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Arbeit für alle

Die Rückkehr der Workwear Arbeit für alle

Workwear ist wieder angesagt – und ist mehr als nur ein Modetrend. Der Arbeitslook ist zu einer Lebenseinstellung geworden. In einer Zeit, in der sich alles über Knopfdruck am Computer regeln lässt, steht er für die Suche nach Beständigkeit.

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Im Schatten der Schönheit

Im Blaumann zur Schlagerparty: US-Sängerin Sarah Jane Scott gehört zu den Fans des Workwear-Looks.

Quelle: dpa

Hannover. Wer im Jahr 2017 ein Café besucht, landet fast zwangsläufig in der Industrie. Oder in einem Raum, der wenigstens eine neumoderne Industrieromantik versprühen soll: Wir sitzen auf Stühlen aus robusten Eisenrohren und reiben unsere Strumpfhosen an Tischplatten aus unbehandeltem Holz auf. Nach dem Cappuccino, so wirkt es, gehen wir zurück an die Maschinen.

Die Politik mag noch über den Verbleib der echten Arbeiterklasse und über Einkommensgrenzen der Mittelschicht diskutieren – die Mode hat ein solches Schubladendenken längst überwunden – und bietet Arbeiterschick, und zwar für alle, nicht nur zum Wohnen, sondern auch zum Anziehen.

Manchem mag es noch gar nicht aufgefallen sein. Doch spätestens im Sommer muss man den Overall nicht mehr suchen. Er hat sogar seine eigene Rubrik bekommen: In der Menüleiste der Onlineshops ist er neuerdings allgegenwärtig, und zwar gleichberechtigt neben Blusen, Hosen, Röcken, Mänteln und Accessoires. Auch Latzhosen sind in Serie zu haben. Sie sind zwar etwas enger geschnitten als das schützende Äquivalent von der Baustelle oder aus dem Baumarkt, dafür aber verfügen sie über einen Stretchanteil und sind unglaublich bequem.

Arbeiterdress von Chanel

Derbe Stiefel, Seemannspullover, Holzfällerhemden – es ist nicht das erste Mal, dass Arbeiterkleidung ihren Weg in Kleiderschränke der ganzen Bevölkerung findet. Schon in den Neunzigerjahren setzten Modebewusste auf derbe Stiefel, weite Jeans mit Taschen und Schlaufen an den Hosenbeinen und wickelten sich in warme Anoraks, deren Stoffe robust und scheinbar unkaputtbar waren. Der Grund dafür war damals wie heute zunächst der hohe Tragekomfort. Die Kleidung ist schlicht und stabil – und damit mehrere Jahre lang tragbar, da mögen Moden kommen und gehen. Das machte Workwear schon immer auch für weniger wohlhabende Konsumenten interessant – noch dazu sind viele Stücke weniger teuer als Markenware.

Mittlerweile allerdings haben auch die Hersteller von Workwear den ideellen Wert ihrer Ware erkannt und die Preise zum Teil empfindlich nach oben korrigiert. Wer sich komplett in Carhartt oder Dickies kleidet, muss dann eben doch mehr bezahlen als für ein Outfit von Filialisten wie H&M. Wen das nicht stört, der kann sich womöglich auch Arbeiterkleidung von Chanel oder Marc Jacobs leisten. In diesem Fall kehrt sich das Prinzip der Modebranche einmal mehr um: Billige Marken kopieren ausnahmsweise nicht Teures – sondern Luxuslabels ahmen das nach, was in Fachgeschäften für Berufskleidung seit Jahrzehnten an der Stange hängt.

Workwear als Lebenseinstellung

Aber ist das nicht absurd? Hätte ein Minenarbeiter, der in der Grube Schicht für Schicht für sein Einkommen schuftet, nicht über Großstädter gelacht, die in dicken Boots und im Overall durch die Innenstadt flanieren? Was würde ein Fischer über Banker in Wachsjacken sagen?

Wir hätten einiges zu erklären. Etwa: Workwear ist nicht nur ein Trend, er ist zu einer Lebenseinstellung geworden. In einer Zeit, in der sich alles über Knopfdruck am Computer regeln lässt, steht er für die Suche nach Beständigem und Echtem. Workwear hält das Leben da draußen auf Abstand. Ein Overall mag den Minenarbeiter vor Kälte, Verletzungen und Schmutz bewahrt haben. Für die Menschen in der digitalisierten Welt von heute ist er außerdem eine robuste Hülle, ein Schutz gegen das, was kommen mag.

Von Dany Schrader

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