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Promi-Talk Nervt Sie Mitleid, Samuel Koch?
Sonntag Promi-Talk Nervt Sie Mitleid, Samuel Koch?
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20:12 20.04.2018
Etwas Neues hat begonnen: Samuel Koch lässt sein Leben nicht vom Unfall definieren – und ist jetzt in seiner ersten Kinohauptrolle zu sehen. Quelle: Eventpress Roland

Herr Koch, Sie schreiben Bücher, spielen Theater, jetzt folgt der erste Kinofilm: Was bedeutet Ihnen die Kunst?

Über einen Umweg bin ich als Kunstturner zur Kunst gekommen – auch wenn manche jetzt sagen würden, dass dieser Sport wenig mit Kunst und viel mit Disziplin zu tun hat. Ich hatte mal einen klugen Trainer, der uns mitgab, nie zu vergessen, dass wir bei einer Kür gewissermaßen mit unserem Körper als Kunstobjekt antreten. Entsprechend präzise sollten wir uns selbst auch inszenieren. Dieser Tipp ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Und wie kamen Sie zum Schauspiel?

Als Teenager bin ich da reingerutscht. Mich hat gelockt, was auf dem Lehrplan stand: Fechten, Tanzen, Reiten, Steppen, Akrobatik. Nach meinem Unfall fiel das dann alles weg. Es war ein langer Prozess, trotzdem weiterzumachen. Nach und nach habe ich begriffen, wie befreiend die Bühnenarbeit sein kann.

Wieso?

Anfangs sagten die Zuschauer: Geniale Idee, den Schauspieler für diese Rolle in einen Rollstuhl zu setzen. Erst beim Schlussapplaus begriffen sie: Der sitzt ja wirklich im Rollstuhl! Der Rollstuhl war zum Requisit geworden, und auch ich hatte während der Aufführung meine körperliche Einschränkung komplett vergessen. Nicht nur der Theaterzuschauer wird aus seinem Alltag herausgeholt, mir geht es genauso.

Nun spielen Sie im Kino einen jungen Mann, der an Muskeldystrophie leidet: Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn ein Nicht-Querschnittsgelähmter diese Rolle übernommen hätte?

Glaube ich nicht. Außer Sie sagen jetzt, einige physische Merkmale dieses Sven in “Draußen in meinem Kopf“ seien auch meine Kernkompetenzen. Für die Vorbereitung habe ich Menschen mit dieser Muskelkrankheit getroffen und habe versucht, mich in sie hineinzuversetzen. Ich wollte wenigstens ansatzweise verstehen, was das bedeutet, wenn sich die physische Leistungsfähigkeit zusehends verschlechtert und sich das Lebensende abzeichnet. Das ist mir nahegegangen.

Wie hat das Ihr Spiel beeinflusst?

Ich musste meine sowieso schon eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten noch weiter reduzieren. Ich durfte eben nicht mit Schultern und Armen mein Sprechen unterstreichen, wozu jeder neigt. Das höre ich nicht so oft: Beweg dich nicht so viel! Das war am Anfang schwer.

Samuel Koch bei der Filmpremiere von “Draussen in meinem Kopf“ von Regisseurin Eibe Maleen Krebs. Quelle: Michael Wallmüller

In einer Filmszene müht sich Sven vergeblich, eine Mücke zu vertreiben. Kennen Sie die Situation?

Inzwischen kann ich eine Mücke recht gut verscheuchen. Trotzdem weiß ich, wie es nervt, mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert zu werden. Man muss Mittel finden, dieses Gefühl abzustreifen. Ich kann mich zum Glück sprachlich ausdrücken, und ich lebe mit Menschen, die mir helfen. Mich machen aber auch Dinge wütend, auf die weder Sie noch ich Einfluss haben – zum Beispiel, wenn wir nicht eingreifen können, um den Menschen in Afrin zu helfen, die mit deutschen Panzern der Türken und zugleich mit deutschen Panzerabwehrkanonen der Kurden zusammengeschossen werden.

Mussten Sie nach Ihrem Unfall erst lernen, Hilfe anzunehmen?

Da fällt mir wieder das Kunstturnen ein: Ohne Hilfestellung geht da nichts. Wer als Junge Flickflack übt oder später schwierige Flugteile am Reck, braucht Unterstützung. Lange nach meinem Unfall ist mir dann klar geworden, dass jeder von uns mit irgendwelchen Handicaps behaftet ist – egal, ob im Beruf, in der Familie oder im sozialen Umfeld.

Was folgte für Sie daraus?

