Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
"Wieder eine glückliche Familie werden"

42-Jährige muss in psychiatrische Einrichtung "Wieder eine glückliche Familie werden"

Die 42-Jährige, die ihrem Ehemann im November vergangenen Jahres mit dem Küchenmesser mehrfach in den Hals gestochen hatte, bleibt im Maßregelvollzug. Das Landgericht sprach sie vom Vorwurf des versuchten Totschlags frei und ordnete ihre Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung an.

Voriger Artikel
Hemelner Kindergarten verteidigt Titel
Nächster Artikel
Tourismuskonzept sei "seit 15 Monaten überfällig"

Göttingen. Die Anklage besagte, dass die Frau im Zustand akuter wahnhafter psychotischer Störung ihren Mann angegriffen und schwer verletzt haben soll. Wie sich durch ein Gutachten ergibt, hat der 51-Jährige die Messerattacke nur durch Zufall überlebt. Angstzustände, Überlastung und Wahnvorstellungen hatten die Mutter von zwei Kindern in kurzer Zeit in einen psychischen Ausnahmezustand versetzt, der am 10. November 2016 eskalierte. Aus einer gutbürgerlichen Familienidylle wurde eine blutige Tragödie.

Dass sie zugestochen hat, steht außer Frage. Auch darüber, dass während der Tat ihre Steuerungsfähigkeit eingeschränkt war, sind sich die Verfahrensbeteiligten  einig. Die junge Frau muss also vom Tatvorwurf freigesprochen werden, egal ob dieser am Ende versuchter Mord oder Totschlag lauten sollte. Aber sie würde sicher auch nicht einfach nach Hause gehen können. Egal wie viele der im Gerichtssaal Anwesenden ihr das auch wünschen würden. Es ging in den Plädoyers also um die Frage, welche Gefahr von der Frau ausgeht und wo soll sie die nähere Zukunft verbringen.

Es ist ein "surreales Verfahren". So beschrieb es Nebenklagevertreter Steffen Hörning es treffend. Wie auch Staatsanwalt Jens Christokat richtete er seinen Schlussvortrag scheinbar direkt an die Angeklagte. "Sie haben Glück, denn Sie sind nicht alleine. Ihr Mann hat nur einen Wunsch: Sie sollen wieder gesund werden." Tatsächlich lagen sich Täterin und Opfer in den Prozesspausen immer wieder in den Armen, genossen die kurzen Momente des Zusammenseins. Allerdings sei bei allen positiven Emotionen eben auch Angst dabei, so Hörning. "Für die Rückkehr bedarf es Ihrer Bereitschaft, sich helfen zu lassen."

Eine Entlassung in die Familie wäre momentan eine Überforderung für alle Beteiligten, betonte auch Christokat. Und dem psychologischen Gutachten folgend wollte der Anklagevertreter künftige Taten nicht ausschließen. Und diese könnten sich gegen jeden richten, der in den Vorstellungen der Angeklagten eine Bedrohung darstellt. Im Verlauf des Verfahrens reichte die Benutzung eines technischen Geräts, um die Blicke der Angeklagten auf sich zu ziehen. Daher habe man es hier mit einem klassischen Fall für den Paragraf 63 des Strafgesetzbuches zu tun.

Dem widersprachen die beiden Verteidigerinnen ebenso emotional wie erfolglos. Ihr Antrag, die Unterbringung ihrer Mandantin zur Bewährung auszusetzen, konnte das Gericht nicht überzeugen. Das sprach die Frau schließlich vom Vorwurf des versuchten Totschlags frei und ordnete die Unterbringung im Maßregelvollzugszentrum Moringen an. Richter Tobias Jakubetz richtete sich nach der Urteilsverkündung an die versteinert wirkende Angeklagte. "Sehen Sie das nicht als ein schwarzes Loch, in dem Sie für alle Zeit verschwinden. Ich sage Ihnen nicht, wann Sie wieder herauskommen. Aber Sie haben die Chance dazu." 

Das letzte Wort in einem emotionalen Verfahren hatte die Angeklagte und sie richtete es unter Tränen an ihre Familie: "Ich werde mir die größte Mühe geben, wieder gesund zu werden. Damit wir wieder eine glückliche Familie werden. Es tut mir leid." ms/nie

Paragraf 63 StGB

Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (…) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung (…) ergibt, daß von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten (…) zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.

Voriger Artikel
Nächster Artikel