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20:03 25.05.2018
The film reel and popcorn. 3d illustration bubu Quelle: iStockphoto
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Hannover


Die dunkelste Stunde: Es war einmal der glücklose britische Premierminister Neville Chamberlain, der Frieden wollte um jeden Preis. Der tolerierte Adolf Hitlers Expansionsgelüste so lange, bis die Briten 1940 von seiner Appeasementpolitik die Nase voll hatten. Wonach sie Winston Churchill zu seinem Nachfolger bestellten, der dem deutschen Tyrannen die Stirn bot bis zum Sieg. “We shall never surrender“ und so weiter.

Diese simple Heldengeschichte hat man über Churchill aus Schulzeiten im Kopf behalten. Dazu die Optik einer Mensch gewordenen Bulldogge mit Zylinder, deren mächtig aufragende Zigarre zum Symbol des Durchhaltewillens wurde. Die schmaucht Churchill (Gary Oldman) auch bei seinem ersten Auftritt in Joe Wrights “Die dunkelste Stunde“, beim Frühstück im Bett, zu dem auch ein strammer Brandy gehört. Der neuen Sekretärin Miss Layton (Lily James) diktiert er derweil ihr erstes Telegramm. Nichts klappt, weil sie nervös ist, und der Noch-nicht-Premier nuschelt, verschleift, Silben verschluckt.

Ihr Tastenanschlag ist ihm auch viel zu laut. “Ich kann meine Gedanken nicht hören!“, flucht Churchill ein Bonmot, bevor er ganz aus der Haut fährt. Mit Verlaub: Das wäre dem Hitler in “Der Untergang“ nie passiert, der war sehr freundlich zu seiner Tippse Traudl Junge. Ehefrau Clemmie (Kristin Scott Thomas) moniert prompt die schwindenden Manieren des Gatten. Was sollen denn die Leute denken?

Wright erzählt in seinem Film desweiteren, wie das damals wirklich zuging im Königreich. Wie das Establishment Churchill verachtete, weil man ihn für einen unbeherrschten Trinker hielt und ihm die Schuld an der verlustreichen Schlacht von Gallipolli im Ersten Weltkrieg zuschob.

Was aufblitzt, ist der Witz des an seiner Linie zunehmend zweifelnden Churchills, der mit sarkastischen Bonmots nur so um sich wirft und am Ende – Pathos lass nach! – bei seiner ersten U-Bahn-Fahrt das Volk selbst nach seinem Willen befragt. Soviel Komödie wie nötig steckt in Wrights Drama, so dass man sich die heute wieder wichtige Lektion, dass politisches Braun Unfreiheit bedeutet und vermieden respektive besiegt werden muss, mit Vergnügen ein weiteres Mal erteilen lässt.

Die dunkelste Stunde Quelle: Universal

Jumanji: “Jumanji“ gabs 1995 schon mal als Verfilmung eines Brettspiels. Im Sequel “Jumanji: Willkommen im Dschungel“ nun werden vier Teenager in eine Videospielversion gesogen, schlüpfen dort in physisch gegenläufige Avatare: Der Nerd Spencer (Alex Wolff) wird zum lebenden Bizeps Bravestone (Dwayne Johnson), die hünenhafte Sportskanone Anthony (Ser’ Darius Blain) zu Bravestones kleinwüchsigem Gehilfen Moose (Kevin Hart), die graue Maus Martha (Morgan Turner) zur Kung-Fu-Kämpferin Ruby Roundhouse (Karen Gillan) und die Cheerleader-Schönheit Bethany (Madison Iseman) zum dicklichen Professor Oberon (Jack Black).

Um in die Welt zurückzukehren, müssen sie ein Juwel finden, einen Unhold besiegen, einen Verlorenen retten. Sind sie nicht erfolgreich, bleibt die Indiana-Jones-Reserve für immer im Dschungel gefangen. Drei Leben hat jeder auf seinem Konto, in der Konsolenwelt läuft das mit dem Tod eben anders.

Jake Kasdan lässt mit diesen Vorgaben einen wirklich knallkomischen Film auf den Zuschauer runterprickeln, einen, der die zahllosen lahmen Hollywood-Enten im Klamaukgenre der letzten Jahre klar schlägt. Wie die eigentlich ganz anders gearteten Teenieseelen mit ihren neuen Körpern klarkommen, wie die erwachsenen Schauspieler die Pubertierenden verkörpern, zieht dem Zuschauer die Mundwinkel zwei Stunden lang nonstop bis fast hinter die Ohren.

