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„Gefährlich für Rotmilane und Menschen“

Naturschutz in Gleichen „Gefährlich für Rotmilane und Menschen“

Gefährden Windräder Rotmilane im Vogelschutzgebiet V19? Und beeinträchtigen sie die Gesundheit von Menschen? Naturschützer sind davon überzeugt. Am Dienstag haben sie während einer Infoveranstaltung in Wöllmarshausen erklärt, warum sie einen Windpark in der Nähe des Dorfes bekämpfen.

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Ein Milan bei Ebergötzen - Vogelschützer sehen die Tiere durch einen Windpark bei Wöllmarshausen gefährdet.

Quelle: r

Wöllmarshausen. Die meisten der etwa 50 Besucher mussten Wilhelm Unkrig von der „lokalen Initiative zum Schutz des Rotmilans“ als Veranstalter und Mitglieder der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen (BSG) nicht überzeugen. Sie kommen überwiegend aus der Gemeinde Gleichen, viele von ihnen aus Wöllmarshausen und Rittmarshausen. Und sie sind in Sorge, wenn ganz in der Nähe der Dörfer wie geplant ein Windpark zur Erzeugung von Strom errichtet wird.

Ihre erste Sorge gilt auch den Rotmilanen und anderen Vögeln, die rund um den Windpark-Standort leben. Der wurde zwar schon vor gut 20 Jahren von der Gemeinde Gleichen dafür bestimmt. Inzwischen ist das bis zu 13000 Hektar große Gebiet drumherum aber als europäisches Schutzgebiet V19 ausgewiesen, erklärte Unkrig. Was bisher aber nur wenigen bekannt sei: Schon vorher habe es mit einer ausgewiesenen „Important Bird Area“ für diese Region ein faktisches Vogelschutzgebiet gegeben - das auch das jetzige „Windrad-Loch“ bei Rittmarshausen einschloss. Und der Schutzstatus sei auch nicht unbegründet, so Unkrig. Nach Zählungen von 2014 gebe es im V19-Gebiet 27 Rotmilan-Nester und etwa 20 Brutpaare auf je einer Fläche von 100 Quadratkilometern. Zudem sei die Region Sammel- und Ratsplatz für weitere Milane auf dem Hin- und Rückweg in ihr Winterquartier. Hier Windräder zu betreiben, sei fatal. An bebauten Standorten habe sich gezeigt, dass Rotmilane und Bussarde „besonders häufig vom Schlagtod durch die Flügel betroffen sind“, sagte Unkrig.

Die Informationen über Milane haben nur wenige Zuschauer überrascht, der Vortrag des Mediziners Thomas Stiller aus Adelebsen über Gefahren für Menschen hingegen sehr. „Harte Kost“, kommentierten einige Zuhörer seine Informationen auch als Mitglied der Initiative „Ärzte für Immissionsschutz“ über Infraschall rotierender Windrädern und die Folgen für den menschlichen Organismus. Es gebe zwar noch viele Forschungslücken und die gängigen Messverfahren zur Genehmigung von Windrädern seien ungenau, so Stiller. Dennoch sei inzwischen bekannt, dass Infraschall empfindsame Menschen krank machen könne - besonders wenn er über einen längeren Zeitraum auf sie einwirke. Klagen von Betroffenen würden aber häufig nicht ernst genommen, weil auch die Zusammenhänge von beschriebenen Symptomen und Windrädern bisher kaum erforscht seien. Bis das geschehen sei „muss immer der Mensch das Maß aller Dinge sein und nicht die Technik“, so Stiller. Heißt: „Im Zweifel Verzicht auf neue Windräder oder deutlich größere Abstände zu bewohnten Siedlungen.“

Mit der Informationsveranstaltung wollten die BSG und lokale Initiative auch an ihren früheren Mitstreiter Reinhard Urner erinnern. Der frühere Naturschutzbeauftragte, Mitbegründer der BSG und besonders aktive Gegner eines Windparks im Schutzgebiet V19 war im Frühjahr überraschend gestorben.

Windpark Reinhausen

Das Ringen um einen Windpark bei Rittmarshausen zieht sich schon lange hin: Die Gemeinde Gleichen hatte das Areal früh als Vorrangfläche für Windenergieanlagen festgelegt, inzwischen liegt es aber mitten in einem später ausgewiesenen Vogelschutzgebiet (V19). Vor diesem Hintergrund hatte der Landkreis vor einigen Jahren die Bauvoranfrage eines Investors abgelehnt. Das Unternehmen klagte – und gewann. Vor gut einem Jahr präsentierte die Nachfolge-Firma aktuelle Pläne: Die Firma Turbowind aus Hannover will dort fünf Windräder bauen – jedes 200 Meter hoch. Ihren Bauantrag aber lehnte der Landkreis ebenfalls ab. Unter anderem sieht er durch den Betrieb von Windrädern ein allgemeines Tötungsrisiko für Rotmilane.

Turbowind hat gegen den Bescheid Klage beim Landgericht eingereicht. Das war im November 2015, der Verhandlungstermin steht noch aus. Zugleich kündigte Firmenchef Thomas Carstensen Schadensersatz-Forderungen gegen den Landkreis über etwa drei Millionen Euro an, wenn das Projekt platzen sollte.

Unterdessen unterstützt die Biologische Schutzgemeinschaft über einen sogenannten Beiladungsantrag mit ihrem Anwalt den Landkreis in dem Klageverfahren. Für die Anwaltskosten hat die BSG Spendengelder eingesammelt. „Sollte es in die Berufung gehen, brauchen wir aber noch einmal 5000 bis 7000 Euro“, appellierte am Dienstag Organisator Wilhelm Unkrig an die Windpark-Gegner.

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