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Die Macht des Augenblicks

Bauchgefühl schlägt Verstand Die Macht des Augenblicks

20 000-mal Ja oder Nein, rechts oder links, rot oder grün. 20 000 Entscheidungen muss ein Mensch jeden Tag aufs Neue treffen. Zu viel für das Gehirn. Der Verstand bleibt deshalb meist ausgeschaltet. Der beste Ratgeber ist das Gespür, der richtige Riecher für die eine perfekte Sekunde. Fast immer.

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Der richtige Riecher: Warum Gefühle oft mehr Einfluss haben als der Verstand, zeigen nicht nur Fußballer vor dem Tor, sondern auch politische Phänomene wie Donald Trumps Spiel mit der Angst.

Quelle: dpa

Es war ein besonderer Patient, der vor mehr als 30 Jahren im Behandlungszimmer des portugiesischen Neurologen Antonio Damasio auftauchte. Dem Mann war einige Wochen zuvor ein Tumor aus dem Gehirn operiert worden. Der Eingriff war gut verlaufen, das Denken funktionierte, der Intelligenzquotient war der gleiche geblieben. Und doch hatte der Patient ein Problem: Elliot, so war sein Name, konnte sich einfach nicht mehr entscheiden.

Er haderte und zögerte, wenn er morgens zwei Paar Schuhe zur Auswahl hatte. Er saß stundenlang vor dem Radio, weil er sich partout keinen Sender auswählen konnte. Treppe oder Fahrstuhl? Nudeln oder Gehacktes? Jede kleine Entscheidung hatte eine große, oft stundenlange Zauderei zur Folge. Der 35-jährige Elliot war alltagsuntauglich geworden.

Den Neurologen Damasio interessierte der Fall. Er fand in langen Gesprächen heraus, dass sein Patient Elliot durch seine Gehirnoperation die Fähigkeit verloren hatte, etwas zu fühlen. Elliot hatte keinerlei Emotionen mehr. Deshalb versuchte der arme Mann nun, alle Entscheidungen zu durchdenken – und scheiterte an der unendlichen Komplexität banalster Alltagssituationen. Jede Option fühlte sich an wie jede andere, Elliot war auf seine Rationalität zurückgeworfen. Die Folge der chronischen Gefühlskälte: quälender Stillstand.

Emotionen entlasten den Kopf

Es war eine wissenschaftliche Sensation. Jahrhundertelang war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass Gefühle bei Entscheidungen hinderlich seien. Allein die Ratio sei Garant für die richtige Wahl. Damasio zeigte nun: Der Verstand braucht das Gefühl als Entscheidungshilfe – vor allem, wenn es keine eindeutig richtige oder falsche Entscheidung gibt. Und das wiederum gibt es ja oft.

Gehirnforscher vermuten, dass Menschen pro Tag bis zu 20 000-mal eine Entscheidung treffen müssen. Meist geschieht das nicht bewusst. Entscheidungen werden nicht rational analysiert, das Gehirn fällt sie spontan, nach Gefühlslage. Und das ist gut so: Emotionen entlasten den Kopf.

Wir haben viele Worte für die Komplexitätsreduktion durchs Fühlen. In komplizierten, unübersichtlichen Situationen raten weise Menschen oft dazu, "auf den Bauch" zu hören. Fußballern, die aus unerfindlichen Gründen oft genau dort stehen, wo der Ball vor dem Tor auftaucht, schreibt man einen "Riecher" zu. Politiker, die in Extremsituationen die richtigen Worte finden und spontan die richtigen Entscheidungen treffen, haben "Gespür".

Auf den Impuls des Ichs hören

Damit gemeint ist immer etwas Ähnliches: die ausgeprägte Fähigkeit, es im richtigen Moment auf die vernünftige Analyse zu verzichten und stattdessen auf den spontanen Impuls des eigenen Ichs zu hören.

Der Lebensweg – mitunter auch der ganzer Staaten – entscheidet sich ja nicht selten tatsächlich in einer einzigen Sekunde. Im Sport wird das besonders deutlich. Der Fußballer Andreas Brehme kann lange darüber berichten, wie sein Tor im WM-Finale 1990 sein Leben für immer verändert hat. 85. Minute, Elfmeter, links unten – 1:0, Sieg. Es sei seit dieser Nacht von Rom kein Tag vergangen, an dem er darauf nicht angesprochen worden sei, erklärt der Weltmeister in einem Interview über die Sekunde seines Lebens.

Warum er sich für die Ecke entschieden hat? Warum er mit links und nicht wie bei der WM davor mit rechts geschossen hat? Wieso er sich den Ball geschnappt hat, obwohl auch andere hätten schießen dürfen? Er, so erklärt es Brehme heute, hatte in diesem Moment einfach ein "gutes Gefühl". Es sind diese Zuspitzungen auf den Augenblick der Unberechenbarkeit, in dem alles Training, alles Wissen um die eigene Profession nichts mehr zählt. Es sind die Momente, die Fußball zu einem Mlliarden-Spektakel machen.