Ich habe mich freier gefühlt im Umgang mit Helfenden. Ebenso wurde mir bewusst, dass ich umgekehrt anderen helfen kann. Ich kann gut zuhören. Ich kann garantieren, dass ich nicht weglaufe. Das allein hilft vielen Menschen. Im Haus meiner Eltern hing ein Spruch: “Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns Halt.“ Das stimmt.

Kann es sein, dass Sie mit Ihren öffentlichen Auftritten Behinderten besonders viel Halt geben?

Auch mich kostet es Kraft, die eigenen vier Wände zu verlassen. Bei mir zu Hause ist es schön warm – was wichtig ist, weil ich ständig friere. Bei mir gibt es keine Stufen oder Hindernisse, andere gehen für mich einkaufen. Aber ich habe für mich entschieden, aktiv und abenteuerlustig zu bleiben. Das kann man niemandem verordnen: Jeder muss seinen richtigen Weg finden.

Nervt es Sie, wenn Menschen ihr Mitleid über Sie ausschütten?

Manchmal scheinen die anderen mehr zu leiden als man selbst. Mitleid bringt aber niemandem wirklich etwas, Mitgefühl dagegen ist was Gutes. Das merkt man immer dann, wenn jemand keine Empathie aufbringt.

Ihre Filmfigur Sven sagt: “Ich habe eine Krankheit. Ich bin nicht krank. Das ist ein Unterschied.“ Können Sie mir diesen Satz erklären?

Sven will damit sagen, dass ihn mehr auszeichnet als diese Krankheit. Er ist nicht diese Krankheit, auch wenn sein Körper darunter leidet. Sven verfügt zum Beispiel über eine große gedankliche Klarheit.

“Ich habe eine Krankheit. Ich bin nicht krank“: Samuel Koch als Sven in “Draußen in meinem Kopf Quelle: Verleih

Seit “Ziemlich beste Freunde“ boomen Filme mit Behinderten: Haben Sie dafür eine Erklärung – mal abgesehen von derjenigen, dass die Filme Geld einspielen?

Deshalb habe ich mich zunächst gefragt, ob die Welt noch einen weiteren Film über einen Behinderten und seinen Pfleger braucht. Aber hier geht es eben auch darum, wozu ein Mensch in der Lage ist, der nichts mehr zu verlieren hat. Als Erklärung für den ­Hype kann ich Ihnen nur eine bewusst provokative Hypothese anbieten: Vielleicht gucken die Zuschauer sich gern Filme über Menschen an, denen es schlechter geht, damit es ihnen besser geht. Steile These. Haben Sie eine bessere Idee?

Ja, vielleicht: Möglicherweise taugen Behinderte deshalb zu Kinohelden, weil sie ein schwieriges Schicksal meistern.

Mhm. Als Kunstturner war ich immer der Typ, der noch einen Schwierigkeitsgrad mehr draufgepackt hat. Deshalb galt ich als mutig. Oder ich kletterte auf Klassenfahrt in Rom an der Hotelfassade bis in den vierten Stock hinauf, um den vergessenen Schlüssel aus dem Zimmer des Lehrers zu holen. Oder ich war der große Bruder für meine drei kleineren Geschwister. Aber rückblickend muss ich sagen: Ich war weder mutig noch ein Held, ich hatte einfach keine Angst.

Das ist jetzt anders?

Der viel größere Mut besteht darin, Angst zu haben und diese zu überwinden. Das gilt für Leute mit schlechter Ausgangslage, also zum Beispiel für Behinderte. Bei Menschen ohne Angst liegen Mut und Dummheit oft nahe beieinander.

Sie engagieren sich in der Rückenmarksforschung: Gibt es Fortschritte, die Ihnen Hoffnung machen?

Man weiß heute viel darüber, wie und warum Nerven nachwachsen – außer im Rückenmark, denn dort bildet sich Narbengewebe. Es gibt inzwischen aber Präparate, um die Narben zu verhindern. Würde mein Unfall jetzt passieren, wäre ich vielleicht nicht querschnittsgelähmt. Es ist keine Frage mehr ob, sondern nur noch wann es Heilung für Fälle wie mich gibt. Ja, ich habe Hoffnung.

Haben Sie jemals ein Interview geführt, in dem Ihre Behinderung nicht Thema war?

Ein bisschen durfte ich schon erahnen, wie das sein könnte. Vor Premieren am Staatstheater Darmstadt gibt es meist Interviews mit der lokalen Zeitung. Der zuständige Journalist hat sich längst daran gewöhnt, dass der Koch mal wieder kopfüber von der Decke hängt, an Seilen über die Bühne fliegt oder an der Wand klebt. In Darmstadt versammeln sich Große, Kleine, Dicke, Dünne, Bewegliche und eben auch Unbewegliche auf der Bühne. Ich mag dieses Modewort von der Inklusion nicht besonders, aber am Theater sind wir da ziemlich weit.