Jumanji Quelle: Sony

Good Time: Was für eine Frisur, was für ein Verliererblond - kaum zu erkennen ist Robert Pattinson in seiner bislang wohl eindrucksvollsten Rolle als stümperhafter Bandit im jüngsten Film der Brüder Ben und Josh Safdie. In O.-J.-Simpson-Masken gelingt es Constantine (Pattinson) und seinem geistig behinderten Bruder Nick (Ben Safdie) zwar, 65 000 Dollar bei einer Bank zu erbeuten, aber als ein explodierender Farbbeutel das Geld unbrauchbar macht und auch die Räuber in leuchtendes Magenta einfärbt, hat das Glück die beiden auch schon wieder verlassen und die titelgebende “gute Zeit“ ist in weite Ferne gerückt.

Constantine kann fliehen, der hilflose Nick aber wird auf Rikers Island inhaftiert, wo er den groben Mithäftlingen ausgeliefert ist. Alles Trachten Constantines dient fürderhin der Befreiung seines Bruders. Er bekommt die geforderten 10 000 Dollar Kaution nicht zusammen, plant, den übel verdroschenen Nick aus dem Krankenhaus zu holen und muss am Ende entdecken, dass er versehentlich dem Falschen zur Freiheit verholfen hat.

Eine Odyssee hebt an, ein schmutziger, tragikomischer Gangsterfilm mit abgefahrenen Settings und überraschenden Wendungen, die weit über das Genretypische hinausgehen. Bis der Held ganz am Ende weiß, wie er seinen Bruder tatsächlich retten kann.

Good Time Quelle: Ascot Elite

Casual, erste Staffel: Sind wir unseres Glückes Schmied oder sind wir geschmiedet worden durch das Unglück (den Egoismus) unserer Eltern? Die erwachsenen Geschwister Valerie (Michaela Watkins) und Alex (Tommy Dewey) lernen wir in einem Albtraum von Alex über die Beerdigung des Vaters kennen. Große Abschiedsgefühle gibt es nicht, der Patriarch glänzte in der Kindheit meist durch Absenz, benutzte die Kinder zum Bierholen und führte ansonsten eine offene Ehe.

Während auch Alex notorisch kurzen Affären und One-Night-Stands frönt, dem Serientitel gebenden “Casual sex“, lebt Valerie in Trennung von ihrem fremd gehenden Ehemann (Zak North) und ist mit der pubertierenden Tochter Laura (Tara Lynne Barr) beim Bruder eingezogen. Der findet nicht nur Gefallen daran, eine Familie zu haben, sondern versucht umgehend, Valerie durch Online-Dating emotional zu bereichern, auf dass sie die neu gewonnene Freiheit nicht mit Angst oder Schuld befrachte.

Serienmacher Zander Lehmann und Produzent Jason Reitman (“Thank You for Smoking“, “Juno“, “Up in the Air“) schicken drei Beziehungsneurotiker in einer Gesellschaft, die Sex mit Erfüllung gleichsetzt, auf ihre lange und gewundene Straße zum Glück.

Und auch wenn vieles absehbar ist – dass etwa der vermeintlich lockere Alex an dem offenen Dreiecksverhältnis einer neuen Damenbekanntschaft schwer zu kauen hat, dass der 23-jährige Jungspund, der Valerie eine heiße Nacht beschert, beim nächsten Treffen reserviert bleibt und dass der Fotografielehrer, in den sich Laura verliebt hat, sich nach einem One-Night-Stand Mama Valerie zuwendet (eine Variante der “Mrs. Robinson“-Situation) – ist die Art, wie die Macher uns ihre Helden und diverse Nebenfiguren völlig moralinfrei ans Herz legen, bewundernswert.

Keine Serie für prüde Gemüter, aber eine, die uns viel über unsere digital befeuerte Beziehungswelt mit tausendundeiner unnützen Freundschaft in den Sozialen Netzwerken und kruden Datingversuchen mit Penisfotos erzählt. Dass letztlich doch alle irgendwie das Gute in der Welt suchen und froh sind, stille und romantische Momente zu genießen, tut gut zu wissen. Kaum zu glauben, dass diese charmante Serie ohne Ausstrahlung auf irgendeinem deutschen Sender direkt auf DVD erscheint.

