Der Mönch Hue Shoe lebt schon lange im Fokuangshan Tempel im Süden Taiwans. In seinem früheren Leben hieß er Gerhard Fröschl und wuchs in einem kleinen Ort in der Steiermark auf. Jetzt ist der 51-Jährige mit der ovalen Brille und dem österreichischen Akzent so etwas wie ein Fremdenführer in der weitläufigen Anlage, die 1967 vom Großmeister Hsing Yun, einem aus China ausgewanderten Buddhisten, gegründet worden war und die nun jährlich Millionen Besuchern anlockt.
Die meisten der 23 Millionen Taiwanesen stammen aus China. Ein Großteil kam mit den Einwanderungswellen im 17. und 18. Jahrhundert auf die Ilha Formosa, auf die „schöne Insel“, wie die portugiesischen Entdecker 1517 Taiwan nannten. Andere flüchteten aus dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Festland. Und 1949, nach der Niederlage gegen die Kommunisten Mao Zedongs, wurde die Insel zum Rückzugsgebiet für zwei Millionen Anhänger der Volkspartei Kuomintang unter Chiang Kai-shek. In der Chiang-Kai-shek-Gedächtnishalle in Taipei stehen noch die Dienst-Cadillacs des Diktators, der im Obergeschoss als 25 Tonnen schwere Statue thront. Starr schaut der Nationalheld auf das bunte Treiben in den Gärten.
Seit 1996 weht der Wind der Veränderung in Taiwan und hat der Insel nicht nur Demokratie und wirtschaftlichen Aufschwung beschert, sondern auch so manche Tradition hinweg geblasen. Zwar üben sich am frühen Morgen die Alten in den Gärten vor der Gedächtnishalle wie einst in Tai Chi, doch schon am Vormittag werden sie von Jungs mit Baseballmützen und Skateboards verdrängt, die sich mit kühnen Sprüngen über alle Begrenzungen hinwegsetzen. Vor allem in Ximending fühlt man sich wie in einem japanischen Manga: Coole Jungs mit dunklen Sonnenbrillen und hippe Mädchen in superkurzen Röckchen flanieren vorbei an Tattoo-Läden und Nagelstudios, kaufen in Boutiquen Kitsch, Klunker und Klamotten.
Nur einen Katzensprung entfernt davon steht der Longshan Tempel, fast drei Jahrhunderte alt – eine Welt wie aus einer chinesischen Tuschezeichnung: Dort begegnet man Frauen mit wettergegerbten Gesichtern und alten, gebeugt dahinschlurfenden Männern; Weihrauch duftet, Blumen und Opfergaben schmücken Schreine.
Starke Volkswirtschaft
Doch es geht vor allem fröhlich zu im Tempel, man lacht, tratscht, telefoniert – und betet. Vielleicht auch dafür, dass Taiwan sich gegen den großen feindlichen Bruder China behaupten kann, der in Taiwan eine abtrünnige chinesische Provinz sieht und immer wieder einmal damit droht, die Insel gewaltsam wiedereinzugliedern. Kein Wunder: Ist doch Taiwan ein echtes Schmuckkästchen, das Peking gern für sich hätte. Die Insel ist einer der vier asiatischen „Tiger“ mit einer boomenden Volkswirtschaft. Vor allem im IT-Bereich hat Taiwan die Nase vorn: 83 Prozent aller Notebooks und 70 Prozent aller LCD Monitore kommen aus dem Inselreich.
Eines der Symbole für die finanzielle Kraft des Landes ist der Taipei 101. Mehr als 500 Meter misst der Turm, trotzdem wirkt er filigran wie ein gigantischer Bambus. Um ihn herum entsteht das neue Taipei mit viel Glamour und Glitter, spacigen Hochhäusern, noblen Designerläden, in denen schöne, teuer gekleidete Menschen stehen wie Ausstellungsstücke. Im Innern des Turms befördern die schnellsten Aufzüge der Welt die Besucher in rund 40 Sekunden vom fünften direkt in den 89. Stock. Vor den Panoramafenstern breitet sich die Millionenstadt aus, und der Audioguide berichtet quäkend über das, was aus dem Siedlungsteppich herausragt.
Zum Beispiel das National Palace Museum, das die weltgrößte Sammlung alter chinesischer Kunst hütet. 180 Jahre, heißt es, würde man brauchen, um alle Schätze des Museums zu sehen. Um möglichst viele der wertvollen Stücke zu präsentieren, werden die übersichtlichen Ausstellungen immer wieder neu bestückt. „Beutekunst“, meinen die Festlandschinesen, denn so manche Elfenbein- oder Jadeschnitzerei aus der Mingzeit würde auch gut ins Palace Museum in Peking Stadt passen.
Kein Wunder also, dass Frieden ganz hoch oben steht auf der Wunschliste, die im Fokuangshan Tempel neben der großen Glocke hängt. Wer sie schlägt, hat drei Wünsche frei. Auf „Frieden“ folgen „Gesundheit“ und „große Weisheit“.
Hue Shoe lächelt verschmitzt – der Mönch aus Österreich weiß Bescheid. „Die meisten Taiwanesen haben drei Wünsche“, sagt er: „Eine Million US-Dollar, eine Million US-Dollar und noch eine Million US-Dollar.“ Ehrgeiz und Strebsamkeit hätten das Inselreich voran gebracht, doch ein wenig Größenwahn sei eben auch dabei.
Der macht sich auch im Tempel bemerkbar, der stellenweise wie ein buddhistisches Disneyland wirkt. „Im Chinesischen gibt es keinen Ausdruck für Kitsch“, sagt Hue Shoe entschuldigend und verweist lieber auf die 14.800 Buddha-Statuen im Hauptschrein und den über 120 Meter hohen Gold-Buddha, der über den 480 in Reih und Glied betenden steinernen Buddha-Statuen aufragt. Wahrlich ein Wahrzeichen. Doch so ganz trauen die Mönche dem himmlischen Frieden wohl nicht. Taiwans Riesen-Buddha verfügt über einen Blitzableiter und ein Blinklicht für Flugzeuge. Sicher ist sicher.
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