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Technik & Apps Gar nicht von Pappe
Sonntag Technik & Apps
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20:12 11.05.2018
Runter vom Sofa: Mit dem Bastelset Labo bietet Nintendo eine analoge Erweiterung für seine Spielkonsole Switch an. Wir haben die Pappbausätze getestet. Quelle: Nintendo Labo
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Leipzig

Dieser Gaming-Trend sieht verdächtig nach Ikea aus. Er findet sich in flachen, großen Kisten und ist überraschend schwer. In den Kisten steckt Labo. Das klingt nach Experimenten, und tatsächlich sollen Spieler aus den großen Pappbögen verschiedene Modelle bauen, mit ihnen spielen und schließlich selbst kreativ werden, die Bauwerke verschönern und verändern.

Labo ist so etwas wie die haptische Verlängerung des Konsolenspiels nach hinten – in vorelektronische Kinderzeiten, in denen Spielzeug weniger eine Frage des fertigen Produkts als eine Frage der Fantasie war. Mit einer Einschränkung: Wer die Spielkonsole Switch nicht bereits besitzt (wie weltweit 17 Millionen Menschen) oder für 300 Euro kauft, der braucht auch kein Labo. Denn nur zusammen wird eine Erfahrung daraus.

Irgendwo zwischen Lego und Ikea: In der Labo-Box stecken die Anleitungssoftware, Aufkleber, Plastikringe, Gummibänder – und Pappe. Sehr viel Pappe. Quelle: Jan Bojaryn

Mit dem Titel richtet sich Nintendo vor allem an Kinder und Familien. Die Switch ist eine modulare Konsole, eine Art Tablet mit seitlich angesteckten Controllern. Solch teure Unterhaltungselektronik wird in vielen Haushalten mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt; Labo aber degradiert die Geräte zu Bausteinen, um die herum völlig neue Dinge gebaut werden können.

Wer das Labo-Multi-Set (65 Euro) öffnet, der sieht in der Packung eine kleine Schachtel für die Software, ein Plastiksäckchen mit Aufklebern, Plastikringen und Gummibändern – und Pappe. Sehr, sehr viel Pappe. Das können Spieler entmutigend finden oder verheißungsvoll. Erwachsene denken vielleicht an den Frust des letzten Möbelaufbaus, Kinder dagegen eher an Lego: Erst darf ich basteln, und dann darf ich spielen.

Spieler müssen Lust aufs Basteln haben

Wer aber nicht wirklich basteln will, der sollte Labo gar nicht erst kaufen. Das klingt banal, aber es muss deutlich gesagt werden. Labo wird für eine Spielkonsole verkauft und ist doch kein Videospiel. Anstatt sich für Tage in eine Sitzaufgabe zu vertiefen, müssen Spieler aktiv werden. Die Pappspielzeuge nach Plan zusammenbauen, das sollte in ein paar Stunden klappen. Aber was kommt dann? Und macht das Bauen Spaß?

Diese Testfragen sollten Fachkundige beantworten – in diesem Fall hat ein fünfeinhalbjähriges Mädchen mit großer Bastelfreude, mit Lego-, Holzbau- und Töpfererfahrung geholfen. Offiziell empfohlen wird Labo ab sechs Jahren, aber die vielen Möglichkeiten in der Kiste decken ein ganzes Altersspek­trum ab. Einzige Grundvoraussetzung: Die Kinder müssen mit Geduld und Sorgfalt bei der Sache sein können.

Voller Einsatz der kleinen Testerin: Die Software erklärt sogar Kindern, die noch nicht lesen können, den Aufbau. Aber Geduld und Sorgfalt sind gefragt. Quelle: Jan Bojaryn

Das Labo-Robo-Set (75 Euro) fällt bei der Testerin auf den ersten Blick durch. Mit dem Set können Kinder sich einen Roboteranzug bauen, 44lden sie dann in Kämpfen auf dem Bildschirm einsetzen. Kämpfen will die Testerin nicht. Sie ist auf die vielen Möglichkeiten des Multi-Sets gespannt: ein Haus bauen oder eine Angel oder ein Klavier oder ein ferngesteuertes Auto.