Casual Quelle: Sony

Zwischen zwei Leben: “Glaubst du wirklich, daran, dass wir es schaffen?“, fragt Kate Winslet mit dem Unterton erster Hysterie. “Nein“, sagt da Idris Elba zu unserer Überraschung, “mein Instinkt sagt mir, dass wir hier oben sterben.“ Komisch, wir Zuschauer haben ja auch einen Instinkt. Und wir haben bis dahin nicht eine Sekunde von Hany Abu-Assads unterhaltsamem aber vorhersehbarem Bergthriller “Zwischen zwei Leben“ gedacht, es könnte schlecht ausgehen für die Fotojournalistin Alex und den Neurochirurgen Ben.

Letzterer hatte so dringend ein Kind zu operieren, Erstere wollte ihre eigene Hochzeit nicht versäumen. Und so hatten sie die Sturmwarnung ignoriert und ein Kleinflugzeug gechartert, nachdem der offizielle Linienflug abgesagt wurde. Sie sind dann in unwirtlichen Winterbergen abgestürzt, nicht, weil sie der Sturm doch erwischt hätte, sondern weil Beau Bridges als unerschütterlicher Ex-Vietnampilot am Steuerknüppel einen tödlichen Schlaganfall erlitt. Mit dessen unermüdlichem Labrador arbeiten sich Elba und Winslet – letztere mit gebrochenem Bein - an den Rand der Erschöpfung vor, was sie immer wieder betonen müssen, weil man es ihnen eigentlich nicht richtig ansieht.

Was man während des Films an Wissen auffrischt: Dass Hunde unglaublich kühn sind, wenn sie sich als des Menschen bester Freund beweisen müssen. Dass Pumas schlau und lernfähig sind, wenn es darum geht, das Knurren des Magens zu beenden. Dass es sehr hilfreich ist, wenn bei Flugzeugabstürzen ein Mediziner unter den Überlebenden weilt. Und dass nicht jeder Regisseur das Mann-Frau-Ding unter Spannung setzen kann.

Man wird nicht so recht warm, die sonst eigentlich gute Chemie zwischen den herausragenden Darstellern Elba und Winslet wird unstimmiger, wenn sich Herzensangelegenheiten andeuten. Dass es bei aller Erschöpfung dann noch zum Sex kommt, erstaunt – naja, den eigenen Tod vor Augen kostet man gern noch einmal von den schönsten Früchten des Erdenbaums und wächst dabei über sich selbst hinaus.

Zwischen zwei Leben Quelle: Fox

Happy End: Michael Haneke vermeldet, dass das Mitgefühl und die Empathie der Welt weitgehend abhanden gekommen sind. Zu Filmbeginn sieht man Bilder im Handyformat. Ein 13jähriges Mädchen filmt den Tod seines mit Antidepressiva vergifteten Hamsters Die depressive Mutter ist als nächste dran. Dann sieht man eine Großbaustelle in der Totalen, ein Lieferwagenfahrer stürzt mitsamt der blauen Dixitoilette, in der er es sich gerade gemütlich machen wollte, in den Abgrund, nachdem eine Betonwand nachgibt.

Die beiden bösen Geschichten spielen in der Familie des Senior-Bauunternehmers (Jean-Louis Trintignant), dessen geschäftstüchtige Tochter (Isabelle Huppert) mählich erkennen muss, dass ihr Sohn (Franz Rogowski) viel zu weich und labil ist, um Verantwortung zu übernehmen. Schauplatz dieses fantastisch gespielten bürgerlichen Schwanengesangs ist Calais, wo die arabischen Bediensteten leise durch die Räume huschen und Flüchtlinge in einem in Habsucht erkalteten Europa auf das Wunder warten, nach England reisen zu dürfen.

Haneke stellt die Verlorenen an den Rand, und holt sie genau damit in den Mittelpunkt. Wenn er aus der Distanz beobachtet und von den Figuren nur noch Gesten zu erkennen sind, weiß man dennoch genau, worüber geredet wird. Den Filmtitel kann man nur mit viel Wohlwollen oder Sarkasmus für bare Münze nehmen. Happy ist hier nichts und niemand.

Happy End Quelle: Warner/X-Filme

The End of Meat: Fleisch als Weltnahrungsmittel Nummer eins zerstört den Regenwald, die Lunge der Erde, und reduziert die Artenvielfalt. Zählt zu den Hauptverursachern des Klimawandels. Und bedeutet unendliche Qualen für zahllose Tiere, die unter unmenschlichen Bedingungen gehalten werden, um schließlich in den Schlachthöfen zu sterben.

