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„Dem Volk aufs Maul schauen“: Ist Luther aktuell?

Themenabend in Gieboldehausen: 500 Jahre Reformation „Dem Volk aufs Maul schauen“: Ist Luther aktuell?

„Was hat Luther uns heute zu sagen?” Eine der zahlreichen Veranstaltungen zum diesjährigen Reformationsjubiläum hat sich im Gieboldehäuser Regenbogenhaus mit dieser Frage auseinander gesetzt – wie Luther: mit Tischreden.

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Ein Luther-Denkmal.

Quelle: dpa

Gieboldehausen. „Ich verbinde mit Luther, dass er nach heutigen Maßstäben wohl ein guter Katholik wäre“, sagte Johannes Hofmann, selbst Katholik aus Bilshausen. Was macht Martin Luther aus? Historisch, als auch für die heutige Gesellschaft? Darum drehte sich der Gesprächsabend, dem Pastor Jens-Arne Edelmann, nicht unkritisch, immer neue Impulse gab. Statt eines Vortrags saßen die Teilnehmer am Tisch, beteiligten sich an der Disputation „in guter alter lutherischer Tradition“ (Edelmann).

Faszination Luther: derbe und filigran

„Mich hat an Luther immer die derbe Aussprache fasziniert und die nicht ausgeschmückte Rede“, so Artur Donat. Dass der Reformator es jedoch auch verstanden habe, „viel filigraner mit Sprache umzugehen“, erläuterte Edelmann, könne man an seiner publizistischen Seite sehen. Nicht nur an der Übersetzung der Bibel ins Deutsche, sondern an der Bandbreite seiner, teils auch polemischen Schriften. „Wir haben es zu tun mit einer Person, die geprägt ist, durch die Bilder die wir von ihm sehen“, erläuterte der Pastor. Martin Luther als Gelehrter mit Hut oder als Mönch von Lukas Cranach: „Luther war viele Jahre seines Lebens Mönch.“ Das unterscheide ihn von den schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin, die verstandesgemäßer argumentierten, als der mystische Augustinermönch aus Wittenberg, „der mit einem Fuß immer noch im Mittelalter verhaftet war“.

Mittlerposition zwischen Katholiken und Reformierten

Und eben dadurch nähme er eine Mittlerposition der Ökumene ein, da in der katholischen Kirche die mittelalterliche Tradition viel stärker nachwirke. Also doch eine gemeinsame Eucharistie zwischen Katholiken und Lutheranern? Da winkte Edelmann hab, zu unterschiedlich seien noch die Verständnisse. Aber auch hier stehe Luther zwischen Katholiken und Reformierten. Nach seiner Lehre habe der Mensch eine engere Verbindung zu Gott. „Er öffnete ein Stück weit die Türe zur Gewissensfreiheit und dem eigenständigen Denken“, sagte Edelmann.

Luther als Politiker

Auch politisch habe Luther gewirkt. Nicht alleine durch sein „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ vor dem Reichstag zu Worms oder „dem Volk aufs Maul schauen“, sondern zugleich auch unrühmlich mit seinen Briefen, mit denen er sich während der Bauernkriege auf die Seite der Landesherren stellte und die ihm den Vorwurf einbrachten, ein „Fürstenknecht“ zu sein. „Wir dürfen Luther nicht als Demokraten sehen“, so Edelmann. Auch seine späteren antisemitischen Äußerungen, die, so Edelmann, erst die Nationalsozialisten wiederentdeckten und als Rechtfertigung nutzen, zeigten auch ein anderes Bild. Gleichwohl nahm Luther auch die Landesherren in die Pflicht, Sozialreformen anzugehen. „Unser Land“, war sich Edelmann sicher, „sähe heute ohne Reformation und ohne die durch sie gestaltete Gesellschaft anders aus.“

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