Startseite GT
Volltextsuche über das Angebot:

Frisch gestrichen

Kunst des Haarefärbens Frisch gestrichen

Ein Friseur ohne Schere: Coloristen haben sich auf eine Kunst spezialisiert, die in den meisten Salons eher beiläufig behandelt wird: das Haarefärben. Ein Besuch bei Andreas Kurkowitz, der in Berlin und London Supermodels und Normalsterblichen den Kopf wäscht.

Berlin 52.5200066 13.404954
Google Map of 52.5200066,13.404954
Berlin Mehr Infos
Nächster Artikel
Die Dandys von Erbil

Egal ob auffällige Knallfarbe oder dezente Nuancen: Haarfarbe muss zum Typ passen. Zu Besuch bei Star-Colorist Andreas Kurkowitz.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Sein Blick ist offen. Seine Kleidung leger. Die Haare sind hellbraun. Gefärbt hat Andreas Kurkowitz sie, wie er sagt, noch nie. “Ich mag meine Haare so, wie sie sind.“ Einen erkennbaren Haarschnitt hat der Colorist nicht. “Ehrlich gesagt habe ich dafür keine Zeit.“ Dabei spielen Haare und Farbe im Leben des 34-Jährigen eine große Rolle. Vor allem das Faible für Farbe.

Früher war er Graffiti-Sprayer. “Das stimmt, ist aber schon so lange her“, winkt Kurkowitz ab und erzählt lieber, wie er Colorist geworden ist: 2004 hatte er einen Farbspezialisten über einen Freund kennengelernt. “Und ich habe mich total gewundert, weil er sagte, er sei kein Friseur, er würde nur färben.“ Er entschied, sich von ihm 16 Monate ausbilden zu lassen, so sei er in diesem Beruf hängen geblieben.

Heute lebt und arbeitet Kurkowitz in London und Berlin. Er hat Privatkunden in Szenevierteln wie Notting Hill und Soho und einen eigenen Laden in Berlin-Mitte. Er schneidet nicht, sondern konzentriert sich auf Pinsel und Farbcreme. Die Leute, die zu ihm kommen, beschreibt Kurkowitz als modebewusst und weltoffen. “Es sind Menschen, die herumgekommen sind, die in Mailand waren oder in Paris gelebt haben.“ Sie reisen auch mal nur für einen Termin beim Meisterfärber an – aus Hamburg, Amsterdam, Moskau und New York. Außerdem mischt der Deutsche bei Fotoshootings mit, etwa bei der Fashion Week in Berlin und den großen Couture-Schauen in Paris. Kurkowitz hat für Modelabels wie Givenchy, Calvin Klein und Balenciaga gearbeitet. Models in der britischen “Vogue“ und in Trendmagazinen wie “i-D“ tragen seine Haarfarben.

Andreas Kurkowitz’ Studio in Berlin-Mitte erinnert eher an ein Loft als ein Friseurladen

Andreas Kurkowitz’ Studio in Berlin-Mitte erinnert eher an ein Loft als ein Friseurladen.

Quelle: dpa

Am meisten fasziniert den Coloristen an Farbe, wie man mit einer kleinen Nuance den ganzen Look einer Person verändern kann. “Trotzdem sieht der Mensch anschließend einfach besser und gesünder aus“, meint Kurkowitz. Kommt ein neuer Kunde zu ihm, schaut er selten zuerst auf die Haare. Er will den Gesamteindruck, die ganze Person. Wie sie gekleidet ist, wie sie sich gibt, wie sie auf ihn wirkt. “Das möchte ich auf jeden Fall gesehen haben, bevor der Friseurumhang angelegt ist“, erzählt er.

Das Haarefärben ist eine uralte Tradition. Die alten Ägypter, Männer wie Frauen, streuten sich lapislazuliblaues Pulver in die Haare. “Berühmt sind auch die Florentinerinnen mit ihrem rotgoldenen Schimmer im Haar, die sich ihre Haare mit Römischer Kamille gebleicht haben“, erzählt Literaturprofessorin und Modeexpertin Barbara Vinken aus München. Später wurden Haare im französischen Absolutismus im 18. Jahrhundert komplett abrasiert. Auf die Glatze setzten Männer und Frauen eine Perücke, die sie weiß puderten. “Die Menschen jener Zeit haben sich quasi mit fremden Federn geschmückt“, sagt Vinken.

70 Prozent wollen Blond

Ganz so radikal sind Kurkowitz’ Kunden nicht. Statt nach weißen Turmfrisuren verlangen sie vor allem nach Blond. Rund 70 Prozent seiner Klientel wollen Blondnuancen – je heller, desto besser. “Wenn eine Frau in Los Angeles zum Friseur geht, dann wird sie dort superblond gemacht“, berichtet Andreas Kurkowitz. “In Kalifornien sieht das gut aus, weil es so viel Sonnenlicht gibt.“ Würde dieselbe Frau allerdings in Nordeuropa leben, erschiene sie vielen vermutlich allzu blond.

Häufiger noch als der Wunsch nach Typveränderung ist für den Besuch bei Kurkowitz der Kampf gegen eines der offensichtlichsten Zeichen des Alters: Mehr als die Hälfte seiner Kunden kommen zur Grauhaarabdeckung. Aber es gibt auch welche, die mit der Farbe ein modisches Statement setzen wollten. Sie nutzten sattes, schwarzes Haar oder kräftig rote Strähnchen wie ein Accessoire. Literaturwissenschaftlerin Vinken wundert das nicht, denn “Haare sind eine der wichtigsten modischen Artikulationsmittel“, sagt sie. Oder aber der gewollt künstlich wirkende Farbeffekt ist Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit – wie etwa das “Granny Hair“ (also “Omahaar“) von US-Musikerin Lady Gaga oder Katy Perrys mal lilafarbener, mal blauer, mal erdbeerblonder Schopf.

Obwohl Schneiden nicht in sein Repertoire gehört, hat sich Colorist Kurkowitz einen internationalen Kundenstamm aufgebaut

Obwohl Schneiden nicht in sein Repertoire gehört, hat sich Colorist Kurkowitz einen internationalen Kundenstamm aufgebaut.

Quelle: dpa

Auch Normasterbliche hegen mitunter derart exzentrische Farbwünsche. In solchen Fällen muss Andreas Kurkowitz schon mal tapfer sein. “Es kommt vor, dass ich denke: Oh Gott, die Idee ist eigentlich total schrecklich“, gesteht er, räumt aber ein, dass er sich durchaus eines Besseren belehren lässt.

Neulich etwa hatte er in London eine wohlhabende Endfünfzigerin in seinem Salon, elegant, stilsicher und dezent gestylt. “Eine Frau, bei der du eigentlich nicht gedacht hättest, dass sie etwas Auffälliges will“, sagt Kurkowitz. Ihr Grau abdecken, das war dieser Kundin nicht genug, sie verlangte nach einem Hingucker. Kurkowitz färbte ihr Strähnchen in verschiedenen Rottönen und dunkle Ansätze: “Es hat ihr gefallen. Sie sagte: Das nächste Mal hätte ich gerne noch mehr davon.“

Mindestens 70 Euro kostet das Haarefärben im Studio Kurkowitz. Und wenn das Ergebnis trotz des stolzen Preises doch einmal missfallen sollte? Der Colorist sieht das entspannt: “Farbe ist variabel“, sagt er. Was heißen soll: Bei Nichtgefallen wird einfach umgefärbt.

Von Annette Meinke-Carstanjen

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Mode & Stil