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Als Obdachloser Straßenzeitungen verkauft

Jan Fritzowsky aus Bad Lauterberg entwickelt TV-Formate Als Obdachloser Straßenzeitungen verkauft

Jan Fritzowsky steht vor einem Supermarkt mitten in Berlin. Er trägt eine grüne Warnweste und hat den "Straßenfeger" in der Hand. Die Obdachlosen-Zeitung präsentiert er wie eine Urkunde vor dem Bauch. Die Kunden, die den Markt betreten oder verlassen, interessieren sich dafür aber kaum.

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Der Reporter als "Obdachloser".

Quelle: Härtl

Bad Lauterberg. Die meisten gehen an ihm vorbei, schauen ihn nicht einmal an, hin und wieder steckt ihm jemand ein paar Münzen oder Süßigkeiten zu. Dann bleibt eine Frau stehen. "Junger Mann, also ich weiß auch nicht", sagt sie und schüttelt mitleidig den Kopf. "Versuchen Sie bloß, etwas Vernünftiges zu machen."

Das tut er. Normalerweise. Der Bad Lauterberger Jan Fritzowsky ist Reporter für die ProSieben-Wissenssendung "Galileo". Und vor dem Supermarkt in Berlin macht er ein Experiment: Was bringt es einem Obdachlosen, Zeitungen zu verkaufen? Und was verdient er an einem 6-Stunden-Tag in der Kälte? Drei Tage lang testete der 32-Jährige den Straßenverkauf und übernachtete in einer Notunterkunft. Der Dreh in der Hauptstadt war einer von vielen, die den Harzer schon einmal rund um den Globus geführt haben.

Ortswechsel: Der Reporter steht vor der verschlossenen Tür der Obdachlosenunterkunft, in einer Schlange mit einigen anderen Männern, die darauf warten, dass die Unterkunft für die Nacht öffnet und sie einen Schlafplatz ergattern. Jan wird eingelassen - der Mann vor ihm nicht. Er sei registriert, weil er in einer anderen Unterkunft auffällig geworden sei, und müsse sich deswegen einen anderen Platz zum Schlafen suchen. Draußen ist das Thermometer unter den Gefrierpunkt gesunken. Jan sitzt im Warmen und Hellen. "Da habe ich mich wirklich schlecht gefühlt. Ich war drin und der Mann draußen. Wo er übernachtet hat? Keine Ahnung", beschreibt der Reporter.

10 000 Wohnungslose

Die Suche nach einem Schlafplatz dürfte für den Mann ein schwieriges Unterfangen gewesen sein: In Berlin leben mehr als 10 000 Wohnungslose und bis zu 4 000 Obdachlose. Deshalb hat sich das Team dazu entschlossen, in Berlin zu drehen und nicht in München, wo die Produktion sitzt und Jan Fritzowsky wohnt und arbeitet.

Der Moment, in dem der Mann abgewiesen wurde, sei in den drei Tagen des Experiments die Schlüsselerfahrung für den Reporter gewesen: "Mir ist klar geworden, wie gut ich es habe, und wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich jeden Abend in meinem Bett schlafen darf, eine Wohnung habe." In den beiden Nächten, die Jan in der Notunterkunft verbrachte, hat er niemandem den Schlafplatz weggenommen. Der Verein mob, der die Unterkunft betreibt, hat ein Zusatzbett für ihn aufgestellt. "Das war mir wichtig", betont er. Der Verein kümmert sich um Obdachlose und Menschen in prekären Lebenslagen und gibt auch die Zeitung Straßenfeger heraus, die es den Menschen ermöglichen soll, etwas für ihren Lebensunterhalt zu tun und nicht auf Almosen angewiesen zu sein. In der Notunterkunft von mob dürfen die Obdachlosen drei Nächte bleiben, dann müssen sie sich einen neuen Schlafplatz suchen.

