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Die Stunde der Schafwandler

Shearling: Lammfell im Trend Die Stunde der Schafwandler

Neuer Name, altes Material: Unter dem Begriff Shearling wird zu Jacken, Mänteln, Schuhen und Taschen verarbeitetes Lammfell für Herbst und Winter gefeiert. Was ist dran am flauschigen Modetrend?

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Lammfell ist wieder da: Wenn es nach den angesagten Labels und Instagram-Stilikonen geht, hüllen wir uns diesen Winter in kuschelige Shearlingjacken.

Quelle: Getty Images

Pamela Anderson war schockiert: Jahrelang trug sie nicht nur zu ihrem legendären roten Badeanzug Lammfellstiefel, wie es an ihrem Arbeitsplatz als "Baywatch"-Nixe am Strand von Malibu üblich war, sondern auch im Alltag. Doch niemand hatte ihr gesagt, dass das Schuhwerk aus geschlachteten Babytieren bestand. Bis ins Jahr 2007. Da ereilte Anderson plötzlicher Schafsinn: Als bekennende Tierschützerin rief sie zum Boykott von Ugg-Boots und Co. auf und ersann eine vegane Alternative.

Seit 2015 nun vertreibt der Neunzigerjahrestar seine "Pammies" – Wildlederimitate aus recyceltem Elektroschrott. Geht auch. Und doch sind die maximal 300 Dollar teuren Modelle eher Exoten in der Fashionwelt. Die Mode setzt auf echtes Schaffell. Da Schaffell in Kombination mit "Bikerjacke" oder "tote bag" allerdings irgendwie verunfallt klingt, kommt der – einmal mehr wiederbelebte – Trend unter neuem Namen daher: Shearling. Hört sich cool an, hält aber trotzdem warm.

Hinter dem Begriff Shearling, abgeleitet vom englischen Wort für scheren, verbirgt sich nicht allein geschorene Schafwolle. Vielmehr wird die Tierhaut gegerbt, während die Wolle noch dran ist. Das Fell von Lämmern oder Jährlingen, die zum ersten Mal geschoren werden, ergibt im Vergleich zu älteren Schafen eine besonders gleichmäßige dicke Schicht aus kurzem Fell und ist daher speziell bei der Verwertung für Kleidungsstücke beliebt.

Selbst Vegetarierinnen tragen Lammpelz

Extra für die Modeindustrie gezüchtet werden die Schafe jedoch nicht: "Die Felle sind ein Nebenprodukt aus der Fleischindustrie", sagt Susanne Kolb-Wachtel, Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts (DPI). Hauptproduktionsländer seien Spanien, Italien, Südamerika und Neuseeland.

Auch das australische Label Ugg, das die in den Siebzigerjahren von Australien an die Strände Kaliforniens überschwappende Surferschuhmode populär machte, weist darauf hin, dass das Material seiner Boots nur von für die Fleischindustrie gezüchteten Schafen stammt. Tierschutzorganisationen wie Peta verurteilen Shearling dennoch. Doch wenn Stilikonen und Instagram-Stars wie Alexa Chung oder Pernille Teisbaek sich von Kopf bis Fuß in echtes Schaffell gehüllt zeigen, ist die Begeisterung unter Modefreaks ungetrübt.

Selbst die Vegetarierinnen unter ihnen, wie beispielsweise Nike van Dinther, die auch immer wieder das Tragen von echten Pelzen diskutieren, bekennen sich zur Lammfelljacke. Van Dinther hat zwar "ein komisches Gefühl beim Tragen", sieht die Verarbeitung des Fells aber pragmatisch: "Eigentlich scheint es sogar recht konsequent, das gesamte Tier zu nutzen", schreibt die Berliner Modebloggerin von "This is Jane Wayne".

Vergoldetes Lammfell für den großen Auftritt: Die Shearlingjacke "Velocite" von Acne Studios für 2500 Euro.

Vergoldetes Lammfell für den großen Auftritt: Die Shearlingjacke "Velocite" von Acne Studios für 2500 Euro.

Quelle: Acne Studios

Neu ist der Hype um Jacken und Mäntel aus robustem und kuscheligem Lammfell indes nicht. Heute Bestandteil des Retro-Boho-Chics, waren sie in den Sechziger- und Siebzigerjahren vor allem in Form der sogenannten Afghanenmäntel mit Stickereien angesagt. John Lennon und George Harrison trugen sie. In den Achtzigerjahren dann kam, nicht zuletzt dank Tom Cruise in "Top Gun", die Fliegerjacke wieder auf, der Prototyp aller Lammfelljacken.

