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Neun Zentimeter tiefe Stichwunden

Prozess um getötete Frau in Hardegsen Neun Zentimeter tiefe Stichwunden

Knapp ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod einer 23-jährigen Frau in Hardegsen steuert der Prozess vor dem Landgericht Göttingen auf die Zielgerade zu. Seit sechs Monaten verhandelt die Kammer gegen den 29-jährigen Ex-Freund der Getöteten.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen/Hardegsen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am Abend des 11. August 2016 seiner früheren Freundin in Hardegsen aufgelauert und nach einem Streitgespräch mehrfach mit einem Messer auf sie eingestochen zu haben. Wenige Stunden später erlag sie im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Am Dienstag stellten die Sachverständigen ihre Gutachten vor. Die 23-Jährige habe zahlreiche Stichverletzungen im Oberkörper und im linken Oberarm gehabt, sagte der Rechtsmediziner Professor Wolfgang Grellner. Die Stichwunden seien bis zu neun Zentimeter tief gewesen.

Insgesamt habe es elf „Hauptstiche“ gegeben, außerdem noch weitere leichtere Stichverletzungen, sagte Grellner. Unter anderem sei eine Rippe komplett durchtrennt worden. Auch eine Lunge sei verletzt gewesen. Aufgrund der inneren Blutungen seien dann beide Lungen kollabiert, weil sie wegen des mangelnden Blutvolumens nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden konnten. Nach Angaben des Rechtsmediziners fanden sich bei der Obduktion außerdem am linken Unterarm und an der Hand „mäßiggradige Zeichen einer Abwehr“. Offenbar hatte die 23-Jährige noch versucht, sich gegen den Angriff zur Wehr zu setzen. Tatwerkzeug sei vermutlich ein scharfes, stabiles Messer gewesen.

Das Gericht hatte den Rechtsmediziner auch um eine Einschätzung gebeten, wie die Tat nach den Erkenntnissen aus der Obduktion und der Beweisaufnahme abgelaufen sein könnte. Am plausibelsten sei folgendes Szenario, meinte Grellner: Zunächst habe die 23-Jährige weniger gravierende Verletzungen an der linken Vorderseite erlitten. Sie habe sich dann abgewandt und sei weggerannt. Auf der Flucht habe sie weitere Stiche in die exponierte Rückseite erhalten, die in der Folge zum Tod führten. Drei Stunden nach der Attacke starb sie.

Der Rechtsmediziner hatte am nächsten Abend auch den Angeklagten untersucht. Die Polizei hatte ihn noch in der Tatnacht festgenommen. Der 29-Jährige habe emotional bewegt gewirkt, sagte Grellner. Bei den Tests seien weder Alkohol noch Drogen festzustellen gewesen, lediglich ein Antidepressivum.

Nach Angaben des psychiatrischen Sachverständigen Christoph Benter, der am Dienstag ebenfalls sein Gutachten vorstellte, war der Angeklagte erstmals im Mai 2016 wegen einer depressiven Symptomatik in einer psychiatrischen Fachklinik in Göttingen vorstellig geworden. Der 29-Jährige sei nicht gut mit seinen Beziehungskonflikten zurechtgekommen. Im Dezember 2015 habe die Beziehung zu der 23-Jährigen begonnen, seitdem habe er sich immer mehr darauf fokussiert.

Der Angeklagte habe sie als den „größten Glücksfall“ bezeichnet, der ihm in seinem Leben widerfahren sei. Weil er seinen Job bei einem Sicherheitsdienst nicht mehr mit der nötigen Zuverlässigkeit verrichtete, habe er im Juli seinen Arbeitsplatz verloren. Seitdem habe er keine Tagesstruktur mehr gehabt, sagte der Gutachter.

Als sich die 23-Jährige dann im Sommer von ihm trennte, sei der Angeklagte mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik sei er Anfang August vorübergehend entlassen worden. Auch danach habe er immer wieder versucht, Kontakt zu der 23-Jährigen aufzunehmen. Sein ganzes Trachten sei darauf ausgerichtet gewesen, die Beziehung wieder herzustellen. Sie habe ihn aber immer wieder abgewiesen.

Nach Ansicht des Psychiaters liegt bei dem 29-Jährige keine schwerwiegende psychische Erkrankung vor. Sollte er die Tat begangen haben (was der Angeklagte bestreitet), könne jedoch eine kurzzeitige tiefgreifende Bewusstseinsstörung „nicht völlig ausgeschlossen“ werden. Dann wäre er in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen. Gegen eine solche Affekttat spreche allerdings das potenzielle rationale Verhalten nach der Tat. Der Prozess wird fortgesetzt.

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