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hrenamtliche in Wollershausen packen die Herausforderungen der Flüchtlingskrise an

Im Lachen verblassen Kontraste hrenamtliche in Wollershausen packen die Herausforderungen der Flüchtlingskrise an

Musik verbindet. Mit Liedern und Tänzen aus dem deutschen und dem arabischen Kulturkreis haben Eichsfelder und Flüchtlinge einen außergewöhnlichen Nachmittag gefeiert, Grenzen überwunden – und sich deutlich abgegrenzt von allen Angst schürenden Parolen gegen fremde Einflüsse in Deutschland.

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Wollershausen. Ein Menschentross zieht an der nassen Straße entlang, hauptsächlich junge Männer, einige Frauen und Kinder, kaum Alte. Die Flüchtlingskrise hat über Land und Meer Europa erreicht, ist über alle Grenzen hinweg längst in den deutschen Alltag eingedrungen und krempelt auch das Dorfleben im kleinen Wollershausen ganz gehörig um.

Der Tross zieht hinauf zum Dorfgemeinschaftshaus, wo einige engagierte Ehrenamtliche einen gemeinsamen musikalischen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen vorbereitet haben. Kontrastreicher hätte die Zusammenkunft kaum sein können. Auf einer Seite der Kaffeetafel warten die Teilnehmerinnen des evangelischen Gemeindenachmittags, den Pastor Jens-Arne Edelmann kurzerhand nach Wollershausen verlegt hatte, um die Annäherung der Kulturen zu unterstützen. Elke Schackowske, die Frau des Bürgermeisters Ulrich Schackowske, hatte mit weiteren Ehrenamtlichen eine Wanderung für die Flüchtlinge angeboten, um ihnen die Umgebung von Wollershausen vertrauter zu machen. „Da haben die Leute selbst gefragt, ob sie hier ihre Musik hören und tanzen könnten“, sagt Elke Schackowske. So sei die Idee zum musikalischen Nachmittag entstanden. Um im Austausch auch deutsches Liedgut zu präsentieren, reiste der vielseitig bewanderte Musiker Ralf Schüßler aus Hattorf mit seinem Akkordeon an.

„Ich weiß nicht, wie viele kommen werden“, zeigte sich Schackowske anfangs verunsichert. Doch als die Tür aufgeht und die arabischen Gäste eintreffen, wird schnell klar: Es müssen noch zusätzliche Stühle her. Bachira Madani, eine lebenssprühende hochschwangere arabische Übersetzerin, winkt ein fröhliches „Hallo“ in die Runde der evangelischen Damen, und Schüßler greift den Faden auf und schlägt spontan „Horch, was kommt von draußen rein“ an. Die Frauen stimmen sofort ein. Dafür gibt es Applaus und ein begeistertes Trillern von den arabischen jungen Männern.

Schüßler hat sich Gedanken über die Liedfolge gemacht, von Bach bis Partyhits ist jede Stilrichtung dabei, die etwas mit deutscher Kultur zu tun hat. Die Gäste haben sich auch Gedanken gemacht. Nach ein paar deutschen Stücken übernehmen sie das Ruder. Die Deutschen gucken ratlos, als ein junger Mann auf arabisch rappt. Befremdlich klingt das. Was singt er wohl? Ein Gebet? Einen Aufruf? Freund oder Feind? Madani übersetzt: Er singe über das Glück, hier sicher zu sein und er danke den Deutschen. Erleichtertes Lächeln auf deutscher Seite. Schüßler nutzt die Lücke, und auch die arabischen Gäste stimmen sofort mit ein: Bruder Jakob auf „lalala“, der dreistimmige Kanon klappt, wieder Applaus und Triller.

Geplant ist nun nichts mehr, alles ergibt sich von selbst. Der nächste arabische Song ist leidenschaftlicher als der Rap. „Heimweh“, übersetzt Madani. Die jungen Männer wechseln sich ab mit ihren Liedern, klatschen im Rhythmus, geraten zunehmend in Feierlaune. Geballte Energie füllt den Raum. Das sind Leute, die nicht geduckt in der Ecke sitzen bleiben. Sie haben selbst die Initiative ergriffen, haben sich auf den Weg gemacht und ihre lebensbedrohliche Heimat verlassen. Wer Krieg, Leid und Flucht überleben will, braucht Kraft. Die Älteren vom Gemeinde- nachmittag wissen das noch aus eigener Erfahrung.

Im Gesang der jungen Männer scheint sich eine große Anspannung zu entladen. Ihren Frauen steht die Anspannung noch im Gesicht, die Strapazen, die Angst, die Ungewissheit, das Gefühl des Fremdseins. Sie schweigen und reichen den Kindern ein Stück Kuchen vom Tisch.

Über die Lautsprecher im Dorfgemeinschaftshaus ertönt nun arabische Instrumentalmusik, schwungvoll, rhythmisch,und im Nu bildet sich ein großer Kreis. Die Gesichter der Tanzenden werden weich, sie lächeln. Plötzlich rattern Schüsse von Maschinengewehren durch die Musik. Männer laufen aufgeregt zur Anlage, andere rufen ihnen etwas auf arabisch zu. Eine Frequenz vom syrischen Alltag wurde in der Aufnahme festgehalten, drang in den deutschen Gemeindenachmittag. Doch der Schreck legt sich, eine fröhliche Melodie im schnellen Rhythmus erfüllt den Raum. Die Kinder zieht es zu den tanzenden Männern, die Frauen zieht es zu ihren Kindern, die Deutschen versuchen die Schritte im fremden Gruppentanz zu erfassen, und die älteren Damen vom Gemeindenachmittag klatschen und wippen auf den Stühlen zu orientalischen Klängen.

Das Feiern und die Freude sehen sich ähnlich in den Kulturen. Als Schüßler mit seinem Akkordeon den tanzenden Kreis betritt und „Die Hände zum Himmel“ oder das „Fliegerlied“ anstimmt, gucken sich die arabischen Männer, Frauen und Kinder die Choreografien zu den Partysongs bei den Deutschen ab und machen mit. Die Energie entlädt sich im gemeinsamen Lachen.

„Bei uns soll es anders sein als in Dresden“, sagt Schackowske. Die Ehrenamtlichen in Wollershausen beweisen, dass der für alle völlig neue Dorfalltag vor allem mit Improvisation, Spontanität und Menschlichkeit anzugehen ist, um eine lebenswerte Basis zu schaffen. Ob der Ausspruch „Wir packen das“ der Kanzlerin jemals real wird, weiß auch hier niemand, aber die Wollershäuser packen die Herausforderungen an.

Von Claudia Nachtwey

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