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Verstehen Sie die Frauen?

Interview mit Volker Schlöndorff Verstehen Sie die Frauen?

Vordergründig behandelt sein jüngster Film einen Stoff von Max Frisch. Tatsächlich arbeitet der Regisseur eine eigene Liebesgeschichte auf. Stefan Stosch sprach mit Schlöndorff über verpasste Chancen, die Klugheit der Frauen und den Mut, ehrlich mit der eigenen Geschichte umzugehen.

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Der “Blechtrommel“-Regisseur: Volker Schlöndorff ist Spezialist für Literaturverfilmungen. Ein Gespräch über Mut, die Liebe und seinen neuen Film “Rückkehr nach Montauk“.

Quelle: dpa

Berlin.  

Herr Schlöndorff, Sie haben von Max Frisch einen Jaguar geerbt: Mit dem guten Stück hätten Sie doch wunderbar bei der Berlinale-Premiere Ihres neuen Films “Rückkehr nach Montauk“ vorfahren können.

Vor bald 20 Jahren bin ich da tatsächlich schon mal mit dem Jaguar aufgekreuzt – bei “Die Stille nach dem Schuss“, meinem Film über die in der DDR abgetauchten RAF-Terroristen. Leider konnte der Fahrer, der den Wagen vom roten Teppich wegbringen sollte, mit dem Oldtimer nicht umgehen. Jetzt habe ich es lieber gelassen. Sonst wäre die Ehrung für Frisch womöglich noch als Werbegag fehlgedeutet worden.

Was hat Sie mit Frisch verbunden?

Das war anders als bei einer Schulfreundschaft. Da sitzt man auf derselben Bank und kommt sich automatisch näher, vielleicht ein Leben lang. Mit dem Regisseur Bertrand Tavernier habe ich es in Frankreich so erlebt. Frisch habe ich ja erst viel später kennengelernt, aber ... Na gut, lasse ich lieber gleich die Hosen runter, buchstäblich.

Bitte schön!

Frisch hat Frauen geradezu inbrünstig verehrt, ich auch. Gleichzeitig sind wir beide immer schlecht mit Frauen zurechtgekommen. Das eine bedingt womöglich sogar das andere. Wir stellen Frauen auf einen Sockel und beten sie an. Im Alltag wird es dann schwierig, sich ihnen zu öffnen.

Und was folgt daraus?

Eine gute Freundin hat das mal “Opernliebe“ genannt, dieses ewige Hin und Her bei mir damals zwischen den USA und Deutschland, zwischen dieser jungen Frau in New York und Margarethe von Trotta in München, zwischen Liebe und Trennung. Da schwang bei mir wohl mehr Mythos als Realität mit. So weit die psychologische Kurzfassung. Außerdem kannten Frisch und ich auch dieses Bedauern über verpasste Chancen, versäumtes Leben. Als ich “Homo Faber“ drehte, erzählte er mir von seiner jüdischen Freundin Käte Rubensohn: Er hatte sie in den Dreißigerjahren in Zürich geliebt. Er war Student und nahm das nicht so ernst. Sie ging zurück nach Deutschland, und er musste annehmen, dass sie das nicht überlebt hat.

Wie hätte Max Frisch wohl darauf reagiert, dass Sie in Ihrer “Montauk“-Verfilmung seine Frauen gegen Ihre Frauen austauschen?

Er wäre neugierig gewesen. Das war er schon, als ich in “Homo Faber“ aus dem Schweizer Ingenieur einen Cowboy gemacht habe. Nur eines störte ihn: dass Sam Shepard im Bett den Hut aufbehält. Aber er wusste ja selbst am besten, wie das mit Künstlern ist: Alles Schmerzvolle und Schöne, was wir erleben, verwandeln wir in ein nächstes Werk.

So etwas kann Komplikationen nach sich ziehen: Hat sich nun jemand wiedererkannt und war verstimmt?

Ich habe ja keine Indiskretionen untergebracht, anders als in meiner Autobiografie. Zudem ist da inzwischen viel Leben drüber weggegangen.

Wie nahe geht Ihnen dieser Film?

Ich wollte diese Geschichte loswerden. Ich hatte das Gefühl, damals etwas Wichtiges verpasst zu haben. Man kann Geschehenes im Nachhinein nicht wiedergutmachen, aber es besser einordnen. Die Frauen habe ich immer noch nicht verstanden, zumindest aber kapiert, dass Männer eine ziemlich lächerliche Figur abgeben – vor allem, wenn man nahe an der Wahrheit bleibt.

