Langsam und gleichmäßig schiebt Rajesh seinen Wischmopp über den weißen Mamor. 1096 Säulen reihen sich rund um die Scheich-Zayed-Moschee – der Säulengang im Osten ist sein Revier. Hier wischt der junge Inder tagein, tagaus über die edlen Fliesen. Rajesh gehört zu dem knapp hundertköpfigen Reinigungsteam, das sich tagtäglich um den Glanz des Gotteshauses müht – Scheiben wienert, Kronleuchter putzt und ganz nebenbei damit auch Abu Dhabis Image poliert.
Es geht um Superlative. Seit Jahren wetteifern Abu Dhabi und Dubai um Einmaligkeit, Originalität und Spitzenpositionen: Dubai schmückt sich mit dem Sieben-Sterne-Hotel Burj al Arab, das als luxuriöseste Herberge der Welt gilt; Abu Dhabi kontert mit dem Emirates Palace, bei dem tatsächlich alles Gold ist, was gold glänzt. Dubai legt mit dem höchst dotierten Pferderennen vor, bei dem zehn Millionen Dollar Preisgeld fließen, Abu Dhabi macht im neuen Ferrari-Park Tempo auf der schnellsten Achterbahn der Welt. Dubai hat mit dem Burj Khalifa den höchsten Turm, der mehr als 800 Meter in den Himmel ragt, Abu Dhabi setzt das schiefste Bauwerk in den Sand – der Capital Gate Tower neigt sich spektakulär um 18 Grad zur Seite.
Pisa? Vier Grad? Darüber schmunzelt der Emirati vielleicht. Aber vielleicht auch nicht mal das. Wer Zweiter ist, interessiert ihn nicht.
Mit der Scheich-Zayed-Moschee hat Abu Dhabi bei einer Kategorie die Führung übernommen, die sich nicht in Meter, Winkel oder Geschwindigkeit messen lässt. Das Gotteshaus gilt als das schönste in der arabischen Welt. Vor sechs Jahren lag die Baustelle noch vor den Toren der Hauptstadt, nun thront sie – infolge des anhaltenden Baubooms – mitten im neuen Zentrum.
Wie eine Fata Morgana ragt das rund 715 Millionen Dollar teure Bauwerk in den Himmel. Hell strahlt der weiße Marmor im Wüstenlicht. Es ist Mittagszeit, der flimmernde Dunst der Hitze hat sich über die Moschee gelegt. Die vergoldeten Spitzen des Minaretts fangen die Strahlen der Sonne ein. In wenigen Minuten wird der Muezzin rufen, doch schon jetzt eilen von allen Seiten Männer in blütenweißen Dischdaschas über den Säulenhof, streifen am Haupteingang ihre Sandalen ab und verschwinden im Gebetshaus. Auch einige Frauen kommen, um zu Allah zu rufen. In ihren schwarzen Abayas, die Haut und Haare bedecken, sammeln sie sich in ihrem Gebetsraum. Die Haupthalle, die mehr als 7000 Gläubige fassen kann, ist den Männern vorbehalten. Aber die Frauen können über einen gigantischen Flachbildschirm die Predigt des Muezzins verfolgen.
Unzähligen Swarovski-Kristalltropfen
Neueste Technik in der Moschee, und natürlich auch hier Superlative. 52 Architekten haben ihre gestalterischen Visionen verwirklicht. So beherbergt das Gotteshaus den größten handgeknüpften Teppich der Welt, an dem 1200 Weberinnen 18 Monate lang 38 Tonnen Wolle verknüpft haben. Es schmückt sich mit dem größten Kronleuchter: 15 Meter hoch, zehn Millionen Dollar teuer. Seine unzähligen Swarovski-Kristalltropfen wiegen zehn Tonnen – Rajeshs Kollegen brauchen zum Putzen viel Zeit und eine spezielle Hebebühne.