Nach drei Tagen "auf der Straße" will sich Jan nicht anmaßen, das Leben eines Obdachlosen zu bewerten. "Menschen, die wirklich obdachlos sind, fehlt wesentlich mehr als nur einfach das Dach über dem Kopf. Sie haben oft Dinge erlebt, die ich glücklicherweise noch nie erleben musste." Dennoch könne er für sich ein Fazit ziehen. Während es für die Menschen in der Unterkunft das echte Leben war, habe er gewusst, dass er nach drei Tagen wieder in den Flieger nach Hause zu seiner Freundin steigen wird. "Ein Ort, an dem ich mich geborgen fühle. Das gibt es auf der Straße nicht."

Gutes Produkt im Angebot

Als Zeitungsverkäufer habe er zudem eine völlig neue Erfahrung gemacht. Der Straßenfeger ist eine Zeitung, die von professionellen Journalisten geschrieben wird. Sie kostet 1,50 Euro: 60 Cent gehen an den Verein, 90 Cent an den Verkäufer. "Für mein Empfinden hatte ich ein wirklich gutes Produkt im Angebot." Das habe die Passanten aber selten interessiert. Die meisten hätten kaum reagiert, auch der Versuch, die Leute anzusprechen, habe nicht geholfen. "Ich glaube sogar, einige haben sich durch meine Ansprache unwohl gefühlt. Ich hatte das Gefühl, plötzlich ein anderer Mensch zu sein: Warum bin ich, nur weil ich als Obdachloser auf der Straße stehe, plötzlich unsichtbar?"

Andererseits hätte es aber auch nette Menschen gegeben, etwa zwei Studentinnen, die übrig gebliebenen Kuchen verteilt haben, oder eine Frau, die ihm eine Banane und Weingummis schenkte. Zeitungen wollten aber nur die wenigsten haben. Dabei wäre gerade das so wichtig. "Man schätzt damit nicht nur die Arbeit des Verkäufers, sondern unterstützt vor allem das Projekt." Ohne den Verkauf könnten sich Zeitung und Notunterkunft nicht finanzieren. Ein Vermögen verdienen die Verkäufer nicht. "Das hat mich beeindruckt: Die Verkäufer wollen ihr Leben wieder in den Griff bekommen und versuchen sich selbst zu organisieren."

Die Idee für den Beitrag sei einer Kollegin von Jan Fritzowsky bei einem Weihnachtsbummel durch die Stadt gekommen. Sie habe einem Straßenverkäufer eine Zeitung abgenommen und sich dann gefragt, was und wem der Kauf etwas bringt. Aus solchen Ideen, die im Alltag entstehen, würden dann meistens die Beiträge, die die Menschen gern sehen. Aber auch durch die Recherche in der Redaktion kommen Beiträge zustande: Worüber schreiben die Medien? Was beschäftigt die sozialen Netzwerke? "Bei Galileo haben wir einmal in der Woche eine Themenpräsentation. Hier wird entschieden, welche Filme wir produzieren."

Eigentlich ins Musikbusiness

Dass er heute als Reporter reisen und spannende Geschichten erzählen kann, verdankt Jan Fritzowsky mehr oder weniger dem Zufall. Nach dem Abitur an der BBS I in Osterode habe er ins Musikbusiness und an die Rock- und Pop-Akademie nach Mannheim gewollt. Dafür habe er aber ein Vordiplom in BWL benötigt. "Den Gedanken an ein BWL-Studium fand mein Vater im Übrigen wesentlich attraktiver als ein Musikbusiness-Studium bei Xavier Naidoo", scherzt er.

Jan zog zum Studieren also nach Köln, wo er erstmals Kontakt zu Film und Fernsehen, das ihn schon als Kind angezogen hat, bekam. In Köln gab es viele Film- und Fernsehproduktionen. Hier verdiente er sich neben dem Studium Geld dazu, zunächst als Kabelhilfe, etwa bei DSDS oder dem Grandprix der Chöre im ZDF, später als Studiokameramann und dann in der Wirtschaftsredaktion bei n-tv. Hier habe er seine Leidenschaft für das Sprechen entdeckt. "Die, die mich kennen, wissen, dass ich meine Klappe selten halten kann", sagt er. Parallel zum Studium ließ er sich zum professionellen Sprecher ausbilden.

Dann begann er ein Volontariat bei einer Firma in München, die auch im Auftrag von "Galileo" arbeitet. "Das war eine super Zeit, in der ich viel gelernt habe", erinnert sich Jan. Aktuell arbeitet er in der Formatentwicklung, ist aber weiterhin auch als Sprecher für unterschiedliche Projekte und als Reporter für "Galileo" tätig.

