Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Bad Sachsas Rolle in der Weltgeschichte

Ausstellung über die Kinder der Widerstandskämpfer Bad Sachsas Rolle in der Weltgeschichte

Der 22. November 2016 ist ein historischer Tag für Bad Sachsa. Seit Dienstag können Einheimische und Gäste die Beziehung der kleinen Uffestadt zur großen Weltgeschichte, wie Prof. Dr. Johannes Tuchel von der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand es bezeichnete, eindrucksvoll erleben.

Voriger Artikel
Steuerhinterziehung in Millionenhöhe
Nächster Artikel
Lebensgroße Figuren

Einige der ehemaligen Kinder im Gespräch bei der offiziellen Eröffnung im Kursaal.

Quelle: Mark Härtl

Bad Sachsa. Unter dem Titel "Unsere wahre Identität sollte vernicht werden" wurde die neue Dauerausstellung, die das Schicksal der Kinder der Widerstandskämpfer des 20. Juli dokumentiert, eröffnet.

Knapp 200 Gäste, darunter ein Großteil der noch lebenden Kinder von damals, erfuhren in mehrfacher Hinsicht - nämlich aus der der Stadt, aus der des Historikers und aus der des Zeitzeugen, die schicksalhafte Geschichte im Borntal zwischen den Jahren 1944 und 1945.

Bürgermeister Axel Hartmann skizzierte sichtlich bewegt zunächst einmal, wie es nach nunmehr 72 Jahren überhaupt dazu kam, dass dieses Kapitel der Uffestadt genauer betrachtet wurde. Er betonte, dass er aus eigener Erfahrung wisse, dass die Stadt und ihre Einwohner stets ein kompliziertes Verhältnis zu diesem Teil ihrer Geschichte hatten. "Niemand wollte über die Kinder und ihre Schicksale sprechen. Bis heute gibt es im Borntal selbst keine richtige Erinnerungsstätte."

Idee beim Amtsantritt

Bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren habe er betont, dass er diesen Zustand ändern möchte. Dank der Kontakte zu Günter Winands, Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, habe man es auch geschafft, die notwendigen finanziellen Ressourcen für das Projekt zu erhalten - 80 000 Euro sind in die Ausstellung geflossen.

"Wir setzen hier heute ein Zeichen, dass wir in Bad Sachsa uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen." In Richtung der ehemaligen Kinder betonte Dr. Hartmann, dass er im Namen der Stadt um Verzeihung bitte und hoffe, alle in drei Jahren zum 75. Jahrestag des Attentats begrüßen zu können.

Dr. Günter Winands ging in seinem Grußwort ausführlich darauf ein, wie extrem der Wille der Nationalsozialisten gewesen sei, mit der Sippenhaft jede Erinnerung an die Attentäter und ihre Familien auszulöschen. Man habe die Väter getötet, die Mütter in Konzentrationslager gesteckt und die Kinder nach Bad Sachsa verschleppt und ihnen neue Identitäten verpasst. Er dankte, dass es eben Menschen wie die Widerstandskämpfer gegeben habe, die zeigten, dass sich in Deutschland Personen gegen das Regime auflehnten.

Schonungsloser Zeitzeugenbericht

Schonungslos skizzierte Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld im Anschluss, wie er die Zeit in Bad Sachsa erlebt hatte. Mit 15 Jahren war er damals das älteste Kind, das in den Südharz verschleppt worden war. Als am 7. August zwei Männer der Gestapo ihn und seine Familie aufsuchten, habe er sie höflich gefragt, was denn ihr Begehren sei. Völlig verdutzt auf diese Frage hätten diese etwas von einer Ferienreise gemurmelt. Mit dem Zug aus habe ihn seine Reise dann zuerst in das Gefängnis in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern geführt und von dort nach Bad Sachsa.

Im Kinderheim selbst sei ihm vor allem in Erinnerung geblieben, dass man alles daran gesetzt habe, dass die Kinder ihre richtigen Identitäten verleugnen sollten. Dies misslang aber kläglich. "Mein Bruder, der meine alte Lederhose trug, in der mein Name stand, zeigte diese jedem mit dem Hinweis, dass er zwar nicht sagen darf, wer er sei, sie aber ja lesen könnten", sagte Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. "Für mich war der 20. Juli so etwas wie der Neuanfang meines Lebens. Alles, was bis dato war, wurde auf den Kopf gestellt", so sein Fazit.

Dank an den Stadtarchivar

Einen detaillierten Bericht speziell darüber, warum die Kinder ausgerechnet nach Bad Sachsa verschleppt worden waren - und zur Ausstellung allgemein - gab Prof. Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die die Ausstellung gemeinsam mit der Stadt Bad Sachsa erstellt hatte. Sein Dank vorab galt vor allem Stadtarchivar Ralph Boehm. "Ohne Sie und Ihre akribische Arbeit hätten wir die Ausstellung in dieser Form nicht realisieren können."

Tuchel betonte, dass sich Gedenkstätte und Stiftung bereits seit dem Jahr 1994 mit den Geschehnissen in Bad Sachsa beschäftigen. "Man darf nicht vergessen, dass 46 Kinder aus 18 Familien herausgerissen wurden." Die Frage, warum die Uffestadt als Ort für die Kinder gewählt wurde, konnte der Historiker ebenfalls beantworten. "Bad Sachsa selbst hat keine Schuld oder Verantwortung in irgendeiner Form." Vielmehr sei es so gewesen, dass für die Gestapo, die die angeordnete Sippenhaft umsetzte, im Südharz beste Voraussetzungen herrschten.

Durch den Umzug der Raketenforschung von Peenemünde in den Harz habe man hier einen perfekt abgeschirmten Sicherheitsbereich vorgefunden. Deshalb hätten auch zwei SS-Offiziere, die in der Kommission saßen, die über das Schicksal der Familien der Attentäter entschied, die Vorteile im Harz mitgeteilt, so dass die Wahl auf Bad Sachsa fiel.

Bis zu 200 Kinder sollten kommen

Es sei, so Tuchel, auch geplant gewesen, noch viele weitere Kinder in den Harz zu bringen. "Unseren Erkenntnissen nach sollten bis zu 200 Kinder hier mit neuen Identitäten versehen werden." Besonders bewegt habe ihn, dass die Kinder selbst in den letzten Zügen des Nazi-Regimes nicht aus dessen Klauen gelangen sollten.

"Im Februar 1945 kamen noch Kinder ins Borntal-Heim. Selbst in der Phase der Auflösung wollte man diese Kinder für die Taten ihrer Väter bestrafen", so Tuchel.

"Wir setzen hier heute ein Zeichen, dass wir in Bad Sachsa uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen."

Von Thorsten Berthold

Die Ausstellung:

Dr. Axel Hartmann, Bürgermeister,zur Ausstellung

Die Ausstellung "Unsere Identität sollte vernichtet werden" dokumentiert das Schicksal der Kinder der Widerstandskämpfer, die nach dem 20. Juli 1944 nach Bad Sachsa verschleppt wurden.

Auf mehr als 30 Tafeln werden Informationen über die Kinder geboten. Zwei Mediastationen mit ausführlichen biografischen Angaben ergänzen das Angebot. Insgesamt sind mehr als 300 Fotos und Dokumente zu sehen.

In der 1. Etage der Tourist-Information , Am Kurpark 6, ist die Ausstellung werktags von 9 bis 17 Uhr kostenlos zu besichtigen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Schauspieler-Casting im Göttinger „Kauf Park“