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Songs aufnehmen mit Guano-Apes-Schlagzeuger

„Mach mehr Auto!“ Songs aufnehmen mit Guano-Apes-Schlagzeuger

Hip-Hop, Reggae und afghanische Tradition treffen auf Rock: In Moringen ist diese Woche ein besonderes Musikprojekt entstanden. Acht unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben im Tonstudio von Dennis Poschwatta, Schlagzeuger der Guano Apes, eigene Songs aufgenommen.

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Mit Profis im Tonstudio.

Quelle: Theodoro da Silva

Moringen. Von den Guano Apes haben die Jungs bisher nichts gehört. Auch von den großen Aufritten der Göttinger Weltstars zeigen sie sich wenig beeindruckt. Dennis Poschwatta macht das nichts aus: „Ich bin halt als Musiker hier und nicht als Rockstar.“

Die Flüchtlinge spielen alle kein Instrument. Deswegen hat der Schlagzeuger und Produzent sie mit seinem Mischpult vertraut gemacht. „Tarik hat ein bisschen rumgeklickt und wusste sofort, was los war“, erzählt Poschwatta. Nachdem der Afghane die Systematik verstanden hat, probiert er aus. Der Guano-Apes-Drummer gibt einige Takte vor, ergänzt und schnippelt. „Dann machst du ein bisschen Hall drauf und schon wird‘s cool“, sagt der Musiker.

Außerdem sprechen sie viel über ihre Vorstellungen. „Man sagt zum Beispiel, die Gitarre muss mehr elchen“, erklärt Poschwatta. Melat nutzt diese Bildsprache. „Ich brauch was fürs Auto. Mach mehr Auto!“, fordert der Iraker und meint damit einen richtig satten Bass. Tarik und Abdullah singen ihre Kompositionen in traditioneller Musik ins Mikro ein. Doch was zuerst nicht passt, wird passend gemacht. Poschwatta mischt aus den Versionen einen schönen Crossover, und ein cooler Mix aus düsterem Elektro-Hip-Hop und afghanischer Tradition entsteht.

Während Tariks und Melats Texte von unerfüllter Liebe handeln, geht es im Reggae-Raum nebenan richtig zur Sache. Zu den unbeschwerten Karibik-Beats singen die Jungs, wie Fremde in ihre Schulen kamen und sie gefoltert haben, wie sie geflohen sind und wie sehr sie jetzt ihre Familien vermissen. Makele aus Eritrea war in seiner Heimat Kindersoldat und versucht, die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Die Musik hilft ihm dabei.

„Die Jungen haben halt krasse Sachen erlebt, die wir uns nicht vorstellen wollen und können“, sagt Sebastian Walkenhorst von der Jugendhilfe Südniedersachsen. Der Betreuer ist selbst Musiker und hat die Aktion initiiert. Er will ihnen ein Stück Normalität vermitteln und sagt: „Ich denke, zu 99 Prozent sind die wie unsere Kids auch – ganz normale Teenager.“

Obwohl sie durch das Erlebte traumatisiert seien, wie Walkenhorst betont. Melat hat 8 500 Euro für einen Schleuser und eine schreckliche Flucht gezahlt. Er kann erst einmal durchatmen, denn gerade wurde seine Familienzusammenführung genehmigt. Tarik hingegen weiß gar nicht, wo seine Familie ist.

Am Mischpult tüftelt Produzent und Studiomusiker Godi Hildmann an einem Song. Reggae in einem wilden Sprachenmix. „Du kriegst das Grinsen gar nicht mehr raus“, sagt Poschwatta, der an der Tür lehnt und gespannt zuhört.

Baba ist 19 Jahre und kommt aus Gambia. Er singt und schreibt Texte, Inspirationen holt er sich von Youtube. Zu Beginn seiner Songs stellt er sich kurz vor, dann geht‘s ab. „Klingt schon geil“, sagt Poschwatta. „Man merkt, dass sie musikalisch anders sozialisiert sind“, findet Hildmann. „Auch der Gesang ist ganz anders, der klingt einfach nur lässig.“

Fünf Tage arbeiten die jungen Flüchtlinge mit den Profis im Studio, sechs Songs entstehen. Den Mix bekommen die Jungs mit, „damit sie Spaß haben“, sagt Poschwatta. Außerdem ist eine Version von Tarik, Melat und Abdullah im Internet auf gturl.de/musik zu hören.

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