Marc Pierschel zeigt in seiner Doku “The End of Meat“ den blutigen Stand der Dinge, und die Visionen einer vegetarischen/veganen Menschheit, die im großen Stil nicht mehr benötigtes Ackerland aufforsten könnte. Vegetarische Lebensweise weltweit würde laut Wissenschaftlern der Universität Oxford die Treibhausgasemission um 60 Prozent, senken, allgemein verbreitetes Veganertum sie sogar um 70 Prozent senken. Seit die BSE-Seuche in drastischen Bildern über die Bildschirme kamen, ist vor allem in den deutschsprachigen Ländern ein Bewusstseinswandel zu verzeichnen. Dagegen gilt in Indien, wo 400 Millionen Menschen vegetarisch leben, Fleisch derzeit als “hip“ und zukunftsträchtig.

Pierschel macht es sich in seiner sanften, freundlichen Doku nicht einfach: Die schlimmen Horrorbilder der Massentierhaltung halten sich in Grenzen, stattdessen werden neue Ideen vorgestellt, es wird argumentiert, fantasiert und präsentiert – Lebenshöfe für entlaufene oder befreite Nutztiere etwa oder eine Organisation, die Persönlichkeitsrechte für Tiere zu erreichen sucht. Und man kann nicht umhin, die Bilder saftiger Steaks und Burger in Bezug zu den Tieren zu setzen, die einen da anschauen.

Eine Möglichkeit, einzusteigen in den Fleischausstieg und die Weltrettung ist der Flexitarier, der erstmal an drei Tagen pro Woche auf Fleisch verzichtet. Ironie der Geschichte: Was die Produzenten vegetarischer und veganer Lebensmittel anstreben, um die Massen für sich zu gewinnen, sind Ersatzprodukte, die wie Fleisch aussehen und schmecken.

The End of Meat Quelle: Mindjazz/Alive

The Comedian: Robert DeNiro ist der “Comedian“, der seine besten Zeiten hinter sich hat. Die Bühnen sind kleiner geworden und die jungen Hühner, die gackernd einen feuchtfröhlichen Junggesellinnenabschied feiern, können mit dem Attackenwitz des alten Spaßmachers nichts anfangen. Als er von einem Aggroclown-Pärchen aus den Zuschauerreihen vorgeführt wird und zum Faustkampf übergeht, landet er für 30 Tagen hinter Gittern – auch weil er das Gericht mit einer Bühne verwechselt hat. Überhaupt gibt es keinen Flecken auf der Welt, an dem Jackie Burke sein Spiel, sein Ein-Mann-spricht-Grobes-Theater nicht aufführte.

Der zuletzt wenig erfolgsverwöhnte Regisseur Taylor Hackford (“Im Auftrag des Teufels“, “Ray“) versammelt mit Harvey Keitel, Billy Crystal (als er selbst) und Danny De Vito eine Menge Talent um den großen De Niro, der einen gestandenen Altmobster gegen sich aufbringt, als er sich mit dessen Tochter Harmony (Leslie Mann) zusammentut. Und obzwar ein Tod zu vermelden steht, ist “The Comedian“ kein wirklich trauriger De-Niro-Film wie Scorseses “The King of Comedy“ von 1982. Aber immerhin ist ein Viertel der derben Witze wirklich komisch.

Und eine Überraschung gibt es für das deutsche Publikum: Veronica Ferres (!) vermeldet auf einer jüdischen Hochzeit, dass es nun Zeit sei, den Kuchen anzuschneiden und kann seither sagen, mal eine Szene mit Robert De Niro gehabt zu haben. Danach wird sie nicht mehr gesehen. Ein Affront-Stand-Up-Comedian wie Larry Burke würde sie dreist fragen, was das wohl gekostet hat.

The Comedian Quelle: Warner

Ferdinand – Geht stierisch ab: Ferdinand ist ein verträumter Jungbulle. Er gießt Blümchen, die zu verdorren drohen, statt sich wilde Kopfstöße mit Gleichaltrigen zu verpassen und blickt drein wie ein Honigkuchenpferd. Damit ist er ein Außenseiter, denn alle Stiere auf der Hazienda träumen von der Arena in Madrid, von Ruhm und Ehre durch den Sieg über den Matador. Sein bulliger Vater jedoch liebt den schmächtigen Sohn, will ihm nach seinem großen Auftritt alle Tricks des Stierkampfs beibringen, aber die traurige Musik verrät dem Zuschauer schon, dass Ferdinand, der Pazifist, demnächst ein Halbwaise sein wird.

