Jahre alten Schlossbau Malmöhus spaziert man binnen einer halben Stunde in die Zukunft. Den Weg nach Västra Hamnen, ins ehemalige Werftgebiet, weist der „Turning Torso“, ein 190 Meter hoher spiralförmiger Turm, entworfen vom spanischen Architekten Santiago Calatrava. Das mit 54 Etagen höchste Gebäude Skandinaviens ist umgeben von eigenwilligen Stadthäuschen, von denen keines komplett dem anderen gleicht, und künstlichen Wasserläufen; an der Strandpromenade blinzelt Kopenhagen herüber.

Nur die Gastronomie kann mit dem luxuriösen Ambiente noch nicht mithalten: Für eine reichere Auswahl muss der Hungrige zurück in die Altstadt. Rund um den „Lilla Torg“ reihen sich Restaurants für alle Ansprüche.

Orte wie Malmös „kleiner Markt“ sind in schwedischen Städten selten. Wer nicht genau auf die Ortsschilder achtet, tut sich mit der Unterscheidung der Lin-, Lid- oder Sonst-was-köpings schwer. Deutsche Stadtplaner können ihre Bausünden meist mit der Hast der Wiederaufbaujahre entschuldigen – die Schweden haben vielen Orten ganz ohne Not mit viel Asphalt und Zweckbaubeton jedes Gesicht und jeden Charme geraubt.

So ist es verständlich, dass Urlauber auch die zweite Großstadt an der Westküste oft nur als verlängerter Fähranleger erleben und durchfahren – dabei ist auch Göteborg einen Stopp wert. Ähnlich wie Malmö wurde auch diese Stadt lange von Fischfang und Schiffbau dominiert, heute hingegen prägen Parks und Fußgängerzonen das Bild.

„In Göteborg werden keine Gedichte geschrieben – dort schreibt man Rechnungen“, klagte schon der norwegische Dichter Bjørnstjerne Bjørnson. Daran hat sich in den vergangenen hundert Jahren kaum etwas geändert. Allerdings ist dagegen auch wenig einzuwenden, wenn sie hinter den Schlemmertresen der „Saluhallen“ am Kungstorget oder im „Feskekörkan“ präsentiert werden, einer Markthalle von sakralem Zuschnitt mit frischestem Fisch und Meeresfrüchten in feinster Qualität.

Märkte direkt am Wallgraben

Die beiden Märkte liegen direkt am Wallgraben, der in den Gründerjahren Dänen und Norweger von einer Eroberung abhalten sollte. Göteborg war für den Gründervater Gustav II. Adolf zu Beginn des 17. Jahrhunderts der einzige, schmale Zugang zur Nordsee – mit dem Aufstieg Schwedens zur Großmacht wurde aus der Minifestung am Göta-Fluss ein Handelszentrum mit eigener „Ostindischer Gesellschaft“, auch „Klein-London“ genannt.

Heute zählt die Stadt so viele Einwohner wie Hannover oder Leipzig. Geblieben ist aus dieser großen Zeit eine breite Grünzone entlang dem Wall, in der sich schon mittags Studenten sonnen, später legen oder setzen sich die vom Shopping Erschöpften dazu. Allein das Einkaufszentrum „Nordstan“ versammelt 180 Fachgeschäfte unter einem Dach, gleich daneben beginnt eine drei Kilometer lange Einkaufsmeile mit Bars, Ladengalerien und Arkadengängen.

So viel Halligalli muss man mögen. Wer anschließend Ruhe sucht, kann mit der Straßenbahn in 25 Minuten an die Schärenküste nach Saltholmen entkommen oder durch „Haga“ schlendern, das älteste Vorstadtviertel gleich hinter dem Wallgraben. Mit seinen Antiquitätenläden, Secondhandgeschäften und indischen Gewürzshops wirkt es wie Göteborgs Antwort auf Malmös Möllevången – und das in jeder Hinsicht: Latte-macchiato-Mütter und Jung-Laptopianer mit Wollmützchen haben auch hier die alte Arbeiterschaft längst verdrängt. „Hier noch eine bezahlbare Wohnung zu finden ist inzwischen fast unmöglich“, erzählt Hannah Andersson zum Zischen der Espresso-Maschine im „Caféva“.

Jens Heitmann

Weitere Informationen
www.goteborg.com
www.malmo.com

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