Früher hatten Sie den Verdacht nicht?

Wenn man verliebt ist, ist einem vieles egal. Damals hätte ich auf dem Fußabtreter vor der New Yorker Wohnung dieser Frau geschlafen. So richtig habe ich das alles noch einmal im Schneideraum begriffen. Ich habe mich gewundert: Merkt der Mann nicht, wie sehr er die Frauen verletzt? Lächerlich sind wir ja nur in den Augen der Frauen, ich selbst empfand mich ja nicht so. Das tue ich heute, wenn ich auf einem Foto neben der schönen, großen Nina Hoss den kleinen Glatzkopf sehe und denke: Der Typ ist ja wie Groucho Marx.

Wie viel Mut brauchten Sie, um diesen Film in Angriff zu nehmen?

Ohne meine Produzentin Regina Ziegler hätte ich ihn vielleicht nie gedreht: Erzähl endlich deine Geschichte, hat sie gesagt. Man kann bei so etwas leicht zum Gespött der Menschheit werden – aber nicht der Zuschauer, die sich ja selbst wiedererkennen. Wie es im Film gesagt wird: Amerika liebt strahlende Helden, in Europa sind so viele Toren unterwegs, siehe Don Quichotte oder Rigoletto.

Sind Frauen keine Närrinnen?

Nein, das ist die große Ausnahme.

Hat der Film einen therapeutischen Effekt?

Na ja, das ist ja alles 30 Jahre her. Ich bin verheiratet, habe eine wunderbare, 25-jährige Tochter. Ich bin ein zufriedener, aktiver Mensch. Aber das heißt nicht, dass da tief in mir drin nicht immer noch eine Melancholie schlummern würde. Ich bin wohl sogar deshalb so aktiv, damit diese Melancholie keine Chance hat, an die Oberfläche zu kommen.

Fühlt man sich noch mal jung, wenn man sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt?

Vor allem ist die Arbeit mit den Schauspielern ein wunderbares Lebenselixier. Ich gebe mich dann der Illusion hin, ich könnte mich in Nina Hoss verlieben. Ich tue es sogar, aber mit Abstand. Das ist eine Verjüngungskur – solange man dreht.

Hätten Sie in diesen unruhigen Zeiten nicht eher einen politischen Film drehen sollen?

Drei Monate vor Drehstart saß ich tatsächlich mit Stefan Aust und Alexander Kluge zusammen, und wir überlegten, einen Film über Flüchtlinge zu machen. Dann stand bei “Montauk“ plötzlich die ganz komplizierte Finanzierung. Politisch engagieren kann man sich aber auch so: Wir haben auch während der Dreharbeiten vor der russischen Botschaft gegen die Bombardierung von Aleppo demonstriert.

Mussten Sie erst 77 Jahre alt werden, um Ihre Geschichte zu erzählen?

Nein. Im Rückblick wünschte ich mir sogar, ich hätte früher damit angefangen. Hätte ich mal meine Internatserlebnisse verfilmt: Ein 16-jähriger Deutscher kommt zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg an ein französisches Internat. Er ist Protestant, das Internat wird von Jesuiten geführt. Der Algerienkrieg tobt, in der Klasse sind Mohammedaner, mit denen der Protestant seine Freizeit verbringt, während alle anderen in die Messe gehen. Stattdessen habe ich “Der junge Törless“ nach Robert Musil verfilmt. Die eigene Biografie habe ich mir damals noch nicht zugetraut.

Wie werden wohl Ihre Studenten an der Filmuniversität Babelsberg auf Ihren Film reagieren?

Ich bin gespannt. Junge Leute sind heute nicht mehr so aggressiv in ihrer Kritik wie wir damals. Ob der Film etwas in ihnen berührt?

Anders als in Frischs Erzählung kommen in Ihrem Film Ängste vor dem Sterben und dem Tod kaum vor.
Warum nicht?

Glücklicherweise nehme ich diese Ängste gar nicht so wahr. Ich bin ja auch ein wahrer Tor: Ich denke, ich kann auch mit 80 noch Marathon laufen und noch viele Filme drehen. Das Bewusstsein, dass die Zeit begrenzt ist, blende ich einfach aus.

Bedauern Sie wirklich so viel in Ihrem Lebe?

