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Wo die deutsche Elf schläft

Ein Stück Pseudo-Provence


Fußball-WM: Die deutsche Elf hat während der WM im Velmoré bei Pretoria gewohnt. Die Nobelherberge ist ähnlich speziell wie der Inhaber.
Der DFB und Joachim Löw haben das Hotel in der Provinz Gauteng bereits besucht und für gut befunden

Der DFB und Joachim Löw haben das Hotel in der Provinz Gauteng bereits besucht und für gut befunden.

© Fröhlich

Emilio Kaizer kommt gleich zur Sache. „Was wollt Ihr trinken? - es gibt nur Alkohol“, poltert er, seine Augen blitzen unter dem schwarzen Cowboyhut herausfordernd. Ohne die Antwort abzuwarten, schenkt er den Besuchern einen Kräuterschnaps ein. Der ist, zugegeben, ausgesprochen gut. Vor rund fünf Jahren hat der 37-Jährige die Nobelherberge Velmoré in Centurion nahe der Hauptstadt Pretoria eröffnet, vor allem Hochzeitsgesellschaften und Prominente kommen, um zu feiern.

Die Zeiten, in denen dort möglichst viel Alkohol ausgeschenkt wird, dürften bald vorbei sein. Anfang Juni bezieht die deutsche Fußballnationalmannschaft mit ihren 23 Spielern und etwa dreimal so großem Tross Quartier – und Trainer Joachim Löw wird wohl kaum dulden, dass dann Hochprozentiges getrunken wird. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat den kompletten Hotelkomplex mit seinen gut 90 Zimmern für die Zeit des Turniers (11. Juni bis 11. Juli) gebucht. Seitdem das bekannt ist, kommen immer wieder Reisende aus Deutschland, um zu gucken, wo Podolski und Co. schlafen.

Wer Kaizers Herberge nach der WM besuchen will, muss von Pretoria knapp 20 Kilometer über eine löchrige Straße Richtung Westen fahren. Der Blick hinter die Torbögen Velmorés verspricht Luxus von zweifelhaftem Charme. Die rot und grau verklinkerten Gebäude werden von falschen römischen Säulen und Amphoren, auf antik getrimmte Springbrunnen, gesäumt: „Provenzialischer Stil“ nennt Emilio Kaizer das. Dass die Nachkommen der Holländer in Südafrika ein Faible für die prunkvollen, aber zumeist billig gemachten Plagiate alter Baukunst haben, ist überall in der Provinz Gauteng (Ort des Goldes) zu sehen. Investoren wie Emilio Kaizer bauen dort Einkaufszentren und „Security Villages“ von der Stange.

Staus für die Sicherheit

Von diesen gut gesicherten Gemeinden wimmelt es in der Provinz Gauteng – zwischen den großen Städten Pretoria und Johannesburg – nur so. Aus Angst vor Einbrüchen und Überfällen zieht es immer mehr Menschen, die es sich leisten können, in die von Schranken und Mauern umgebenen Kommunen. Für ihre Sicherheit nehmen die Bewohner stundenlange Staus in Kauf, wenn sie über die Hauptstraßen zu ihren Arbeitsstellen in die Städte fahren.

In Südafrikas offizieller Hauptstadt Pretoria sind die meisten Botschaften und Ministerien des Landes beheimatet. Touristen, die sich für die Historie Südafrikas interessieren, kommen in die Eine-Million-Einwohner-Stadt, die auf eine unrühmliche Geschichte zurückblickt. Einst konservatives Zentrum der Apartheid lockt Pretoria heute mit zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten und Museen, die die Geschichte von der Stadtgründung der holländischen Kolonisten, über ihren verlorenen Kampf gegen die Engländer bis zur Abschaffung der Rassentrennung dokumentieren. 1994 wurde Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident im Union Buildings im Nordosten der Innenstadt vereidigt.

