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Erinnerungsstätte im Bahnhof Friedland

Flucht und Neubeginn Erinnerungsstätte im Bahnhof Friedland

Draußen rollen die Züge vorbei, drinnen drapieren die Mitarbeiter eine Unterhose. Sie stammt aus Syrien und hat eine Geheimtasche mit Geld für die Flucht. Das ist eines der ersten von 500 Dingen, die im künftigen Museum Friedland gezeigt werden. Heute in einem Monat eröffnet es.

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Nach der Sanierung im Aufbau: Museum im Bahnhof in Friedland.

Quelle: Wenzel

Friedland. Der Raum unter dem Dach des Bahnhofs, in dem Millionen Menschen nach ihrer Flucht ankamen, wird der erste sein, der ausstellungsreif ist. "Sieben Sachen", so lautet  das Motto. Hier werden sieben Originale zu sehen sein, die für Menschen wichtig waren, die einst das Tor zur Freiheit durchschritten: der silberne Honiglöffel, mit dem die Großmutter, die die Flucht 1946 aus dem Memelland nicht überlebte, auf dem Treck ihre Enkelin fütterte, der Holzkoffer, mit dem der Kriegsgefangene 1955 als einer der letzten Deutschen aus Sibierien heimkehrte, das blaue Bundeswehr-Hemd, das sich 1974 ein junger Chilene in der DRK-Kleiderkammer aussuchte, der mit Nichts vor dem Pinochet-Regieme geflohen war. Und eben die Unterhose, ein Ausstellungsstück aus der heutigen Zeit, das erst jüngst über die Balkanroute aus dem zerbombten Syrien bis Friedland am Leib getragen wurde.

Noch ist alles Baustelle. Mitten im vermeintlichen Chaos steht Joachim Baur, der Leiter des wissenschaftlichen Aufbauteams. Bei dem Historiker, Politologen und Kulturwissenschaftler, der über Migrationsmuseen in Kanada, den USA und Australien promoviert hat, laufen die Fäden zusammen. Denn natürlich ist akribisch geplant, was noch wie ein wildes Durcheinander aussieht: ein Puzzle.

Der Ausbau des historischen Bahnhofs zum Museumsgebäude, ist längst fertig. Auch die Möbel, Vitrinen, Stellwände und Abtrennungen sind montiert. Jetzt muss plaziert werden, was in zweijähriger Exponatrecherche bei den "Exponauten" in Berlin zusammengetragen wurde.

Ein Gestaltungsbüro aus Basel hat das Konzept umgesetzt, wie das alles zu präsentieren ist. Handwerker aus Sachsen haben die Einrichtung dafür geschaffen. Neben den dreidimensionalen Objekten wie Unterhose, Koffer und Löffel wird viel Bewegtes und Bewegendes zu sehen und zu hören sein: auf Bildschirmen, über Projektionen, in raumfüllenden Installationen. So soll die Situation geradezu fühlbar werden, wie 1955 die letzten Zehntausend aus sibirischen Kriegsgefangenenlager kamen.

Bisher, sagt Baur, habe sich alles gefügt, was aus so vielen Quellen zusammenkommt. Gespannt sei er, "wie das Gebäude darauf reagiert". Alles musste so installiert werden, dass vorbeidonnernde Züge die Projektionen nicht wackeln lassen. Wird das auch klappen, wenn Menschenmassen durch das Haus strömen?

Die werden nach der Eröffnung durch den Ministerpräsidenten (18. März) am darauf folgenden Wochenende erwartet: Volksfeststimmung. Dann wird das Museum erstmals öffentlich zu sehen sein. Führungen werden geboten, auch solche, die die wichtigsten musealen Stellen im benachbarten Grenzdurchgangslager (Nissenhütte, Friedland-Glocke, Lagerkapelle) einbeziehen.

Für das Bürgerfest wird zusätzlich ein großes Zelt aufgebaut. Der frühere Güterschuppen, künftig Empfangsbereich und Kasse, ist zwar geräumig, aber nicht für ein Fest gedacht. Unter dem Foyer sind Garderoben und Toiletten. Der Bahnhof selbst steht ausschließlich der Ausstellung zur Verfügung. Alle Epochen, alle Migrantengruppen von Kriegsflüchtlingen 1945 bis zu syrischen Refugees bekommen Raum.

Auch Boatpeople, Ungarnflüchtlinge, Spätaussiedler aus Sibirien, heutige Asylbewerber. Führungen und Beschriftung werden zweisprachig (Deutsch und Englisch) sein, sollen aber auch bald auf die Sprachen, die heutige Neuankömmlinge sprechen, ausgeweitet werden. Denn, sagt Baur, auch das sei Integration in Deutschland: die Geschichte der Integration in dieses Land im Museum kennenzulernen.

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