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Göttinger Land statt Grönland

Ferien im Boot auf Weser, Werra und Fulda Göttinger Land statt Grönland

Ganz Deutschland hat Ferien: Verstopfte Autobahnen, überfüllte Züge, Strände, Hotels, Kreuzfahrtschiffe. Selbst auf den Radfernwegen ein Gedränge. Auf den Flüssen aber kann man sich entspannt treiben lassen oder sportlich paddeln. Zum Beispiel auf Weser, Werra, Fulda in Hann. Münden.

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Grönland-Paddler Gerd Wintermeyer landet an in Hann. Münden.

Quelle: Gückel

Hann. Münden. Gerd Wintermeyer ist klitschnass. Nein, er ist nicht gekentert. 20 Kilometer durch den Regen ist er gepaddelt. Gerade geht er am Campingplatz Hann. Münden an Land, da lacht die Sonne wieder. Er auch. Schön war es trotzdem "im sehr stillen Tal der Fulda". Wie weit er wasserwandern will? "Nur eine kurze Strecke, fünf Tage von Guxhagen bis Minden." Fünf Tag? 250 Flusskilometer? Kurz? "Zuletzt war ich mit dem Sohn in Grönland, drei Wochen in den Fjorden." Jetzt also Göttinger Land statt grönländisches Eis.

Der 55-jährige Geschäftsführer aus dem Taunus liebt es auf dem Wasser. Schon als Student ist er mit Gruppen gepaddelt, damals schon in DDR und Polen, später mit den Kindern auf familientauglichen Flüssen, nun zur Entspannung allein. "Hoffentlich kommen noch ein paar Kanuten", wünscht er sich. Abends vor dem Zelt beim Bier den Paddelabenteuern lauschen, das gehört zum Wasserwandern wie der Regenguss.

Am Feuer beim Bier - nein, heute beim Rheinwein - mit Kanuten plauschen, kann man einige Hundert Meter weiter, beim Mündener Kanu Club. Der ist DKV-Station. Im Deutschen Kanu-Verband sind die meisten Kanuten organisiert. 95 Prozend derer, die hier ihr Boot ins oder aus demn Wasser holen und ihr Zelt aufschlagen, sind im DKV. So wie die Gruppe aus Guntersblum am Rhein: acht Paddler, ein Hund. Senior Kurt ist schon 79, aber 25 bis 40 Kilometer am Tag sind kein Problem. Die Gruppe fährt Fulda und Weser schon zum dritten Mal, weil es besonders an der Oberweser so schön ist. Auch Elbe, Havel, Saale und Spree kennt man gut. Die Rheinländer sind gerade angekommen, garen sich etwas auf dem Gaskocher und öffnen die erste Flasche mitgebrachten Rheinhessen aus der Heimat. Zwei Wochen sind sie unterwegs, von Kassel bis Bremen, so wie die Stadtmusikanten. Mal selber kochen, mal in die Städte am Ufer gehen - "so lernt man Deutschland kennen", sagt Klaus Anderweit.

Das haben auch Konstanze Uhlig und Andreas Jordes samt Tochter und Hund - und sind deshalb in Südniedersachsen unterwegs. Sie kommen aus Berlin, eigentlich ein Wasserwander-Paradies. Aber zuletzt haben sie auf Mecklenburger Seen und Peene schlechte Erfahrungen gemacht - mit Neonazis. Ihr Atomkraft-Aufkleber auf der Bootstonne reizt zu Pöbeleien. Das Wesertal finden sie so schön, die flotte Strömung macht den Wasserurlaub zur "leichtfüßigen Tour", so dass das Camperleben an Zeiten erinnert, als sie noch in Schwedens Wildnis mit Boot und Zelt unterwegs waren. "Aber viele sind es nicht mehr", sagt Andreas, "die das Camperleben genießen."

Timm Müller schon noch. Der junge Mann aus Beskow hat sich kurz vor Hedemünden an einem Angelplatz in die Büsche geschlagen. Bis zum Zeltplatz Münden ist es ihm zu weit. Wild campen? Nein, Biwak. "Bei uns in Brandenburg gibt es überall an den Wanderflüssen Biwakplätze mit Toilette und Sitzgelegenheit", sagt er. "Alte DDR-Tradition."

Die DKV-Mitglieder aber bevorzugen die Clubheime mit Zeltflächen und Duschgelegenheit. Joachim Spiegler, Vorsitzender des Mündener Kanu Clubs, berichtet von rund 750 Paddlern und Ruderern im Jahr, allein beim Wesermarathon im Mai 250 Camper. Auch Ruderer kommen, Mitte August allein 90 mit 30 Booten. Das Gelände in Münden liegt wie die Spinne im Wasserwander-Netz: ob Werra, Fulda, Weser - für alle drei Flüsse ist hier Ausgangs- oder Endpunkt. Die meisten aber machen die Weser-Tour. Und selbst? "Loire und Ardèche", schwärmt Spiegler von den französischen Wanderflüssen. Da war er einst mit der Jugendgruppe. Stoff genug fürs Abpaddeln am Lagerfeuer.

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