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Darf’s ein Gläschen weniger sein?

Lieblingsgift Alkohol Darf’s ein Gläschen weniger sein?

Die Fastenzeit ist vorbei und das beliebteste Objekt der Entsagung wird wieder ungehemmt genossen: Alkohol. Allem Gesundheitsstreben zum Trotz. Bei Bier und Wein versagt die Vernunft – und wer nicht mittrinkt, gilt als Spaßverderber.

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Statussymbol, Entspannungshilfe oder Lifestyleprodukt: Während die Debatte um illegale Drogen energisch geführt wird, bleibt Alkohol trotz seiner Gefährlichkeit ein selbstverständliches Genussmittel.

Quelle: Shutterstock

Hannover. Es ist geschafft. So mancher wird am Ostersonntag nicht ohne Stolz auf seinen Fastenerfolg angestoßen haben: mit einem feinen Glas Rotwein, einem prickelnden Sekt, einem kühlen Pils: Prost! Es war einfacher als gedacht, auf Zucker zu verzichten, aufs Smartphone, auf Fleisch – oder auf den Alkohol. Der war auch 2017 wieder das beliebteste Entsagungsobjekt der Deutschen. Sieben Wochen haben sich ein paar Millionen Menschen wieder bewiesen, dass sie auch ohne Feierabendbier entspannen, auch ohne Schwips Spaß haben können, dass Mineralwasser, Buttermilch, sogar ein grüner Smoothie köstliche Getränke sein können.

In den meisten Fällen trägt diese Erkenntnis allerdings nicht so weit, dass sich nach der Fastenzeit Nennenswertes ändern würde. Wäre dem so, müsste der Alkoholkonsum in Deutschland kontinuierlich sinken. Obwohl alle Welt Fitnessarmbänder trägt, die Vorzüge von Low Carb und Intervallfasten diskutiert und sich auf der Yogamatte verbiegt, wird das Trinkverhalten vom wachsenden Gesundheitsbewusstsein bislang eher gestreift als nachhaltig berührt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der in Fitnessstudios angemeldeten Deutschen von rund fünf auf mehr als zehn Millionen verdoppelt. Zumindest der Vorsatz, die Gesundheit zu stärken, steht felsenfest. Fast ebenso unverrückbar allerdings verharrt unser kollektiver Alkoholpegel auf bedenklich hohem Niveau.

Eine Badewanne voll Alkohol pro Jahr

Der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge konsumiert jeder erwachsene Deutsche knapp 10 Liter reinen Alkohol im Jahr – gerade mal ein halber Liter weniger als noch vor zehn Jahren. Auf trinkbare Spirituosen umgerechnet reicht die pro Kopf konsumierte Menge an Bier, Wein, Sekt und härteren Drinks mit gut 137 Litern aus, um eine Badewanne zu füllen.

Das freilich sind statistische Mittelwerte. Tatsächlich ist der Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft ungleichmäßig verteilt. Am einen Ende der Skala steht das Fünftel der erwachsenen Bevölkerung, das alkoholabstinent lebt, am anderen Ende eine nur unwesentlich kleinere Gruppe, deren Trinkverhalten ein ernstes Gesundheitsrisiko darstellt.

13 Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer zwischen 18 und 79 Jahren konsumieren laut Robert-Koch-Institut täglich mehr als 10 (Frauen) respektive 20 Gramm (Männer) Alkohol. Das sind Mengen, die das Risiko einiger Dutzend Erkrankungen nach oben schnellen lassen – Magenschleimhautentzündung, Zwölffingerdarmgeschwür und Gicht sind noch die harmloseren darunter. Krebs, Leberzirrhose und Schlaganfall gehören zu den potenziell tödlichen Folgeerkrankungen.

Wer nicht mittrinkt, gilt als Spaßverderber

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gehen weltweit knapp 6 Prozent aller Todesfälle direkt oder mittelbar auf das Konto von Alkohol. Damit ist die Droge Nummer eins als Killer etwa doppelt so effektiv wie das Aidsvirus. Allein in Deutschland sterben täglich rund 200 Menschen an den Folgen ihres riskanten Alkoholkonsums. Harte Drogen wie Heroin und Crystal Meth haben im ganzen Jahr 2015 etwas mehr als 1200 Menschen getötet – weniger als Alkohol in einer einzigen Woche.

