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Ekkehard Molt wohnt auf dem Campingplatz in Dransfeld

Mobilheim als feste Burg mit Ausblick Ekkehard Molt wohnt auf dem Campingplatz in Dransfeld

Er habe "nach Hause" gewollt, sagt Ekkehard Molt. Sein Zuhause ist ein Mobilheim auf dem Campingplatz. Das Aluminium-Mobil auf vier Rädern ist seit Jahrzehnten immobil, fest eingehüllt in Holzverschalung und mit An- und Vorbau, Erstwohnsitz für einen von 23 Dransfeldern Campingplatz-Dauerbewohner.

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Festwohnsitz auf dem Campingplatz: Brigitte Winter und Ekkehard Molt in ihrer Camping-Idylle.   

Quelle: Heller

Dransfeld. Damals, 2008, war die Idylle mit Blick über Wohnwagen auf Wald und Wiesen bedroht. Der heute 72-Jährige hatte einen Schlaganfall erlitten und sollte nach der Reha entlassen werden. Als man von seinem Wohnsitz erfuhr, dem Campingplatz, wurde ihm eine Heimunterbringung angekündigt. Als ohnehin seit Kindheit Gehbehinderter, noch dazu mit halbseitiger Lähmung nach dem Schlaganfall, komme nur ein Pflegeheim infrage. Es hat Molt Mühe gekostet, seine Ärzte zu überzeugen. Die Pfleger haben ihn schließlich sitzend in den Vorbau seines Mobilheims getragen. Dort steht sein Krankenbett immer noch, denn es hat nicht duch die Camper-Tür gepasst - mit Blick über die prächtigen Orchideen in der Fensterbank, über den regen Camper-Betrieb hinunter ins Tal. "Immer Leben vor der Tür - wie in der Tagesschau", sagt Molt.

Die Adresse Zum Hohen Hagen 14, Platz 432, ist schon lange fester Wohnsitz. Der Mobilheimbrief weist den zehn Meter langen und drei Meter breiten Wagen als "Colorado, Typ Fuss/Dusche" aus. Am 9. Juni 1977 wurde er zugelassen und diente vielen Eigentümern als Teilzeit-, später Festwohnsitz. Einst hat hier der erste Platzwart gewohnt. Molt erwarb ihn 1999. Da war der Wagen schon mit Blockbohlen umbaut. 1560 Euro Standmiete und Nebenkosten zahlt er im Jahr dafür.

Molt stammt aus Hildesheim. Zum Campen kam er zufällig. 1991 hatte er mit seiner damaligen Frau für 14 Tage einen Wohnwagen gemietet. Es gefiel beiden in Dransfeld. Am Tag vor der Abreise regte seine Frau an, einen Camper, der zum Verkauf stand, zu erwerben. Danach kam das Paar jeden Freitag, blieb das ganze Wochenende. "Die Luft frischer, mehr Sauerstoff, ich konnte einfach besser schlafen hier", sagt er. Und besser feiern. Eine tolle Gemeinschaft der Camper. Sogar Straßenfeste habe die Platzstraße gefeiert. "Wir hatten jedes Wochenende was, das begossen werden musste."

Als Molt frühzeitig in Rente ging, kaufte er sich ein Auto und das Mobilheim. Denn mobil müsse man schon sein, um zum Einkaufen und zum Arzt zu kommen, wenn man draußen in der Natur lebe.

Dabei war es gerade die fehlende Mobilität, die Molt als jungen Mann vom Campen abgehalten hatte: seine Gehbehinderung. Doch in der Praxis erwies sich das Gegenteil. Die Gemeinschaftssanitäranlagen, inzwischen gar behindertengerecht, sind ein Vorteil, wenn er täglich mit dem Rollator zum Duschen geht. Sein Bruder hat ihm nach dem Schlaganfall eine Rampe ins 45-Quadratmeter-Heim gebaut. Wasser- und Kanalanschluss, sogar Flüssiggas-Versorgung, machen den einstigen Camper zur vollwertigen Wohnung.

Und dann ist da noch Brigitte Winter. Sie hat ihn über die schwere Zeit nach dem Schlaganfall geholfen, bis er wieder beweglich war. Die 74-Jährige lebt dauerhaft bei ihm, obwohl sie noch eine eigene kleine Wohnung hat. Früher war sie tageweise noch dort, aber inzwischen sei es auch auf dem Campingplatz comfortabel genug. Die vielen Blumen, die Vögel, die sie täglich füttert, Katze Molly, die sich wohlfühlt, die schöne Aussicht, das rege Leben vor der Tür, die Freundschaft mit anderen Campern - das wollen beide nicht missen. Nur in den Urlaub wollen beide im Sommer noch einmal fahren: natürlich in einen Wohnwagen auf einem Campingplatz auf Fehmarn.