Größenwahnsinnig sagen die einen, ambitioniert die anderen. Das jüngste Großprojekt von Scheich Khalifa ist Saadiyat-Island. Auf 27 Quadratkilometern am Meer sollen bis 2020 einmal 145 000 Menschen leben. Der Louvre aus Paris baut hier eine futuristisch anmutende arabische Dependance, ebenso das Guggenheim. Hinzu kommen neun Strandhotels – direkt am offenen Meer mit feinstem Sand aus der Wüste.
Auch die Zeit scheint hier nicht nur große, sondern die größten Schritte zu machen: Noch vor gut 50 Jahren, als in Abu Dhabi das erste Öl entdeckt wurde, war die Hauptstadt – oder besser die Stelle, an der die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate sich heute ausbreitet – eine winzige Siedlung, die sich bei Flut nur mit dem Boot erreichen ließ. Mittlerweile ist sie eine moderne, ständig wachsende Metropole, die eher an Chicago erinnert als an die Arabische Halbinsel. Gebaut von der ausländischen Bevölkerung, die etwa 80 Prozent ausmacht.
Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass Abu Dhabi auch als Urlaubsziel immer reizvoller wird. Wegen der Sonne, der Wassertemperaturen am Persischen Golf, der Einkaufsmöglichkeiten. Und vielleicht auch wegen der Superlative.
Doch Scheich Khalifa will nicht nur auf Größe und Prunk setzen, sondern auch auf Inspiration und Nachhaltigkeit, Tourismus und vor allem auf kulturelle Identität. Doch wo viel Geld ist, verliert man schnell den Bezug zur Vergangenheit. Die Traditionen werden vor allem von Einwanderern gepflegt. Auch von Deutschen wie Ursula Musch, die vor 23 Jahren vom Bodensee in die Vereinischen Arabischen Emirate gekommen ist. Sie hat ihr Lager am Strand des Emirate Palace aufgeschlagen. Dort zeigt sie als „Kamel-Uschi“ den Gästen, wie die Beduinen ihren Kaffee rösten, lädt sie zum Tee ein und lässt sie auf einem Kamel reiten. „Du kannst unsere Kultur besser erklären als ein Einheimischer“, hat der Hotelchef zu ihr gesagt und sie dauerhaft engagiert.
„Die Jugend will meist nicht viel vom Erbe wissen“, sagt Thomas Rooch, gebürtiger Hildesheimer und Manager im Hotel Qasr al Sarab – mitten in der Wüste Liwa. „Die jungen Männer lassen ihre Ferraris in London einfliegen und machen sich dort eine schöne Zeit.“ Geld verdiene man als Einheimischer quasi nebenbei, weil man automatisch an der einen oder anderen Firma beteiligt sei oder selbst ein Unternehmen führe.
Wer interessiert sich da noch für das Beduinenleben? Nicht mal die Touristen wollen so richtig mitmachen, wenn es um die guten, alten Traditionen geht. So soll das Wüstenhotel Qasr al Sarab seine Gäste zwar königlich verwöhnen, aber auch an frühere, bescheidene Zeiten erinnern. Hier hat schließlich noch vor gar nicht so langer Zeit die Herrscherfamilie Al-Nahyan gelebt. 2500 Alltagsgegenstände aus ihrem Privatbesitz – vom Tonkrug über Pistolen bis zur Kamelsatteltasche – gehören zur Inneneinrichtung und sollen Geschichte erzählen, so das Konzept.
Doch die Traditionspflege hat ihre Grenzen: Bei einer einfachen Übernachtung im Beduinencamp mitten in der Wüste, wie sie das Hotel anbieten wollte, spielen die Gäste nicht mit. „Nicht ohne ein Toilettenhäuschen“, sei immer der Kommentar gewesen, erinnert sich Rooche. „Fünf Sterne sind eben mehr wert, als Tausende an einem Himmel.“ Da taucht man doch lieber in einem der 53 Hotelpools ab – schließlich gehört Wasser in der Wüste zum größten Luxus. Für die plantschenden Gäste wird es sogar täglich auf angenehme 30 Grad runtergekühlt.
Katrin Schreiter
● Weitere Informationen
Abu Dhabi Tourism Authority, Goethestraße 27, 60313 Frankfurt, Tel. (0 69) 2 99 25 39 20.
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