Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Erinnerungstafeln auf Northeimer Friedhof

Der Vergangenheit auf der Spur Erinnerungstafeln auf Northeimer Friedhof

Der Northeimer Friedhof soll erinnern. Dazu gibt es auf sechs Grabfeldern Erinnerungstafeln. In einer Mischung aus Fakten und persönlichen Schicksalen klären sie über die Orte der Erinnerung auf und geben den Geschehnissen des Ersten und Zweiten Weltkriegs ein Gesicht.

Hans Harer erläutert am 14.12.2015 auf dem Friedhof in Northeim Gedenktafeln.

Quelle: Pförtner

Northeim.  „Friedhof und Stadt müssen lesbar sein“, erklärt Hans Harer die Idee der Erinnerungstafeln und steuert die Tafel zum Gedenken der Euthanasieopfer an. Sie erinnert an die Krankenmorde der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Aus Northeim sind vier Fälle bekannt, die Harer mit einem befreundeten Arzt aufgedeckt hat, indem die beiden Kranken- und Opferlisten durchforstet hatten. Harer ist pensionierter Geschichts- und Religionslehrer sowie Vorsitzender des Northeimer Arbeitskreises Friedhofskultur.

Die Erforschung der Northeimer Geschichte beschäftigt ihn schon lange, und diese Kombination hat ihn zu den Erinnerungstafeln des Volksbundes geführt, die bereits auf einigen Friedhöfen in Niedersachsen zu finden, im Raum Göttingen jedoch einzigartig sind. Auf dem Northeimer Friedhof sind sie ein sichtbares Ergebnis von Harers akribischer Recherche. Viele Aufzeichnungen hat Harer dazu durchforstet. „Doch die meisten Türen haben sich durch Telefonate mit Überlebenden in Israel und Amerika geöffnet“, erklärt der Historiker, für den diese Erinnerungen eine wichtige Quelle sind.

Während eines Vortrags erzählte er von Paula Frankenberg. Harer ging davon aus, dass sich die Northeimer Jüdin das Leben genommen hatte – vermutlich, nachdem sie von ihrer bevorstehenden Deportation nach Theresienstadt erfahren hatte. Sein Vortrag wurde von einer Frau unterbrochen, die den wahren Grund für den Freitod kannte, da ihre Eltern mit Frankenberg befreundet waren. Um ihr Geld für die Flucht zu verschaffen, kauften sie der Freundin Tafelsilber ab. Dieser Freundschaftsdienst wurde verraten und der Vater von der Gestapo verhaftet. Paula Frankenberg habe sich daraufhin in der eiskalten Rhume das Leben genommen. Ähnlich klärte sich das Schicksal eines Northeimer Juden auf, der sich angeblich auf seinem Dachboden erhängte. So jedenfalls wurde offiziell sein Tod dokumentiert.

Doch der Arzt, der damals den Totenschein ausstellte, erzählte seiner Familie etwas anderes: Er fand den Toten erhängt in einer Gefängniszelle. Beiden Northeimer Juden wird auf dem Friedhof auf dem Sondergrabfeld für die Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. Ziel ist es, die Geschichten dieser Menschen lebendig zu halten und sich an sie zu erinnern. Nach Auffassung des Volksbundes sollen die Gräber und Erinnerungstafeln historische und ethische Lehrstätten sein und vor allem für die Schul- und Jugendarbeit genutzt werden.

Von Katrin Westphal

Tafeln zum Gedenken und Erinnern

Vor zwei Jahren wurden die ersten sechs Geschichts- und Erinnerungstafeln auf dem Northeimer Friedhof errichtet, in diesem November kam eine weitere dazu. Sie erläutern die Sondergrabfelder für die Opfer von Krieg und Gewalt.

Auf dem Gräberfeld für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs wurden neben den 46 gebürtigen Northeimern, die an Ost- und Westfront ums Leben kamen, auch Soldaten aus den Northeimer Lazaretten bestattet. Der über 700 Northeimer Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben, wird ebenfalls mit einem Gräberfeld gedacht. Die meisten starben in den Northeimer Lazaretten, einige wurden von anderen Orten im Reichsgebiet überführt.

Obwohl Northeim kein typisches Ziel für Bombenangriffe war, fielen 137 Zivilisten und Zwangsarbeiter den Angriffen aus der Luft zum Opfer. Sie lebten in dem bahnhofsnahen Blumenviertel, und da Northeim Eisenbahnknotenpunkt war, wurde der Bahnhof dreimal bombardiert. Ihnen wurde ein Grabfeld mit Erinnerungstafel gewidmet.

An 79 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die fast alle an schlechten Lebensumständen starben, wird ebenfalls mit einem Grabfeld gedacht. Der Frauenanteil unter den Verstorbenen ist sehr hoch, ebenso die Zahl der Kinder. Auf den Grabsteinen ist zu lesen, dass viele Neugeborene direkt nach der Geburt starben, manchmal zusammen mit ihren Müttern.

Dem Jüdischen Friedhof in Northeim wird ebenfalls eine Erinnerungstafel gewidmet, da der ursprüngliche Jüdische Friedhof von den Nationalsozialisten geschändet wurde. Auch der Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde wird auf dem Friedhof gedacht. Unter den Kindern und Erwachsenen mit geistigen und psychischen Erkrankungen, die in den Tötungsanstalten ermordet wurden, waren auch vier Northeimer.

Die jüngste Erinnerungstafel auf dem Friedhof informiert über das sogenannte Polenkreuz. Die Reste des Kreuzes wurden im vergangenen Jahr im Northeimer Bürgerholz gefunden und durch Schüler der Northeimer Werkstatt-Schule rekonstruiert und ergänzt. Es wurde nach dem tödlichen Unfall des jungen Polen Wiktor Tomalla errichtet.

wes

Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016