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Top-Thema Der erste Wutbürger
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20:06 28.10.2016
Von Simon Benne
Vom ängstlichen Mönch zum mittelalterlichen Medienmogul: Martin Luther wetterte gegen päpstliche Prunksucht ebenso wie gegen Juden und die Aufklärung. Zeit für eine differenziertere Betrachtung des Reformators. Quelle: dpa
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Am Anfang war die Angst. Aus Angst gelobt der Bergmannssohn, der in ein Gewitter geraten ist, ins Kloster zu gehen, wenn er nur gerettet wird. Aus Angst vor Höllenqualen und Sündenstrafen betet und büßt er dort inbrünstiger als alle seine Brüder. So inbrünstig, dass sein Beichtvater stöhnt, er solle ihn gefälligst nicht ständig mit "Puppensünden und Humpelwerk" belästigen, sondern erst mit einer richtigen Sünde wiederkommen.

Abgründige Angst vor einem zornigen Gott treibt den von Selbstzweifeln gemarterten Mönch um. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dieser ängstliche Martin Luther die Welt verändern wird. Seine Angst steht gewissermaßen Pate an der Wiege einer großen Freiheitsbewegung, weil Luthers innerer Wandel zum mutigen Streiter für die Erneuerung der Kirche praktisch in eins fällt mit der Grundstimmung seiner Zeit.

Die Bibel als alleiniger Maßstab

Die evangelische Kirche rüstet sich derzeit für das Lutherjahr: Der berühmte Thesenanschlag des Reformators vom 31. Oktober 1517 jährt sich 2017 zum 500. Mal. Viele Protestanten feiern die Reformation als Überwindung des Mittelalters, als Schritt Richtung Aufklärung und Moderne.

Das alles ist wahr – ebenso wie das Gegenteil. "Es wird keinen Kult um Luther geben", verspricht Margot Käßmann, die Botschafterin des Reformationsjubiläums: Der Protestantismus sei heute souverän genug, auch Luthers Schattenseiten in den Blick zu nehmen. Tatsächlich taugt Luther nicht zur Heldenverehrung.

Es gibt da ein weitverbreitetes Missverständnis. Viele halten die evangelische Kirche irgendwie für gemäßigter als die katholische, weil sie nicht so auf Kondome schimpft und mehr Frauen in Spitzenämtern hat. Protestantismus gilt daher als Christentum light. Und das ist grundfalsch. Denn Luther war ein Fundamentalist, ganz im Wortsinne. Er wollte zurück zu den Grundlagen der Religion. Die Bibel sollte einzige Autorität des Glaubens sein, alleiniger Maßstab für das Leben aller Christen.

Die Welt zum Kloster machen

Luthers Ausbruch aus dem Kloster erscheint vielen heute als Sprung in die Freiheit. Doch das stimmt nur halb. Im Mittelalter waren für Buße und Bibel die Mönche zuständig, stellvertretend für die ganze Christenheit. Nach Luther aber ist jeder Mensch dafür selbst verantwortlich. So gesehen wollte Luther nicht die Klöster aus der Welt schaffen, sondern die ganze Welt zum Kloster machen.

Sein Damaskus-Erlebnis hatte der ängstliche Mönch bei der Bibellektüre. Bei Paulus kommt ihm die Erkenntnis, dass das Seelenheil des Menschen nicht von guten Werken oder frommer Lebensweise abhängt – weil Gott ein gnädiger Gott ist. "Nun fühle ich mich ganz und gar neugeboren", notiert er befreit.

Gnade ist das Schlüsselwort in Luthers Theologie. Das Wort kommt von "genahen": Gott sucht demnach die Nähe des Menschen. Diese Gnade ist ein Geschenk, unabhängig von Leistung und Verdienst. In einer Leistungsgesellschaft kann bis heute ein Trost davon ausgehen, auch für jene, die religiös unmusikalisch sind: Der Wert eines Menschen hängt nicht von seiner Schaffenskraft ab.

Religion im Dienst der Fürsten

Wenn heute auch den Christen anderer Konfessionen die Vorstellung fremd ist, dass Gott prinzipiell zornig gestimmt sein könnte, dann ist das auch ein Erfolg der Reformation. Zu unserem Zeitgenossen, zum Vater der Aufklärung gar, wird Luther dadurch aber nicht. Zwar kämpft er gegen päpstliche Prunksucht, kirchliche Bevormundung und religiöse Scharlatanerie. Doch zugleich glaubt er mit großer Selbstverständlichkeit an Hexen: "Die Zauberinnen sollen getötet werden", schreibt er.

