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Israel

Im Land der Kontraste


Von koscheren Fahrstühlen und delikaten Badefreuden: Eine Reise in die beiden israelischen Städte Tel Aviv und Jerusalem.
Israel Tel Aviv

„Big Orange“ statt „Big Apple“: In der Partymetropole Tel Aviv bestimmen immer mehr Wolkenkratzer die Küstenskyline – ganz nach dem New Yorker Vorbild.

© iStockphoto/Eldad Carin

Eine Backsteinmauer unterbricht den schier endlosen Strand von Tel Aviv. Dahinter genießen orthodoxe Juden ihre Badefreuden – Männer und Frauen getrennt, fein sortiert nach Wochentagen. Weil aber oftmals komplette Familien anrücken, geben sich die Männer gelegentlich großzügig. Sie überlassen Frauen und Kindern den abgeschirmten Platz – und stürzen sich nebenan ins Mittelmeer. Das aber ist der Strand, an dem die Schwulen von Tel Aviv ihre weitgehend textilfreien Körper bräunen.

„So ist das hier“, sagt Karl Walter und grinst. Damit meint der 40-Jährige, Sohn einer rumänischen Mutter und eines österreichischen Vaters: Wenn religiöse Strenge und modernes Leben unter einen Hut gebracht werden müssen, ist Pragmatismus gefragt. Das gelingt in Tel Aviv, der heimlichen Hauptstadt Israels, in der beim Christopher Street Day Tausende Homosexuelle zur Parade auflaufen.

Die rund 400 000 Bewohner der Küstenmetropole sind stolz auf ihre Weltläufigkeit und Toleranz. „Leben und leben lassen, das ist unser Motto“, sagt Karl. Klar, auch in Tel Aviv steht in den großen Hotels das Schild „Sabbat-Lift“ an einem der Fahrstühle. Religiöse Juden dürfen am siebten Wochentag keine Fahrstuhlknöpfe drücken – deswegen öffnen sich die Türen in diesem ganz speziellen Lift in jedem Stockwerk automatisch. Doch wird mit dieser Regelung auch der Bürokratie Genüge getan. Nur dann bekommen die Hotels den Stempel „koscher“.

Tel Aviv versteht sich nicht als religiöses, sondern als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Gern kokettieren die Einwohner mit dem Etikett „Big Orange“ – angelehnt an den „Big Apple“ New York. Was die Vorliebe für Hochhäuser betrifft, eifern sie ihrem Vorbild ersichtlich nach. Die Küstenskyline wird schon jetzt von Wolkenkratzern gesäumt, und das ist erst der Anfang: 120 weitere Gebäude sollen in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten in den Himmel schießen.

Die vertikale Bauwut hat auch damit zu tun, dass in Israel Boden kostbar ist. Das kleine Land ist inklusive der palästinensischen Gebiete etwa so groß wie Hessen. Erbittert streiten Israelis und Palästinenser darum. Die Grundstückspreise haben sich in vielen Städten in den vergangenen Jahren vervielfacht. Im Süden von Tel Aviv, in Jaffa, ursprünglich eine eigenständige, arabisch geprägte Stadt (von hier wurden die berühmten Orangen exportiert), lassen sich immer mehr begüterte Juden nieder. Und Tel Aviv zählt heute zu den teuersten Städten weltweit.

In vergangenen Jahrzehnten prägten die Flüchtlinge aus Europa und den arabischen Ländern das öffentliche Leben. Man muss sich von Karl nur einmal in die Sträßchen Neweh Tzedek führen lassen, die „Oase der Gerechtigkeit“. Hier ist er 1970 geboren und aufgewachsen, und zu beinahe allen Nachbarn kann er Geschichten erzählen. Oftmals sind es traurige – besonders, wenn es sich um Geschichten über Holocaust-Überlebende handelt. An das kleinwüchsige polnische Paar, das die Versuche des KZ-Arztes Mengele überlebt hatte, erinnert er sich noch besonders gut.

Heute sitzen viele junge Leute in den Straßen und trinken ihren geliebten Kaffee. Am alten Hafen von Tel Aviv, wo einst die jüdischen Neubürger nach langer Reise das Gelobte Land erreichten, tobt nachts in Restaurants und Klubs das Leben – auch am Sabbat. Sollen die glaubensstrengen Landsleute drüben in Jerusalem, eine Autostunde entfernt, doch ruhig über den Sündenpfuhl am Mittelmeer die Nase rümpfen.

Jerusalem zeichnet aber auch etwas aus, was das gerade einmal 102 Jahre alte Tel Aviv nicht bieten kann – eine überreiche Geschichte, in der Gott in jedweder Gestalt die Hauptrolle spielt. Ob Moslems, Juden oder Christen: Für alle ist Jerusalem mit Al-Aksa-Moschee, Klagemauer und Grabeskirche heiliger Boden. Juden in orthodoxer Tracht, Nonnen in fußlangen Gewändern, Araberinnen mit Schleier: Sie alle drängeln sich heute in der Altstadt.

Das Gewimmel besonders im muslimischen Viertel von Jerusalem ist gewaltig. Händler schieben in Eisenkarren ganze Kuhhälften durch die Menge, Bäuerinnen verkaufen Grünzeug, schwer bewaffnete israelische Soldaten tun dazwischen ihren Dienst. Es riecht nach Falafel und Fladenbrot, nach Weihrauch und frisch gepressten Orangen. Die einzigartige Bedeutung dieses Ortes bleibt in all dem Durcheinander spürbar. Für Christen wird in Jerusalem die Bibel lebendig. Hier durchlitt Jesus seinen Leidensweg, die Via Dolorosa, hier wurde er gekreuzigt. Man kann die Steine berühren, die auch er berührt haben soll.

„Supermarkt Gottes“ nennt unser Begleiter Karl etwas despektierlich die Stadt. Soll heißen: Für Gläubige vieler Religionen hat Jerusalem etwas im Angebot. Und wo immer in der Erde gebuddelt wird, stoßen Archäologen auf neue Sensationen – auf die Überreste der Paläste von Salomo oder von König David beispielsweise. Der Bau der Jerusalemer S-Bahn verzögert sich wegen solcher Funde seit Jahren.

Nach so viel geballter Historie ist es erholsam, am Abend wieder am Strand von Tel Aviv zu sitzen, unter den nackten Füßen den warmen Sand zu spüren und aufs Meer zu blicken, wo die Sonne glutrot untergeht. Und dann wird man sich plötzlich bewusst, dass diese Aussicht immer die gleiche geblieben ist – ganz gleich, ob Babylonier, Ptolemäer, Römer, Araber, Kreuzfahrer, Türken, Briten oder Juden hier gelebt haben. Stefan Stosch

Hin und weg:

Anreise: Zahlreiche Fluggesellschaften fliegen Tel Aviv an, etwa Air Berlin, Germanwings, Lufthansa und El Al.

Reisezeit: Die beste Reisezeit sind Frühling und Herbst bis in den Winter hinein.

Sicherheit: Israel bleibt Ziel von islamistischen Terrorgruppen. Insofern sind immer Anschläge möglich.

Pauschalreisen: Thomas Cook beispielsweise hat Tel Aviv im Programm: Eine Woche inklusive Flug ab 1000 Euro.
www.thomascook.info

Weitere Informationen: www.goisrael.com

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