Samuel Koch an der Hochschule für Musik Theater und Medien Hannover Quelle: Nico Herzog

Zur Person: Samuel Koch

Eigentlich war der Auftritt vor laufenden Kameras für den geübten Geräteturner keine große Sache. Am 4. Dezember 2010 wollte Samuel Koch in der Fernsehshow “Wetten, dass ...?“ mit speziellen Sprungstiefeln nacheinander über fünf fahrende Autos federn. Millionen Zuschauer erlebten dann live vor ihren Fernsehgeräten zu Hause, wie die Sache schiefging – mit tragischen Folgen. Seit jenem Sonnabend ist Samuel Koch vom Hals abwärts weitgehend gelähmt. Moderator Thomas Gottschalk gab wenig später seine Fernsehshow ab, für Koch bedeutete der Abend das Ende seines selbstbestimmten Lebens.

Vor einer Begegnung mit Koch überlegt man für einen Moment unsicher, ob man ihm zur Begrüßung die Hand entgegenstrecken soll. Alles kein Problem. Koch, heute 30 Jahre alt, sitzt in einem Elektrorollstuhl, den er praktisch geräuschlos auf der Stelle kreisen lassen kann. Die Anfangsnervosität verfliegt schnell, wenn man mit diesem so ruhig wirkenden Mann ins Gespräch kommt. Koch versteht es, auf sein Leben mit einiger Selbstironie und auch Distanz zu schauen.

Allerdings, ob man will oder nicht: Die Erinnerung an den Sturz von Düsseldorf lässt sich kaum ausblenden. Auch Koch unterteilt durchaus in die Zeit vor und nach dem Unfall: “Zwei Leben“ (2012) hieß sein erstes von zwei Büchern, die er geschrieben hat. Der Titel des zweiten lautete “Rolle vorwärts“ (2015). Der Bezug zum Unfall ist also immer noch da – zugleich lässt sich die Überschrift aber auch ganz anders, nämlich als Aufforderung an sich selbst verstehen: Es soll vorangehen, auch im Rollstuhl.

Für Koch hat längst schon etwas Neues angefangen, ein Leben, das er so wenig wie möglich über seinen Unfall definieren lassen möchte. Schon kurz vor dem Unglück hatte der Sohn eines Informatikers und einer OP-Schwester an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover eine Ausbildung zum Schauspieler begonnen. Nach endlosen, von Schmerz und Rückschlägen gezeichneten Monaten im Krankenhaus und in der Reha setzte er das Studium fort. Im Februar 2014 bestand er die Abschlussprüfung, in der er sich mit dem Thema Behinderung auf der Bühne auseinandersetzte.

Danach wechselte Koch als Ensemblemitglied ans Staatstheater Darmstadt, wo er bis heute arbeitet. Wenn es die Rolle verlangt, wie etwa in Franz Kafkas “Bericht für eine Akademie“, lässt er sich schon mal von einem Mitspieler mit Klebeband an dessen Körper festbinden und über die Bühne schleppen.

Samuel Koch musste sich erst daran gewöhnen, eine öffentliche Person zu sein: Die Heirat mit der Schauspielerin Sarah Elena Timpe in seiner Heimatgemeinde im südbadischen Efringen vor knapp zwei Jahren wurde in den bunten Medien ausgiebig zelebriert. Seine Frau hatte Koch bei den Dreharbeiten zur Telenovela „Sturm der Liebe“ kennengelernt. Auch in Til Schweigers Komödie “Honig im Kopf“ hatte der Schauspieler eine kleine Rolle.

Und nun ist Samuel Koch in seiner ersten Kinohauptrolle zu sehen: In “Draußen in meinem Kopf“ (Start: 26. April) spielt er einen an Muskeldystrophie leidenden jungen Mann in einem Pflegeheim, der seinem Tod entgegensieht. Seiner Umgebung steht dieser Sven mit einigem Sarkasmus gegenüber – auch dem neuen Pfleger Christoph (Nils Hohenhövel), der sein Freiwilliges Soziales Jahr in dem Heim ableistet.

Wem bei dieser Inhaltsangabe andere Kinofilme mit Behinderten im Mittelpunkt durch den Kopf geistern, zum Beispiel “Ziemlich beste Freunde“: Das Kammerspiel von Regisseurin Eibe Maleen Krebs ist anders, in einigen Momenten durchaus witzig, aber ganz gewiss keine der üblichen Wohlfühl-Komödien.

Von Stefan Stosch

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