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Top-Thema Die Revolte fand in den Köpfen statt
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10:02 07.04.2018
Der Berliner Historiker Stefan Wolle (67) ist Wissenschaftlicher Leiter der DDR-Museums in der Hauptstadt. Er gilt als Experte für die politischen  und gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR. Quelle: privat
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Herr Wolle, 1968 wurden Sie 18 Jahre alt. Waren Sie ein Rebell?

In dem Alter waren wir das doch alle, oder? Ich war damals noch ziemlich naiv, etwas verträumt. Es gab in mir Unzufriedenheit, auch Skepsis gegenüber den real existierenden, ziemlich beengten Verhältnissen in der DDR. Die meisten von uns wussten auch, dass in der Schule in den Fächern Geschichte oder Staatsbürgerkunde nur Märchen erzählt wurden.

Und die Revolte?

Revolte fand damals mehr in den Köpfen als auf der Straße statt. Klar, wir bewunderten die Studenten im Westen, die sich offen mit Polizisten anlegten. Der Westen hatte aber in den 60-er Jahren nicht die Anziehungskraft, die er später besaß. Viele sahen negative Seiten – Arbeitslosigkeit, Vereinsamung des Menschen, das Gefühl, es gehe überall nur ums Geld. Dazu kam der Unwille, mit der Nazizeit abzurechnen. In der DDR war 1968 der Blick in Richtung Prag für viele hoffnungsvoller als der Blick über die Mauer. In der Tschechoslowakei tat sich etwas, was nach dem schmeckte, was sich auch viele in der DDR wünschten – Freiheit und Sozialismus.

„Wir hofften, Leute wie Dubček würden sich durchsetzen“

Wie ist das zu erklären, sieben Jahre nach dem Mauerbau?

Klar, der Mauerbau war eine Zäsur. Familien wurden zerrissen, der Zugang zum Westen war endgültig verschlossen. Viele sahen dennoch im auszubluten drohenden Osten das bessere Deutschland. 1963 gab KPdSU-Chef Chrustschow angesichts der schlechten Versorgungslage in der Sowjetunion grünes Licht für Überlegungen, wie man die sozialistische Wirtschaft verbessern könnte. Die Planwirtschaft sollte durch Marktmechanismen ergänzt werden, Kritik war erwünscht, die Macht der Partei durfte aber nicht in Frage gestellt werden. Es gab überall in den sozialistischen Ländern interessante Ideen, aber auf besonders fruchtbaren Boden stieß das in der Tschechoslowakei. Kunst und Kultur erlebten in dieser Zeit fast im ganzen Ostblock eine Blütezeit. Ende 1965 wurde das in der DDR von der SED auf den berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees abgewürgt. Filme und Musik wurden verboten. In Prag hingegen ging es weiter. Wir hofften, Leute wie der tschechoslowakische Kommunistenführer Dubček würden sich auch hier durchsetzen.

Wurde der Aufbruch im Westen gar nicht wahrgenommen?

Oh doch. Als 1964 in der Bundesrepublik gegen den Besuch des kongolesischen Machthabers Tschombé protestiert wurde, weil er als Mörder des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Lumumba galt, berichteten auch die DDR-Medien darüber ausführlich. Das Publikum in der DDR, das die Berichte natürlich auch mit denen der West-Medien verglich, staunte darüber, wie antiautoritär die Jugend im Westen mit ihrer Regierung und den Behörden umging.

Woran erinnern Sie sich dabei?

Ich fühlte mich wie viele meiner Altersgenossen mit den Linken, die im Westen gegen den Vietnamkrieg, Nazis oder Diktatoren demonstrierten, solidarisch. Wir sprachen von demokratischem Sozialismus und meinten Freiheit. Da war sich die Jugend in Ost und West ziemlich einig. Es ging uns um die Verbesserung der Welt. Ich erinnere mich an meine Verblüffung über die Vorlesung des Philosophen Marcuse an der Freien Universität Berlin, die im SFB ausschnittweise gesendet wurde. Wie der die Verhältnisse, in denen er lebte, offen anprangerte – unglaublich. Und wie unverschämt Rudi Dutschke vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss auftrat – das hätte sich in der DDR niemand getraut. Es ging mir damals dabei weniger um die politischen Inhalte, sondern um den freiheitlichen Gestus.

Gab es eigentlich Begegnungen zwischen protestierenden Studenten aus dem Westen mit ihren Kommilitonen im Osten?

