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Flüchtlingshilfe im Harz:Immer auf Stand-by

Pastorenehepaar aktiv Flüchtlingshilfe im Harz:Immer auf Stand-by

Kleiderbörse, Sprachkurs, Mittagstisch: Seit einem Jahr engagiert sich ein Pastorenehepaar mit seiner Kirchengemeinde im niedersächsischen Walkenried in der Flüchtlingshilfe. Sie sehen für die Neuankömmlinge im Harz eine Perspektive.

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Seit einem Jahr engagiert sich ein Pastorenehepaar mit seiner Kirchengemeinde im niedersächsischen Walkenried in der Flüchtlingshilfe und organisiert neben Mittagstisch und Kleiderbörse auch Sprachkurse.

Quelle: Michael Reichel/dpa

Walkenried. Walkenried/Kr. Osterode (epd). Laut schrillt der Ton der Klingel durch den Flur des alten Fachwerkhauses. Pfarrfrau Siglinde Haußecker läuft zur Tür und ein paar Sekunden später stehen zwei Eritreerinnen in ihrer Küche. Sie suchen nach jemandem, der sie zu ihrer Freundin ins 60 Kilometer entfernte Krankenhaus fahren kann. Haußecker engagiert sich gemeinsam mit ihrem Mann für die mittlerweile rund 40 Flüchtlinge in dem 2.000 Einwohner zählenden Ort im Südharz. "Ich bin immer auf Stand-by", sagt die 55-Jährige mit Blick auf ihr Handy.

Seitdem die evangelische Kirchengemeinde im vergangenen Jahr einer jungen Frau Kirchenasyl gewährte, haben sich viele Menschen im Ort der Flüchtlingshilfe angeschlossen. Zuletzt geriet Walkenrieds mittlerweile abgewählter Bürgermeister in die Schlagzeilen. Der Politiker hatte über Facebook gefordert, Wirtschaftsflüchtlinge "wegzusperren". In dem Harzer Ort seien diese Äußerungen auf viel Widerstand und Unverständnis gestoßen, sagt Haußecker: "Wird ein Flüchtling abgeschoben, leiden wir alle mit."

"Unsere Flüchtlinge", sagt Haußecker, wenn sie von ihnen spricht. An der Wand in der Küche hängt ein Foto einer syrischen Familie, die erst kürzlich neu in Walkenried angekommen ist. Die jeweiligen Namen hat das Ehepaar dazu geschrieben: "Wenn die Menschen schon unsere Sprache lernen, ist es doch das mindeste, dass wir ihre Namen können", ergänzt Ehemann, Pfarrer Heiner Reinhard.

Ziel der Arbeit ist, die Neuankömmlinge im Ort so schnell wie möglich zu integrieren. Dafür bietet die Gemeinde jede Woche einen Sprachkurs im Pfarrhaus an. Regelmäßig begegnen die Flüchtlinge auch bei einem Mittagstisch den Bewohnern des Orts. "Die Hilfe soll für alle da sein", betont Haußecker, die schon vor 20 Jahren als Sozialarbeiterin Flüchtlingen aus dem Kosovo geholfen hat. Bei einer eigens gegründeten Tauschbörse können die Asylsuchenden jede Woche Kleidungs- oder Sachspenden abholen.

Das Ehepaar hilft bei der Suche nach Dolmetschern oder Arbeitsplätzen. Einem Mann haben sie eine Arbeit als Hausmeister im benachbarten Kloster vermittelt. "Solange die Menschen in einer Warteschleife sind, macht es sie kaputt", sagt Theologe Reinhard. Wenn es nach ihnen ginge, könnten im Harz sehr viel mehr leerstehende Häuser durch Flüchtlinge wiederbelebt werden. "Bevor Menschen in Zelten schlafen, wäre Walkenried ein Ort, wo sie bleiben könnten." 

Unterstützung findet diese Idee auch beim niedersächsischen Flüchtlingsrat. "Es erscheint überfällig, dass wir zu anderen Verteilungsregelungen kommen", sagt Geschäftsführer Kai Weber. Besonders in kleinen Dörfern gebe es oft eine "bemerkenswerte Aufnahmestruktur".

Von der Integration hat auch der 59-jährige Sero aus Mazedonien profitiert. Seit fast einem Jahr lebt der Roma im Harz und besucht regelmäßig den Sprachkurs im Pfarrhaus. Vor kurzem hat der gelernte Metzger eine Zusage für eine Arbeitsstelle in einer Küche bekommen, erzählt er. Leider kam diese zu spät: Er soll zurück, in zwei Tagen ist der Termin für die Ausreise.

Ein Zuhause in Mazedonien hat Sero nicht mehr. Seine Frau und seine Tochter sind gestorben. Sein ganzes Geld und seine Wohnung hat er in ihre medizinische Behandlung investiert. Er ist verzweifelt. Pfarrfrau Haußecker nimmt ihn zu sich für ein ruhiges Gespräch in der Küche. Sie rät ihm, sich die Arbeitsplatzzusage bescheinigen zu lassen. Schließlich lächelt Sero tapfer und ist überzeugt: "Ich will zurückkommen." (epd)

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