Stimmt auch wieder: Non, je ne regrette rien! Ich habe in meinem Leben so viel Glück gehabt, dass ich andere Dinge eben nicht ausleben konnte. Wenn man so eine Leidenschaft für die Kunst hat, landet jede andere Leidenschaft auf dem zweiten Platz. Um dann gleichzeitig ein glücklicher Familienvater zu sein, muss man wohl so ein übermächtiger Geist wie Thomas Mann sein. Obwohl: Dessen Familienleben soll auch nicht so glücklich gewesen sein.

Zur Person: Volker Schlöndorff

Natürlich, “Die Blechtrommel“ nach Günter Grass’ Jahrhundert-Roman. Dieser, nun ja, cineastische Paukenschlag brachte Volker Schlöndorff erst die Goldene Palme in Cannes und dann den Oscar in Hollywood ein. Es war der erste Auslands-Oscar für einen deutschen Spielfilm seit dem Zweiten Weltkrieg. Die “Blechtrommel“ war 1979 gewissermaßen prototypisch für Schlöndorffs Werk. Große Literatur trifft auf düstere, gern auch deutsche Geschichte.

Schon viel früher aber war Schlöndorff über deutsche Grenzen hinaus bekannt geworden: Bereits sein Regiedebüt “Der junge Törless“ nach Robert Musil Mitte der Sechzigerjahre galt als großer Erfolg. Zusammen mit Wim Wenders und Werner Herzog schickte sich Schlöndorff damals an, das Dreigestirn des Jungen Deutschen Films zu bilden.

1939 wird Volker Schlöndorff als Sohn eines Arztes in Wiesbaden geboren, seine Mutter stirbt bei einem Küchenbrand, als er fünf ist. Im Alter von 16 nimmt er an einem Schüleraustausch nach Frankreich teil. Zwei Monate soll sein Aufenthalt im Land des ehemaligen Kriegsgegners dauern, daraus werden zehn Jahre. Er macht sein Abitur in Paris, studiert Jura und lernt das Handwerk als Regieassistent bei Louis Malle, Alain Resnais und Jean-Pierre Melville, den wilden, jungen Leuten der Nouvelle Vague, die das Kino auf die Pariser Straßen bringen.

Damit sind Schlöndorffs “Wanderjahre“, wie er sie selbst genannt hat, noch nicht vorbei: Nach dem Oscar-Erfolg mit der “Blechtrommel“ geht er in die USA. Dort entstehen Auftragswerke wie “Tod eines Handlungsreisenden“ (1984) mit Dustin Hoffman oder “Die Geschichte einer Dienerin“ (1989) nach einem Bestseller von Margaret Atwood.

Dann fällt die Mauer, diese historische Zäsur holt ihn zurück nach Deutschland. Schlöndorff zieht von New York nach Berlin/Potsdam und verfilmt bald schon Max Frischs “Homo Faber“ (1991). Aufregende Zeiten verlangen ungewöhnliche Jobs: Schlöndorff lässt sich ein halbes Jahrzehnt lang als Chef des Studios Babelsberg in die Pflicht nehmen, das damals kurz vor dem Ruin steht. Inzwischen haben dort George Clooney oder Quentin Tarantino gedreht. Im Rückblick sagt Schlöndorff: “Ohne meinen Einsatz von damals gäb’s das Studio nicht mehr. Ist doch auch nicht schlecht.“

Immer wieder hat der Regisseur mit seinen Filmen Debatten ausgelöst. Die Böll-Verfilmung “Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) über die Macht des Boulevards in Zeiten der Massenhysterie fällt mitten in die aufgeheizte Terrorismusdebatte in der Bundesrepublik. Der Film endet mit einer ungewöhnlichen Einblendung: “Ähnlichkeiten mit gewissen journalistischen Praktiken sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ Ko-Regisseurin bei “Katharina Blum“ ist seine damalige Frau Margarethe von Trotta. Die Ehe geht 1991 nach 20 Jahren auseinander. Seit 1992 ist Schlöndorff mit der Cutterin Angelika Gruber verheiratet, im selben Jahr kommt seine Tochter zur Welt.

Nun hat Schlöndorff noch einmal in New York gedreht: “Rückkehr nach Montauk“ (Kinostart: 11. Mai) heißt doppeldeutig sein Film, in dem er Max Frischs Erzählung zum Ausgangspunkt nimmt, um von einer eigenen Liebe zu erzählen.

Von Stefan Stosch

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