Heute ist der Gebäudekomplex Regierungssitz von Juli bis Dezember, zwischendurch tagen Südafrikas amtierender Präsident Jacob Zuma und seine Minister in Kapstadt. Gauteng gilt aber auch als Mekka für Golfreisende: Der offizielle Führer verzeichnet mehr als 40 Plätze in der Provinz, die damit die höchste Dichte an Golflöchern in der gesamten Regenbogennation haben dürfte. In Pretoria, der weißen Hochburg Südafrikas, hat sich mittlerweile auch eine Kunstszene etabliert, und es scheint, als schwappe so langsam auch das multikulturelle Leben des 50 Kilometer entfernten Johannesburgs herüber. Vielleicht hilft ja auch der Fußball dabei ein wenig.

Fußball? Nein, dafür interessiert sich Emilio Kaizer nicht. Nicht mal zum Rugby, dem Nationalsport der weißen Südafrikaner, geht er. „Ich bin Kapitalist, sonst nichts“, sagt Kaizer mit einem Zwinkern, und man denkt automatisch: Jogi Löw und sein Team werden viel Spaß mit dem Kaizer von Velmoré haben. Dass die deutsche Elf bei ihm residiert, sei gut fürs Geschäft. Für sie, sagt er, macht er alles möglich. „GPS – General Problem Solver“ nennt er sich selbst – der Mann, der alle Probleme löst.

Auf seinem neun Hektar großen Gelände hat Kaizer eigens für die Spieler das zusätzliche Fünf-Sterne-Haus „Velmoré Grande“ bauen lassen. In den nagelneuen Zimmern – normale Gäste zahlen 235 Euro pro Nacht – herrscht Retroschick aus lila Kissenrollen, silberfarbenen Teppichen und schwarzen Ledersofas. Eine Wahl, die so gar nicht zur äußeren Provence-Architektur passen will. Die Luxusbleibe verfügt über einen weitläufigen Park, mehrere Restaurants, Wellnesszentrum und zwei Pools von olympischem Ausmaß.

Kleiner Sieg

Als Journalisten der Süddeutschen Zeitung das Velmoré unlängst besuchten, berichteten sie von „katastrophalen Zuständen“: Sie lästerten über eine verirrte Kakerlake im Bad und einen toten Frosch im Teich, prangerten den unterirdischen Service an und dass man durchnässte Kissen stundenlang auf dem Balkon liegengelassen hatte. Allerdings sind das kleine Probleme in einem Land, das von Armut, Kriminalität und Stromausfällen gebeutelt ist. Einer wie Kaizer, der sein Geld in große Bauvorhaben steckt, sieht das gelassen. Sorgen macht er sich eher um die Fertigstellung des gewünschten Trainingsplatzes – der viele Regen hat den frischen Rasen weggespült.

Mit dem Velmoré hatten mehrere WM-Mannschaften geliebäugelt. So hatte Teammanager Oliver Bierhoff den Engländern das Wunschquartier vor der Nase weggeschnappt. Und obwohl es im Juni und Juli ausgesprochen kalt im Landesinneren werden kann, herrscht Gedränge in Gauteng. Gut die Hälfte der 32 Teams, darunter neben dem deutschen Team auch die WM-Favoriten Brasilien, Argentinien, Italien und die Niederlande, haben ihre noblen Herbergen auf dem „Highveld“ in der flächenmäßig kleinsten, aber dicht bevölkertsten Provinz Südafrikas gefunden. Dort regnet es nicht so viel wie in der Kapregion, und die Spieler können sich auf 1500 Metern über dem Meeresspiegel schon mal auf die dünne Höhenluft bei den Partien einstellen.

An diesem Sonnabendnachmittag ist im Velmoré wenig los. Eine Hochzeitsgesellschaft lässt sich fotografieren, dann geht’s mit elektrobetriebenen Golfcaddys zum Ausgang. Zurück bleibt ein Emu, der andächtig über den Vorplatz stelzt. Der Vogel, der nicht fliegen kann, stammt zwar aus Australien und nicht aus Afrika, aber Ausgefallenes trägt dem Motto der Nobelherberge Rechnung: „Memories Forever“ heißt zu deutsch „Ewige Erinnerungen“. Und wenn die Deutschen gewinnen sollten, will Kaizer seine Suiten nach den Spielern benennen.

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