Denn wenn auch Schaffell schon im Mittelalter Bauern und Bürger gleichermaßen warm hielt, so wandelte sich sein Image vom rein nützlichen zum zusätzlich auch noch modischen und mit Abenteuer in der rauen Natur verbundenen Kleidungsstück doch erst nach dem Ersten Weltkrieg, als der Amerikaner Leslie Irvin neben dem Fallschirm auch gleich noch das passende Outfit für luftige Höhen entwickelte: die Lammfelljacke. Blousonartig geschnitten, atmungsaktiv sowie bis zu einem bestimmten Grad schmutz- und feuchtigkeitsresistent, machten sich außer Piloten auch Motorradfahrer die Jacke zunutze.

Die Biker-Traditionsmarke Belstaff setzt nicht zuletzt aus Nostalgiegründen auch bei ihren aktuellen Modellen auf Lammfell. Die grünbraune "Southborough"-Fliegerjacke im Vintagelook aus der derzeitigen Herrenkollektion etwa soll laut Produktbeschreibung "an die waghalsigen Rennfahrer und deren Rekordversuche in den Zwanzigerjahren am Küstenstreifen Pendine Sands" erinnern.

Shearling von Kopf bis Fuß

Modernere Schaffellversionen hat das angesagte junge dänische Label Saks Potts im Portfolio. Das übers Knie reichende Modell "Febbe" beispielsweise ist braun mit türkisblau oder rosa eingefärbtem Kragen und jadegrünen oder weißen Manschetten. Obwohl er die Anmutung eines Teppichs hat, hat der Mantel in sozialen Netzwerken und Modeblogs schnell Kultstatus erlangt, nachdem er am Rande der jüngsten Fashionweeks von diversen Besucherinnen zur Schau getragen worden war, dicht gefolgt von der gülden glänzenden Shearling-Jacke "Velocite Metallic" von Acne Studios.

Für Schafwandler, die es gern vom Scheitel bis zur Sohle warm haben wollen, gibt es diesen Winter überdies etliche Accessoires und Schuhe als Shearling-Version: Ohrenklappenmützen von Canada Goose, Ballerinas von Miu Miu, Chucks von Converse, Schals von Balenciaga oder Taschen von Mulberry.

Echtes Lammfell kann bis zu 30 Prozent Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf aufnehmen, ohne sich nass oder kalt anzufühlen. Die Schuppenstruktur der Wollfaser hält außerdem nicht nur warm, sondern stößt Schmutz ab. Darüber hinaus gilt Lammfell wegen seiner Beschaffenheit aus Bakterien und Viren abweisenden Eiweißproteinen als besonders hautfreundlich, weshalb es auch häufig für Babys als Unterlage verwendet wird.

Voll Schaf: Dieser Shearlingmantel des Labels Saks Potts war der heimliche Star vieler Fashionweeks.

Voll Schaf: Dieser Shearlingmantel des Labels Saks Potts war der heimliche Star vieler Fashionweeks.

Quelle: Saks Potts

Doch wie erkennt man in der Herde der Shearling-Produkte Qualitätsunterschiede? "Zunächst einmal stehen große Namen nicht automatisch für große Qualität", sagt Susanne Kolb-Wachtel. Wer als Designlabel zuvor noch nie Fell, Leder oder Pelz verarbeitet habe, sei schon mal kein Spezialist mit einem erfahrenen Team auf dem Gebiet im Rücken. Als Kunde solle man sich nicht scheuen, auch nach der Herkunft des Materials zu fragen, rät die DPI-Geschäftsführerin.

Auch sei Shearling kein geschützter Begriff. Wirklich hochwertig verarbeitetes Lammfell sei leicht. Ein schwerer Mantel stamme daher eher von einem ausgewachsenen Schaf. Auch der Preis könne ein Indiz sein: "Je günstiger ein Produkt ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass es sich nicht um Lammfell handelt", gibt Kolb-Wachtel zu bedenken. Bei all den Qualitätskriterien in Sachen Shearling muss man den "Pammies" und anderen ausgewiesenen Fellimitaten eines lassen: In der Polyesterproduktion dürften schwarze Schafe eher selten sein.

Von Kerstin Hergt

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