Als sein Vater nicht zurückkehrt flieht er vom Hof, um ein Leben nach eigenen Überzeugungen zu leben. Er wird der beste Freund des Mädchens Nina, auf der Finca ihrer Familie kann er an Feldblumen schnuppern, mit Schmetterlingen durch die Wiese tanzen und mit ihr den Hügel runterkullern. Ein glückliches Leben, doch, (riesenhaft) groß geworden, muss er nach einem fatalen Wespenstich erfahren, dass es nicht so einfach ist, den Klischees, den Erwartungen an männliche Rinder zu entfliehen.

Die “Ice Age“-Fabriken von Fox haben in vergleichsweise schlichter Animation einen freundlichen, bunten Kinderfilm geschaffen. Zwar - die amerikanischen spanischen Stiere nennen ihren Vater seltsamerweise “Dad“, und der kleine Stier Bones (der Name wird mit “Bohne“ statt mit “Knochen“ übersetzt) sieht aus wie ein Pony mit Hörnern. Aber die Botschaft “Make Friends, not War“ ist doch der nette Stoff für einen wohltuenden Familiennachmittag in Zeiten, in denen man sich nur noch die Ohren zuhalten will vor dem Säbelrasseln, von dem die ganze Welt erfüllt zu sein scheint. Eine Beruhigungsziege wie Elvira könnten wir jedenfalls alle gut gebrauchen.

Ferdinand – Geht stierisch ab Quelle: Fox

Bushwick: Eben noch war man dabei, den Kennenlernabend im Familienkreis durchzuspielen, da stellt die vergnügte Lucy fest, dass die U-Bahnstation seltsam menschenleer ist. Niemand scheint hier mehr auf Züge zu warten, und im nächsten Moment schon taumelt ein brennender Mann an ihr und ihrem Verlobten vorbei. Dann sorgt eine ebenso unerwartete Granate für die jähe Entlobung, der New Yorker Stadtteil Bushwick wird von Soldaten verheert, Zivilisten werden liquidiert und Marodeure versuchen, Lucy zu vergewaltigen. Gerettet wird sie von dem vierschrötigen Veteran Stupe, der fortan ihr Beschützer und Retter in einer stattlichen Anzahl lebensgefährlicher Situationen wird.

In dem Invasionsthriller “Bushwick“ versuchen die beiden in Straßen, durch die die Kugeln nur so fliegen, am Leben zu bleiben. Dave Bautista, der grünrote Drax aus den “Guardians of the Galaxy“-Streifen, spielt den wortkargen Außenseiter, der unbeirrbar versucht, eine demilitarisierte Zone zu erreichen, Brittany Snow ist sein Schützling, die sich relativ zeitnah an die prekäre Situation gewöhnt und auszuteilen beginnt. Beider Darstellungskünste werden nicht sonderlich gefordert in dem schlicht gestrickten, eher einfallsarmen Film von Cary Murnion und Jonathan Millott.

Aber die Kamera von Lyle Vincent (“A Girl Walks Home Alone At Night“) ist wunderbar dynamisch, umkreist die Flüchtenden, duckt sich hinter ihnen, eilt voraus, tänzelt und springt. Die Energie, die sich so aufbaut, ist das Pfund, mit dem hier gewuchert werden kann. Die doofe Botschaft des Films lautet dagegen: “Der Süden vergisst nicht“. Dass die im 19. Jahrhundert düpierten Rebellenstaaten hier allen Ernstes das Ergebnis des amerikanischen Bürgerkriegs noch einmal anfechten wollen, läuft – frei nach Almodóvar - unter dem Motto “Drehbuchschreiber am Rande des Nervenzusammenbruchs“.

Bushwick Quelle: Universal

Kaffee mit Milch und Stress: Skandinavische Eigenbrödler, denen sogar Ambrosia zu sauer ist, sind normalerweise ganz nach unserem Geschmack. Antti Littja aber spielt den Obergriesgram (oder finnisch: Mielensäpahoittaja) so unverschämt unleidlich, dass man nach einer halben Stunde von Dome Karukoskis “Kaffee mit Milch und Stress“ gestresst und zunehmend schlecht gelaunt von dessen griesgrämigem Gebelfere vorm Fernseher sitzt.

