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Der ewige Lappen

Zeitzeugenausweis von Uwe Janssen Der ewige Lappen

Eins der letzten fassbaren Relikte bundesdeutschen Erwachsenwerdens hält sich trotz nachlässiger Behandlung noch immer tapfer in mancher Gesäßtasche: Eine Ode an den Lappen.

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Das fetzt urst!

Eine Zeitkapsel des Erwachsenwerdens und nahezu unzerstörbar: Der alte West-Lappen hält sich weiter tapfer.

Quelle: privat

Hannover. Er ist grau, alt, geschunden. Er hat Kälte, stickige Enge und Vollwaschgänge überlebt. Nein, schön ist er nicht. Aber wer ihn noch hat, ist stolz drauf. Den Lappen. Für den das Wort Führerschein zu klein, zu bieder, zu nüchtern ist. Lappen. Der Lappen. Mehr Lappen als jedes Putztuch. Auch dieser Lappen hat Textil. Synthesefaser. Das macht ihn fast unsterblich. Man kann ihn bohren, nuten, rillen, ösen, prägen, falzen oder stanzen. Er sagt nichts.

Der Lappen hat bundesrepublikanische Emanzipationsgeschichte erlebt. 1958, als Frauen erstmals den Führerschein ohne Erlaubnis ihrer Männer oder Väter machen durften. Vielleicht ist er deshalb von Frauen immer besser behandelt worden. Als Dokument männlicher Fahrbefugnis ist seine Haltung selten artgerecht. 40 Jahre Gesäßtasche zwischen scheuerndem Münzgeld und speckiger Geldbörse unter einem stetig gewachsenen Backendruck haben vieles verblassen lassen, was einst amtlich festgehalten worden war. Der Lappen selbst hat immer festgehalten – das Lichtbild, das ihm mittels zweier Lochnieten brutal auf den Faserleib gepresst wurde. Er hält das aus.

Der Lappen kennt das

Er hält auch aus, wenn sich ältere Menschen auf Partys spontan ihre alten Ausweisbilder zeigen. Es fallen Sätze wie “Du hattest mal ’nen Schnäuzer?“, was sich der Fragende selbst mit “Ja“ beantworten kann, sofern er ausschließt, dass der Schnäuzer extra fürs Foto angeklebt wurde. Partymenschen sagen “Ich hätte dich tatsächlich nicht erkannt!“ und meinen “Du warst tatsächlich nicht immer so hässlich!“. Der Lappen weiß das, er hat das oft genug gehört in 40 Jahren Gesäßtasche. Immerhin sind dies seltene Momente zum Luftholen.

Selbst Polizisten wollen den Lappen kaum noch sehen. Sie denken beim Anblick des Fotos dasselbe wie die Partymenschen, sagen aber nichts. Sollte man bei einer Polizeikontrolle zufälligerweise immer noch das selbe Hemd anhaben wie auf seinem Lappenfoto, kann unter Umständen schon das Öffnen des Fensters reichen, um eine zügige Weiterfahrt zu erwirken – oder die Benachrichtigung des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Wegen Gefährdung von Mann und Maus, Flora und Fauna, Haus und Hof. Eigentlich von allem – außer dem Lappen. Der hält das aus.

Von Uwe Janssen

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