Sein Aufgabenbereich ist dadurch sehr vielfältig. Er entwickelt zusammen mit einem Kreativteam neue TV-Formate - von der Reportage über Spielshows bis zu Comedy Shows - und arbeite dabei auch mit Manfred Teubner zusammen, dem Ex-Unterhaltungschef von "Wetten, dass..." mit Thomas Gottschalk. "Von solchen Menschen kann man einfach nur lernen", schwärmt Jan. Daneben spricht er in seinem eigenen Tonstudio Werbefilme ein oder ist die sogenannte "Off-Stimme" in Fernsehsendungen. "Das ist die Stimme, die man immer hört, aber nie sieht. So ungefähr habe ich das meinen Eltern erklärt", sagt er. Als Sprecher wird er auch für den Berufsinformationstag in Osterode gebucht, führt Interviews mit den Ausstellern und nutzt die Gelegenheit für einen Besuch in der Heimat. Ein- oder zweimal im Monat steht er zudem für "Galileo" vor der Kamera.

Von der Welt hat Jan auf diese Weise schon viel gesehen, auch viel Schlimmes. So habe er für einen Film herausfinden wollen, woher das sogenannte Chrom VI kommt, eine Art Gift in unseren Schuhen. Die Reise führte ihn bis nach Indien, wo er in Ledergerbereien gedreht hat. "Da habe ich so ziemlich das schlimmste Elend gesehen, das man sich nur vorstellen kann: Industriegelände, auf denen mehr als 200 Gerbereien waren und zwischen denen die Menschen in Baracken lebten - direkt neben pinken Giftseen und dem Gestank tausender toter Rinder."

Trotz Drehgenehmigung wurden er und sein Team festgenommen, Jan filmte mit versteckter Kamera aber weiter. "Da geht einem echt die Düse." Das Team wurde wieder freigelassen, es ist niemandem etwas passiert. "Solche Drehs sind nicht nur körperlich, sondern auch emotional anstrengend. Wir haben viele Menschen gesehen, die unter der Produktion vieler unserer alltäglichen Produkte leiden. Nach dem Dreh hatte ich Alpträume. Mein Bezug zu vielen Produkten hat sich komplett verändert."

Auf der anderen Seite gibt es da die lustigen Drehs. In einem Selbstexperiment testete Jan in New York das schärfste Curry der Welt. "Der Koch gab mir zum Schutz meiner Gesundheit eine Gasmaske. In Indien wird die sogenannte Bhut Jolokia, eine der schärfsten Chilis der Welt, genutzt, um Tränengas für das Militär herzustellen. Bei mir kam sie ins Essen. Mein Körper war schon nach dem zweiten Löffel nicht mehr kontrollierbar."

Dann gab es da die Menschenschleuder in Salt Lake City. Vater und Sohn hatten sich überlegt, was man alles aus alten Strommasten bauen kann und bastelten eine überdimensionale Zwille. "Für die unterschiedlichen Kameraperspektiven musste ich das Ganze neunmal wiederholen. Hört sich fies an, war aber mega", schwärmt Jan. In Erinnerung ist ihm auch der zehnwöchige Versuch geblieben, sich ein Sixpack anzutrainieren. 14 Kilogramm Gewicht hat er verloren. Und das Sixpack? "Gab?s im Supermarkt für rund vier Euro", scherzt Jan.

Obdachlosen-Zeitung, Riesen-Zwille, schärfstes Curry der Welt - gibt es noch etwas, das Jan gern testen würde? "Wie entkomme ich dem Jojo-Effekt", scherzt er mit Bezug auf den Sixpack-Test. Abgesehen davon schwirren ihm noch andere Ideen im Kopf umher: Schafft es ein Normalo auf den Mount Everest? Ist es wirklich möglich, in 80 Tagen um die Welt zu reisen? Wer weiß, vielleicht ist Jan Fritzowsky, der Reporter aus Bad Lauterberg, bald auf dem höchsten Berg der Welt unterwegs.

Von Natalie Bornemann

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