Ein spontaner Kniefall

Die Faszination für den Moment gibt es längst nicht nur im Sport. Als Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal der Helden des Warschauer Gettos stand, um einen Kranz niederzulegen, passiert etwas Magisches. Der Kanzler, selbst ein Verfolgter des Nazi-Regimes, kniet plötzlich nieder, verharrt still – und bewegt damit die Welt. Weder seine Mitarbeiter noch das Protokoll hatten die Demutsgeste erwartet. Nicht einmal Brandt selbst.

Er erklärte später in seinen Erinnerungen, der Kniefall, für den er später den Nobelpreis erhielt, sei nicht geplant gewesen. "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt." Der Kopf war überfordert, der Bauch hatte übernommen – und Geschichte geschrieben.

Heute, in einer Zeit, in der die globalisierte Welt immer komplizierter erscheint, nimmt die Bedeutung des Bauchgefühls sogar noch zu. Der Moment gewinnt an Bedeutung. Ein beträchtlicher Teil der Wähler – 10 Prozent und mehr – entscheidet mittlerweile erst in der Wahlkabine, welcher Partei er sein Kreuz gibt. Und das, obwohl Programme und Kandidaten Monate vorher feststehen.

Verunsicherung als Strategie

Auch Parteien verlassen sich nicht auf die Kraft der Argumente. Sie arbeiten mit Werbeagenturen und anderen Gefühlsexperten, um mit ihren Botschaften nicht nur das Hirn, sondern auch das Gefühl anzusprechen.

Das Publikum nimmt es dankbar an. Wer hat Schuld an der Griechenland-Krise? Wer ist der Böse im Krieg in Syrien? Wie verändert die Flüchtlingskrise das Land? Es sind tatsächlich Fragen, auf die niemand eine redliche Antwort hat. Zu kompliziert sind die Beziehungen, zu multidimensional die Probleme, zu lang die zu betrachtenden Zeiträume. Ein Gefühl aber kann man schnell erzeugen – sowohl das wohlige "Wir schaffen das" als auch das schaurige von der "Islamgefahr".

Populisten wie der New Yorker Politrüpel Donald Trump arbeiten systematisch an der Ersetzung der Ratio durch die Emotio, in dem sie systematisch alle noch so offensichtlichen Fakten in Zweifel ziehen. Die dreiste Lüge, wie in den TV-Duellen im US-Wahlkampf dutzendfach gesehen, gehört zur Strategie des Präsidentschaftskandidaten. Sie sorgt für Verunsicherung.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Allein die beharrliche Behauptung von Unsinn schafft mögliche Parallelwahrheiten – und damit zunächst die Notwendigkeit, sich mit den Dingen sehr genau zu beschäftigen. Gelingt das nicht, entsteht Ratlosigkeit. Die Reaktion des überforderten Publikums ist deshalb, neurologisch gesehen, verständlich: Um nicht wie der arme Elliot vor seinem Schuhregal zu verzweifeln ob der vielen Möglichkeiten, verlassen sie sich aufs Gefühl. Im Zweifel auf das Stärkste von allen: die Angst.

Doch die Angst ist nur selten ein guter Ratgeber. So gesehen kann man von Fußballern wie Andreas Brehme viel mehr lernen als die Beidfüßigkeit. In den wichtigsten Momenten ihres Lebens konnten sie ein gutes Gefühl von einem schlechten sehr genau unterscheiden.

Bekenntnisse der Fußballstars
"Diese eine Sekunde"

Der Freitag ist in dieser Zeitung der Tag für unsere Serie "Diese eine Sekunde". Sportstars sprechen dann in umfangreichen Interviews über die Momente, die ihr Leben geprägt, beeinflusst und verändert haben. Geschichten, die unter die Haut gehen. Sportmoderatorin Monica Lierhaus zum Beispiel stieß da eine bundesweite Debatte an: Im Interview mit unserem Reporter bekannte sie, dass sie eine lebenswichtige Operation am Gehirn nicht noch einmal machen lassen würde – auch wenn sie dann gestorben wäre.

Jürgen Klopp sprach über seinen bewegenden Abschied aus Dortmund und verriet, ob er sich eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen kann, und Nationalspieler Christoph Kramer erzählte von seinem Blackout im WM-Finale. Jetzt ist das Buch zu unserer Serie "Diese eine Sekunde" im Handel erhältlich. Darin lesen Sie 50 Interviews mit Stars, die deutsche Fußballgeschichte geschrieben haben.
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