Das spielte sich eher in Berlin ab, in Cafés und Kneipen rund um die Humboldt-Universität. Denn in der DDR konnte man nicht einfach so in eine Uni oder Vorlesung gehen. Aber ja, solche Treffen gab es – und sie erzeugten Unruhe und Debatten. Linksgerichtete, westdeutsche Studentenverbände wie der SDS suchten Kontakt mit der DDR-Jugendorganisation FDJ, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Unterstützung auszuloten. Die Genossen bekamen aber schnell kalte Füße, weil sie merkten, dass die jungen Leute aus dem Westen waren nicht einzuhegen waren.

Der Antifaschismus gehörte zum Gründungsmythos der DDR

Im Westen stellte die Jugend Eltern und Großeltern die Frage, wie die sich unter den Nazis verhalten hatten. Spielte das in der DDR auch eine Rolle?

Nein. Der Antifaschismus gehörte ja zum Gründungsmythos der DDR. Der erste deutsche Nachkriegsfilm überhaupt war 1946 „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte. Er behandelte genau dieses Thema und wurde in der sowjetischen Besatzungszone uraufgeführt. In den Nachkriegsjahren wurde das ethisch-moralische Verhalten des Einzelnen im Osten intensiv diskutiert – wenn auch mit stark ideologischer Schlagseite. Mir persönlich ist erst später klar geworden, dass da eine kollektive Entschuldung stattgefunden hatte.

Der Widerspruch war…

… dass in der DDR der Widerstand des einzelnen Antifaschisten in der Nazizeit betont und gelobt, gleichzeitig von uns jedoch Kadavergehorsam erwartet wurde. Bis zum Überdruss ist allen eingeimpft worden, gegen Faschismus und Krieg zu sein - ansonsten hieß es: Fresse halten! Die Ideale kollidierten mit der Realität. Dieser Dauerkonflikt war die kritische Masse in der DDR, die 1989 zum Sturz der SED führte.

Wie konnte die so lange klein gehalten werden?

Das Prinzip war einfach und funktionierte prächtig: Brave wurden belohnt, Aufsässige bestraft. Die Entscheidung, passe ich mich an oder nicht, musste jeder früh treffen. Wenn es um den Übergang von Schule zur Oberschule ginge, zum Studium, zum attraktiven Job. Weil nahezu jeder nach dem Besten strebt, wurde die Anpassung tief verinnerlicht. Witzigerweise funktionierte das bei den vom Staat hofierten Arbeitern weniger. Da wurde viel offener und weniger ängstlich geredet als unter Intellektuellen. Die hatten nichts zu verlieren.

Für uns hieß das: Schluss mit lustig

Die Revolte der 68-er äußerte sich auch äußerlich. Die Haare wurden länger getragen, Männer ließen sich Bärte stehen. Wie war das in der DDR?

Die DDR war ziemlich beengt, auch was Kleidung, Mode oder Musik anging. Die Haare wuchsen von allein, aber mit den Nietenhosen, wie Jeans oft genannt wurden, oder den langen Kutten war es so eine Sache. Da brauchte man eine Oma, die in den Westen fahren durfte oder Verwandte, die Pakete schickten. Glück war, wenn ein Paar Jeans drinsteckte. Das größte Glück war, wenn sie auch noch passte. Also bei den Klamotten war die Provokationsschwelle niedrig. In der Schule hieß es dann: „Geh nach Hause und zieh dir mal was Anständiges an.“ Doch das war fast nebensächlich. Das Verbindende der Nachkriegsgeneration in Ost und West war die Musik. Das Verhältnis zu den Beatles war in der DDR ein politischer Seismograph. Mal wurde die Beatmusik toleriert, dann wiederum sagte SED-Chef Ulbricht Ende 1965: „Mit der Monotonie dieses Je, je, je und wie das alles heißt sollte man doch Schluss machen.“ Ist noch heute ein Lacherfolg. Für uns hieß das damals jedoch: Schluss mit lustig.

Im Westen trat eine Generation damals den Marsch durch die Institutionen an und manche wurden Bundesminister. Wie war das mit den Ost-68-ern?

In der DDR wurden nicht die Institutionen verändert, sondern die Institutionen veränderten viele von uns. Im Westen haben die 68-er eine Revolution gewollt und lösten letztlich Reformen aus. Die Ost-68-er haben von einer Reform geträumt und lösten 20 Jahre später eine Revolution aus. Die Bürgerrechtler wollten 1989 mit dem Rückenwind der Perestroika Gorbatschows endlich einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Diese Idee Dubčeks konnte aber nicht mehr die Massen ergreifen.

Von Thoralf Cleven/RND

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