In Luthers Denken finden der lautere Glaube und die "Hure Vernunft" schwer zusammen; die Astronomie des Kopernikus lehnt er ab: Dass sich die Erde um die Sonne drehe, widerspreche schließlich der Bibel.

Als sich die Bauern bei sozialen Unruhen erheben, stellt der große Fürsprecher der Freiheit die Religion in den Dienst der Fürstensache: Er wettert "wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern". Weltliche Ordnung ist für Luther gottgegeben. Der Bauernkrieg wird blutig niedergeschlagen.

Altes Weltbild, moderne Methoden

Luther selbst steht am Anfang einer Tradition evangelischer Obrigkeitshörigkeit. Protestanten standen später fast immer aufseiten der Herrschenden. Bis 1918 war Wilhelm II. zugleich Kaiser und oberster deutscher Bischof. Die Reformation brachte eben keine Trennung von Staat und Kirche hervor, von Thron und Altar – sondern das Gegenteil.

So alt Luthers Weltbild teils ist, so modern sind seine Methoden. Sein Biograf Heinz Schilling attestiert ihm ein "überragendes publizistisches Talent". Tatsächlich nutzt Luther die neuen Medien seiner Zeit virtuos. Der Buchdruck ist gerade erfunden. Die vieltausendfach verbreiteten Einblattdrucke, die Luthers Parteigänger in ganz Deutschland verbreiten, überziehen die Papisten mit einem Shitstorm nach dem anderen.

Luthers größter medialer Scoop jedoch ist das Neue Testament. Nachdem er sich endgültig mit Kaiser und Papst angelegt hat, inszenieren Freunde seine Entführung, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Inkognito, als "Junker Jörg", übersetzt er auf der Wartburg die Bibel ins Deutsche. Bei der Arbeit soll er mit dem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben. Ein treffendes Bild.

Volksnahe Sprache – und Hasstiraden

Luthers Neues Testament erscheint 1522, ist auch für Normalbürger erschwinglich – und erreicht schwindelerregende Auflagen. Bis zu seinem Tod 1546 werden 200 000 Exemplare gedruckt. Luthers Sprache ist volksnah und verständlich. Thomas Mann befand, der Reformator habe "durch seine gewaltige Bibelübersetzung die deutsche Sprache erst recht geschaffen". Und damit möglichst jeder die Bibel lesen kann, flankiert die reformatorische Bewegung ein beispielloses Bildungsprogramm.

Als wollte Luther seine eigene Biografie durchstreichen, ersetzt er mit zunehmendem Alter mönchische Askese durch maßlose Völlerei. Der späte Luther ist aufgedunsen wie der späte Elvis. Ihn plagen Verdauungsbeschwerden und Bluthochdruck. Vor seinem Tod 1546 scherzt er sarkastisch, bald werde er "den Maden einen feisten Doktor zu fressen geben". Zugleich wütet der späte Luther immer unversöhnlicher gegen seine Feinde. An die Stelle scharfsinniger theologischer Argumente treten gnadenlose Tiraden wider Papisten, Türken – und Juden.

Das ist das dunkelste Kapitel der Reformation. Luthers Antisemitismus. In seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" fordert er 1543, "dass man ihre Synagoga oder Schulen mit Feuer anstecke". Ihre Häuser sollten zerstört, die Juden selbst zur Arbeit gezwungen werden. Luthers Antisemitismus ist zwar nicht rassisch motiviert, doch das hat die Nazis nicht davon abgehalten, sich auf ihn zu berufen. Seine Texte liefern ein "abschreckendes Beispiel christlicher Judenfeindschaft", sagt Margot Käßmann.

Religiöse Überzeugung als Antrieb

Paradoxerweise bietet ausgerechnet dieser mittelalterliche Antisemit auch ein Muster an moderner Zivilcourage. Protestantische Historiker haben dieses Bild ins Schmuckalbum deutscher Geschichte geheftet: Beim Reichstag zu Worms steht Luther 1521 vorm Kaiser und seinen Granden, weil er seine Lehren widerrufen soll. Zeitgenössische Quellen berichten, dass er eher ängstlich auftrat. Und doch ließen sich seine Worte später pointiert zusammenfassen: "Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!"

Luther macht das eigene Gewissen zur Norm seines Handelns – und legt sich, getrieben von der Kraft des Glaubens, mit den Mächtigen seiner Zeit an. Es ist schwer zu sagen, ob ihm dabei eher ein gnädiger Gott den Rücken stärkte oder ob ihm der alte Gott im Nacken saß; die Angst vorm gnadenlosen Höllenfeuer, zu dem er um keinen Preis zurückwollte. In jedem Fall zeigt Luthers Mut, welche Kraft religiöse Überzeugung freisetzen kann. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

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