Nur in Dransfeld ist Dauerwohnen noch möglich

Göttingen/Lüneburg. Campst du noch oder wohnst du schon? Damit hat sich das Oberverwaltungsgericht Lüneburg (OVG) beschäftigt und erstmals zu Plänen geäußert, "integriertes Wohnen in touristischer Gemeinschaft" zu ermöglichen. Im Landkreis Göttingen leben 23 Menschen mit Erstwohnsitz auf dem Campingplatz.

Noch ist nicht klar, wohin die Reise geht. Wird ein Erstwohnsitz zwischen Wohnwagen und Zelten auf ausgewählten Plätzen bald wieder erlaubt sein? Grundsätzlich ist dies derzeit nach dem Baugesetzbuch verboten. Dennoch gibt es immer mehr Menschen, die auf Campingplätzen wohnen wollen. In Drage in der Elbmarsch etwa sind zahlreiche Camper mit Erstwohnsitz gemeldet. Die niedersächsische Gemeinde will diese Nutzung baurechtlich legalisieren und überarbeitet seinen Bebauungsplan. Künftig solle "integriertes Wohnen in der touristischen Gemeinschaft" möglich sein. Dagegen hatte eine Anliegerin der Zufahrtstraße geklagt. Ihr Eilantrag ans OVG ist gerade abgewiesen worden, weil allein die Planung nicht zu Belastungen führe. Danach werde aber im Normenkontrollverfahrens zu prüfen sein, ob das Baugesetzbuch einer Gemeinde die Befugnis gibt, eine Mischung aus Camping und Wohnen zuzulassen und planerisch zu verankern.

Das Tageblatt hat recherchiert, wie das auf den Campingplätzen im Landkreis Göttingen geregelt ist. Tatsächlich gibt es bereits eine Gemeinde, die genau das planerisch festgelegt hat, was in Drage beabsichtigt ist. In Dransfeld, so erklärt Stadtdirektor Marco Gerls, sei ein Teilbereich schon lange als Sondergebiet für Ferien- und Wochenendhäuser ausgewiesen, während das Gros des Campingplatzes Sondergebiet Erholung sei. Dadurch sind in den ehemaligen Mobilheimen, die nun wie feste Ferienhäuser ausgebaut sind, Erstwohnsitze rechtlich möglich. 23 Menschen haben sich völlig legal mit Hauptwohnsitz auf dem Campingplatz Dransfeld angemeldet.

Auf dem zweiten Campingplatz der Samtgemeinde in Löwenhagen, so Gerls, der auch stellvertretender Bürgermeister ist, leben hingegen keine Dauerbewohner. Einzig das Betreiberehepaar kann mit Festwohnsitz gemeldet sein.

Genau so ist das in Hann. Münden, mit drei Campingplätzen von der Frage am stärksten betroffen. In Hemeln und in Münden haben nur die Betreiber einen Festwohnsitz. Auch auf dem geschlossenen Platz in Zella an der Werra könnten allenfalls die Betreiber ihren Erstwohnsitz anmelden, wenn der Platz wieder in Betrieb geht.

An der Nesselröder Warte bei Duderstadt lebte zwar über viele Jahre ein älterer Herr dauerhaft, seinen Erstwohnsitz musste er aber woanders nachweisen. Auch die Gemeinde Radolfshausen, so Bürgermeister Arne Behre, hat vor Jahren lediglich einmal für sechs Monate eine Wohnsitzanmeldung am Seeburger See akzeptiert. Genauso die Gemeinde Friedland. Nur vorübergehend war bis vor einem Jahr ein Wohnwagen mit festem Vorbau und Briefkasten in Reiffenhausen als Wohnsitz genehmigt. "Die Postzustellung musste möglich und der Wohnwagen nicht zu bewegen sein", sagt Ordnungsamtsleiter Johann Schustek.

Und auch in Hardegsen ist im Ferienpark Solling Dauerwohnen stets nur Episode. "Wir haben öfter mal zum Semesterbeginn Studenten, die sich mit Zweitwohnsitz anmelden", sagt der Platzwart. Aber die hätten ja alle ihren Erstwohnsitz noch bei den Eltern. Wenn sie in Göttingen erst eine Bude finden, sei das Wohncampen auch für sie vorbei.

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