Dennoch werden die Debatten um die illegale Drogen wesentlich energischer und ideologischer geführt als um das schleichende, aber letztlich viel verhängnissvollere Gift Alkohol. Komasaufen bei Jugendlichen, gewiss, das ist ein Aufregerthema erster Güte. Aber am Glas Wein oder Bier, das sich die Eltern zum Abendessen genehmigen, nimmt kaum jemand Anstoß. Selbst wenn zwei oder drei draus werden.

Im Gegenteil: Der Partygast, der sich konsequent jedem Angebot zum Mittrinken verweigert, gilt schnell als Spaßverderber. Und muss sich oft genug dagegen wehren, entweder mit immer neuen Aufforderungen bedrängt oder als ehemaliger Alkoholiker mit Rückfallgefahr verdächtigt zu werden.

Alkohol als Lifestyleprodukt

Was zeigt, dass Alkohol noch immer einen Stammplatz im gesellschaftlichen Leben hat. Anlässe gibt es schließlich zur Genüge: Geburtstage, Hochzeiten, Geschäftsessen oder einfach einen gemütlichen Abend mit Freunden. Man hat mit einigem Aufwand gekocht, da dürfen die korrespondierenden Weine nicht fehlen. Gerade im gutbürgerlichen, gebildeten Milieu kommt alkoholischen Getränken der Rang eines Kulturguts zu.

Statt charakterlosem Supermarktfusels wird Rebsaft im Fachgeschäft, beim spezialisierten Onlinehandel oder direkt beim Winzer des Vertrauens gekauft. Dort erfährt man gleich noch etwas über das Terroir, über Fässer aus französischer oder slowenischer Eiche und über Spontanvergärung. Ähnlich verhält es sich mit Craft-Beer, Gin, Whisky und Rum – auch das sind Alkoholika, die durch modische Überhöhung in tendenziell gehobenen Kreisen zu Lifestyleprodukten avanciert sind. In solchem Umfeld wird Alkohol zum Statussymbol, zu einem Ausweis von Genussfähigkeit, von Muße und Entschleunigung – zum Gegenpol zur von Überstunden und Arbeitsverdichtung geprägten Berufsrealität vieler Besserverdiener.

Tatsächlich scheint Stress Alkoholkonsum zu begünstigen. Im Zuge einer Analyse der Lebensgewohnheiten von mehr als 300 000 Europäern fand das “British Medical Journal“ heraus, dass mit zunehmendem Arbeitspensum mehr getrunken wird. Menschen, die deutlich mehr als 35 bis 40 Stunden in der Woche arbeiten, trinken durchschnittlich 13 Prozent mehr Alkohol als ihre Kollegen mit Regelarbeitszeiten. Nicht nur der Tippelbruder auf der Parkbank kann vom Alkohol dahingerafft werden.

Die Dosis macht das Gift

Unabhängig vom sozialen Status: Selbst überschaubare Alkoholmengen, regelmäßig und langfristig konsumiert, können für jeden schwerwiegende Konsequenzen haben – allem Gerede vom “Schlückchen in Ehren“ oder dem hartnäckigen Gerücht von der angeblich lebensverlängernden Wirkung moderaten Rotweingenusses zum Trotz. Für seriöse Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation oder die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen gibt es keinen harmlosen, sondern allenfalls risikoarmen Alkoholkonsum. “Risikoarm“ heißt: nicht mehr als ein Viertelliter Bier (Frauen) oder einen 0,2 Liter Wein (Männer) täglich. Auch alkoholfreie Tage – idealerweise mindestens drei in der Woche – gehören zum risikoarmen Trinken.

Das heißt gewiss nicht, dass alkoholische Getränke mit dem Messbecher eingeschenkt werden müssten. Auch nicht, dass es verwerflich wäre, ab und an mal ein Glas mehr zu trinken. Aber als Statussymbol, als Lifestyleprodukt oder als Entspannungshilfe ist Hochprozentiges eine riskante Wahl.

Allein die Dosis macht das Gift – diese These, verkürzt, stellte der Arzt und Alchemist Paracelsus vor mehr als 500 Jahren auf. Sie hat als Richtschnur für kluges Handeln nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Erst recht nicht in einer rast- und maßlosen Zeit – und erst recht nicht in Bezug auf eine Substanz, die schon in verhältnismäßig geringer Dosierung eher Gift als Genussmittel ist. Dennoch: Bestimmte Anlässe müssen einfach gefeiert werden, gern auch mit Alkohol. Sieben Wochen erfolgreicher Alkoholverzicht gehören definitiv dazu. Wenn’s bei ein, zwei Gläschen bleibt – und danach erst mal wieder Pause ist.

Von Daniel Behrendt

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