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Pistorius: Wachpolizei beschädigt Vertrauen

Polizeiakademie Hann. Münden Pistorius: Wachpolizei beschädigt Vertrauen

Beim Tag der offenen Tür anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Polizeiakademie hat Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) den Vorschlag von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zur Schaffung einer Wachpolizei mit kurzer Ausbildung und eingeschränkter Befugnis scharf kritisiert.

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Quelle: Hinzmann

Hann. Münden. Der Vorschlag rüttele am Gewaltmonopol des Staates, beschädige das Vertrauen in die Polizei und werte insbesondere die Ausbildung der Polizei ab. Unter großem Applaus der Zuhörer, darunter viele Ausbilder und ehemalige Dozenten der einstigen Polizeischule Hann. Münden, sagte der Minister: "Da fehlt mir jedes Verständnis."

Allein der Vorschlag sei ein Signal, dass drei Jahre Studium der Polizeikommissare nichts wert seien, weil "Leute von der Straße, von denen ich gar nicht wissen will, was die vorher gemacht haben, das auch können". Ohne lebenslanges Lernen, so der Minister, funktioniere keine Polizeiarbeit. Jemanden mit drei Monaten Ausbildung mit der Waffe auf Streife zu schicken, zerstöre das heute noch hohe Vertrauen in Polizeiarbeit.

Deutlich besser

Danach wurde der Minister selbst zerstörerisch: Er setzte sich in einen Bagger und riss damit Tür und Dachrinne der Turnhalle der Polizeiakademie ein. Die seit zwei Jahren gesperrte und von Schimmel befallene Halle wird abgebrochen und schafft Platz für einen 6,25 Millionen Euro teuren "deutlich besseren und moderneren" Neubau. Pistorius: "Ich versichere, dass an Hann. Münden als zentralem Standort der Polizeiausbildung nicht gerüttelt wird - im Gegenteil".

Danach zogen mehrere Tausend Besucher, darunter viele, die einst ihre Polizeiausbildung in Münden machten oder die Lehrgänge im Bildungsinstitut absolvierten, über das riesige Gelände. Die Studenten hatten Vorführungen wie das "Situationstraining Raubüberfall" oder Abwehr- und Zugriffstechniken vorbereitet.

Über den Bedarf

Polizeitechnik war zu sehen, sogar die Vorführung von Wasserwerfern. Diensthundeführer und Reiterstaffel waren im Einsatz, Polizeitaucher und Motorradstaffeln waren zu bewundern. Dass die größte Ausbildungsstätte der Niedersächsischen Polizei, heute Teil der in Nienburg ansässigen Polizeiakademie, auch künftig gut belegt ist, hatte Pistorius eingangs schon versprochen.

Für 1500 Studenten war die Akademie bei ihrer Zusammenlegung 2006 gedacht. Das Land habe heute nicht nur 20 500 Polizisten und damit einen historischen Höchststand, es bilde seit 1. April auch aus Vorsorge über Bedarf aus. Bis zu 3000 Polizeistudenten, doppelt so viele wie einst, würden in den kommenden Jahren in der Ausbildung sein.

Die Geschichte der Landespolizeischule

Hann. Münden. Es klingt nach damals: Die Landespolizeischule Niedersachsen soll "reine, aufrechte Menschen formen". Denn mit Fachwissen allein könne niemand der Aufgabe eines Polizisten gerecht werden. Eigentlich ein Anspruch, wie er heute noch gilt, nur anders formuliert würde. Sätze wie dieser sind es, die Otto Engelmann, den ersten Leiter der Polizeischule, zu einem "Glücksfall der niedersächsischen Polizeigeschichte" gemacht haben.

Das sagte Dirk Götting, Leiter des Polizeimuseums, beim Festakt anlässlich des 70-jährigen Bestehens der "traditionsreichsten Liegenschaft der Polizeiakademie" (Dieter Buschkohl, deren Direktor). Götting hielt den Festvortrag und zitierte Engelmann unter anderm mit den Worten: "Eine Schule ist etwas Lebendes, inhaltlich und in ihrer Form soll sie immer weiter drängen. Sie soll ihrer Entwicklung keine festen Grenzen setzen."

An diesem Satz zeichnete Götting die Entwicklung der Polizeischule zu einer modernen Studieneinrichtung auf, die auch diesen Satz, der zur Polizeireform in den 90er-Jahren führte, hinter sich gelassen hat: "Polizisten lernen von Polizisten in Polizeieinrichtungen, was, Polizisten von Polizisten in Polizeieinrichtungen gelernt haben." Diese Wagenburgmentalität sei spätestens 1997 mit Gründung des Bildungsinstitutes der Polizei, das eine Vielzahl von Fortbildungsmöglichkeiten bietet, beendet worden.

Angefangen hatte alles, als die britische Besatzungsmacht 1945 zwar zunächst auf Stadt- und Bezirkspolizeien bestand, die Ausbildung von Polizisten dann aber 1946 zur Ländersache machte. In der Gneisenau-Kaserne in Münden entstand im Juli 1946 die erste Polizeischule. Panzerfaust- und Karabinerschießen sowie militärischer Drill standen noch auf dem Dienstplan. Die Schüler wurden im harten Winter nach Hause gechickt, weil kein Brennholz da war.

Gar einen Ausbildungsgang "Lagerpolizei" gab es, eingesetzt in Flüchtlingslagern wie Friedland. Und völlig aufgabenfremd wurden die Anwärter auch eingesetzt: zum Aufbau der ersten Hannover-Messe 1951. Die Ausbildung, so Götting, habe sich seither völlig verändert. Doch die Absolventen fühlten noch heute wie er selbst: "Auch ich bin ein Mündener!" ck

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