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Bremke hat drei Flüchtlingsfamilien aufgenommen

„Die Stimmung hat sich gedreht“ Bremke hat drei Flüchtlingsfamilien aufgenommen

Wenn Flüchtlinge in Städten leben, mangelt es selten an Anknüpfungspunkten und Integrationsangeboten. Im ländlichen Raum ist das schwieriger – kann aber auch klappen, wie das kleine Dorf Bremke derzeit beweist.

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Flüchtlingsfamilien in Bremke.

Quelle: Theodoro da Silva

Gleichen. „Da jagen wir dich zum Dorf raus“, hätten Nachbarn gesagt, erzählt Horst Fädrich. Denn er wollte ein Haus an Flüchtlinge vermieten. Der 75-Jährige ist Ehrenortsbürgermeister, ein anpackender Typ, der sich gesundheitsbedingt aus der Politik zurückziehen musste. Aber „wenn man das Elend auf der Welt sieht, muss man ein Zeichen setzen“, findet er.

Deshalb lebt nun unter anderem Haytam Hassan in Bremke. Er hat in den 70er-Jahren in Deutschland gearbeitet, nennt das in fließendem Deutsch „eine goldene Zeit“. Dann zurück nach Damaskus, Ehe, fünf Kinder und ein eigenes Geschäft im trubeligen Yarmouk bei Damaskus. Im Sommer tobten dort heftige Kämpfe, auch Chemiewaffen wurden eingesetzt.  

Jetzt lebt er mit seiner ältesten Tochter in einem kleinen Fachwerkhaus im beschaulichen Bremke, gemeinsam mit sechs Erwachsenen und vier Kindern aus Syrien. Die Zimmer sind klein, die Erwachsenen teilen sich jeweils ein Schlafzimmer. Für Abdu Al-Schahabi ist das kein Problem. Er und seine Frau Yasmin sind seit sechs Monaten verheiratet. „Aber verliebt seit sechs Jahren“, fügt sie grinsend hinzu. Die 25-Jährige war Dozentin an der Universität in Aleppo, eine Bombe hat ihre halbe Fakultät dem Erdboden gleichgemacht. Nun also Bremke, wo sie „die Ruhe und die Menschen“ liebt, wie ihr Mann aus dem Arabischen ins Englische übersetzt.

Noch ist die Sprachbarriere riesig, außer den beiden Männern kann sich keiner richtig mit den Alteingesessenen verständigen. Sprachkurse gibt es für sie noch nicht. Nur die Kinder gehen normal zur Schule und haben erste Freundschaften geknüpft. „Kinder halt“, kommentiert Hassan das lachend. Manchmal treffen sich auch Bremker und Syrer zum Kaffee oder verabreden sich zum Essen. Außerdem spenden zahlreiche Bremker, andere helfen bei Behördengängen oder geben Deutschunterricht. „Die Stimmung hat sich um 180 Grad gedreht“, freut sich Fädrich.  Nur bei den Behörden „hapert es noch ein wenig“, erzählt er. Die Asylverfahren sind nicht abgeschlossen, bei einigen soll es erst im Mai beginnen. Hassan will so schnell wie möglich seine Frau und seine vier Töchter aus Syrien nachholen. Das geht erst nach Verfahrensabschluss. Dann will er eine größere Wohnung suchen. „Und wenn ich Arbeit habe und ein Auto kaufen kann, bleibe ich vielleicht hier.“ Ein Jobangebot hat er schon.

Flüchtlinge im Landkreis

Göttingen. In Bremke kommen auf knapp 900 Einwohner zehn Flüchtlinge. Mit 1,1 Prozent ist der Anteil der Flüchtlinge in Bremke höher als im Rest des Landkreises, wo derzeit etwa 400 Flüchtlinge leben. Dort liegt der Anteil der dem Landkreis zugewiesenen Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung bei 0,3 Prozent. Der Landkreis Göttingen muss wegen der Erstaufnahmeeinrichtung Friedland deutlich weniger Flüchtlinge aufnehmen als andere Landkreise. In der Einrichtung sind einschließlich der Außenstandorte 3300 Flüchtlinge untergebracht. Außerdem hat der Landkreis 54 Flüchtlinge im Rahmen der Amtshilfe für das Land Niedersachsen aufgenommen.

Raum zur Verfügung stellen

Göttingen. Stadt und Landkreis suchen weiterhin nach privaten Unterkünften für Flüchtlinge.

Landkreis: Das „Infotelefon Flüchtlinge“ ist unter 05 51 / 5 25 91 55 montags bis donnerstags von 9 bis 19 Uhr besetzt, freitags von 9 bis 12 Uhr. Außerdem ist eine Kontaktaufnahme per E-Mail an fluechtlinge@landkreisgoettingen.de möglich.

Stadt Göttingen: Die städtische „Hotline zur Freiwilligenarbeit“ nimmt unter 05 51 / 4 00 50 00 Wohnraumangebote entgegen. Die Objektverwaltung ist unter 05 51 / 40 0 - 24 66,- 32 85,- 33 25 und -35 02 oder per E-Mail an fluechtlingsunterkuenfte@goettingen.de erreichbar.

Stadt und Landkreis haben kürzlich unter fluechtlingshilfe-goettingen.de ein gemeinsames Internetportal eingerichtet. Auch dort ist es möglich, Wohnraumangebote einzureichen.

Von Christoph Höland

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