Die Suche nach einer gedruckten Bauanleitung bleibt ergebnislos. Nur die beigelegte Spielesoftware erklärt den Prozess. Sie ist auch ohne Lesekenntnisse gut zu verstehen. Die Anleitungen sind Stop-and-go-Videos, die sich auf dem Touchscreen der Switch jederzeit drehen, wenden, zoomen lassen. Ist die Steuerung einmal verstanden, können Kinder auch alleine basteln.

Zum Aufwärmen: Das “Auto“ bewegt sich über Vibrationen der seitlich angesteckten Controller fort, die Switch selbst dient als Fernbedienung. Quelle: Nintendo Labo

Aber zusammen geht es schneller – und macht mehr Spaß. Als erste Fingerübung wird das “Auto“ gebaut, eine Art Insekt auf Pappfüßen, das sich dank der Vibration der seitlich angesteckten Controller bewegt. Auf glatten Böden funktioniert das überraschend gut. Die Bastelübung dauert etwa 10 Minuten, verdeutlicht aber schon das große Potenzial der Idee: Nintendo verleitet neugierige Spieler zum Blick unter die Haube.

Nicht nur Minispiele mit den Bauwerken werden geboten, sondern auch Informationen. Wie funktionieren die Hardware-Tricks? Wie könnte man sie neu einsetzen? Was könnten Spieler noch daraus basteln?

Die Fragen führen bis in eine “Werkstatt“, in der Erfinder den Touchscreen der Konsole, die Knöpfe und Bewegungssensoren und immer wieder die Infrarotkamera an einem der Controller neu einsetzen können. Das ferngesteuerte Auto bekommt etwa mit der Kamera plötzlich Augen und kann sogar einem Marker hinterherfahren.

Für Ambitionierte: Mit der gebastelten Angel – samt echter Schnur und Kurbel – lassen sich virtuelle Fische fangen. Quelle: Nintendo Labo

Das Auto ist die leichteste Übung im Paket. Der Aufbau von Angel, Motorrad und Haus hingegen nimmt jeweils locker um die zwei Stunden in Anspruch. Den Schlussakkord spielt das Keyboard mit funktionierender Papp-Klaviatur und einer Bauzeit von gut drei Stunden. In jedem dieser Modelle steckt erstaunlicher Erfindergeist.

Vor allem die Angel: Eine echte Schnur reicht von der Rute in ein Pappkistchen hinein und hängt dann scheinbar auf dem Bildschirm im Wasser. Jedes leichte Schaukeln mit der Rute setzt sich dank der verbauten Bewegungscontroller ganz natürlich auf dem Screen fort – und wenn das Fischchen in der Switch den Köder geschluckt hat, muss das Kind mit der Angel kräftig kurbeln, um den Fang über Wasser zu holen. Das Keyboard wiederum setzt auf die Controllerkamera: Sie schaut von hinten auf die Tasten, um jeden Anschlag perfekt zu erkennen.

Voll funktionsfähig: Das Klavier, auf dem sich in Zusammenspiel mit der Software tatsächlich spielen und komponieren lässt, ist der anspruchsvollste Bausatz. Quelle: Nintendo Labo

Das Klavier beweist, dass Labo länger halten könnte als seine robusten, aber nicht unkaputtbaren Pappbauteile. Kleine Komponisten erschaffen hier richtige Musikstücke auf mehreren Klangspuren. Die Testerin ist von Labo begeistert, aber Nintendo erreicht mit seinen Bausätzen auch Erwachsene. Online erschaffen professionelle Musiker neue Pappinstrumente, und erfahrene Bastler geben Tipps zum Verändern und Verbessern der Spielzeuge.

Damit hat Nintendos Labo Anschluss an einen Trend, den andere Spielefirmen ignorieren: die Macher-Bewegung, die Menschen vom Sofa holt. Statt Produkte passiv zu konsumieren, sollen sie Geräte aufschrauben, reparieren, selbst bauen.

Für Kinder von kurz vor der Einschulung bis zur Pubertät ist Labo ein toller Einstieg in diese Kultur und eine neue Denkweise. Die Spielkonsole wandelt sich, von der Wundertüte zum Werkzeugkasten.

Von Jan Bojaryn

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