Nicht das beste Ergebnis für etwas, das zuvörderst Komödie sein will, aber ein deutlicher Beweis dafür, wie ansteckend die Verfassung von Filmhelden auf den Zuschauer ist und wie Kino in die Wirklichkeit ausgreift. Der Widerborst muss zur Therapie nach Helsinki, kommt bei Sohn und Schwiegertochter unter und vergällt den beiden das Dasein.

Natürlich muss der “grumpy old man“ seine Ansichten darüber, dass früher alles besser war, revidieren, denkt man. Denn das ist die Regel von filmischen Griesgramgeschichten. So war das bei Walter Matthau und Jack Lemmon oder - um in Europas Norden zu bleiben – beim “Mann namens Ove“. Fehlanzeige. Begrenzt vergnüglich grantelt der Held sich somit unverrückbar an den Abspann. Naja, darauf erstmal einen Kaffee für alle gestressten Zuschauer, aber ohne Milch!

Kaffee mit Milch und Stress Quelle: Eurovideo

Deep Blue Sea 2: Prolog: “Wir fischen“, sagt der weiße Bootsrübezahl in der grünen Regenhose mit Nachdruck. Unter “fischen“ verstehen er und sein Latinokumpel, Haien die “wertvollen“ Rückenflossen abzuschneiden. Von keiner Küstenwache der Welt würden sie sich aus den reichen Fischgründen verscheuchen lassen. Nachdem sie eine entsprechende Funkwarnung ignoriert haben, erscheint wie aus dem Nichts eine Hai-Five, die in V-Formation schwimmt, die das Boot rammt und die Fischer frisst.

Die Tiere sind, wie wir ganz schnell erfahren, ferngesteuert, Teilnehmer am pharmazeutischen Experiment eines verrückt gewordenen Intelligenzforschers. Sie entkamen dem Unterwassergehege, indem sie sich – klug geworden – einfach mal schnell einen Tunnel gruben wie freiheitsdurstige Knastbrüder.

Regisseur Darin Scotts B-Movie “Deep Blue Sea 2“, eine Art Sequel des Neunzigerjahre-Trashklassikers, macht uns den Hai zunächst mit den üblichen Argumenten schmackhaft, dass Angriffe auf Menschen nur Verwechslungen sind, blablabla, ehe sie ihn doch als kinowirksame Bestie ausweisen, die – mit Hilfe des unseligen Menschen - unglaubliche Fähigkeiten entwickelt. Eine Haischützerin, eine Neurobiologin und ein Neurophysiologe begeben sich - im Dienst des Pharmazeuten und eines hanebüchenen Plots - neben weiterem Forschungsstationspersonal in Lebensgefahr.

Die CGI-Effekte gehen dabei allenfalls als passabel durch. Gleiches gilt für die von Schauspiel-No-Names wie Danielle Savre, Rob Mayes und Michael Beach gebotenen Darstellungsküste. Ihr gesprochener, unfreiwillig komischer Textstuss lässt einen wünschen, man könne stattdessen die Kommunikation der intelligent gewordenen Raubfische verstehen. Und der Plot ist einfach Schrott, oft so bar jeder Logik, dass einem selbst die größten Spannungsmomente wie Klamauk vorkommen. Geht’s noch? Nein, es schwimmt lieber.

Deep Blue Sea 2 Quelle: Warner

Von Matthias Halbig

Ein Ausflug in eine längst untergegangene Bergwelt, ein Hollywood-Musical mit viel Zirkusflair und ein Animationsfilm, der in eine ganz andere Gesellschaft führt – die DVD-Tipps von Stefan Stosch.

18.05.2018
Kultur DVD-Tipps von Matthias Halbig - “Gladbeck" und mehr DVD-Tipps

Vom Berlin der späten Fünfzigerjahre bis in die wilde Karibik, von Göhte bis Geostorm, von Gladbeck bis zu einer letzten Reise in die zerrissene Ukraine: die DVD-Tipps von Matthias Halbig.

11.05.2018
Weltweit DVD-Tipps von Stefan Stosch - “Aus dem Nichts“ und mehr Filmtipps

Die Geschichte der Filmmusik von ihren Anfängen in der Stummfilmära bis heute, ein rätselhaft-origineller Thriller mit Nicole Kidman und Colin Farrell, und Diane Kruger als Rächerin in einem Drama von Fatih Akin: die DVD-Tipps von Stefan Stosch.

04.05.2018
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