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Nur noch kurz die Welt retten

Tech-Milliardäre mit Gotteskomplex Nur noch kurz die Welt retten

Größenwahn im Silicon Valley: Google, Facebook, Amazon und Co. geht es nicht mehr nur um Milliarden. Sie glauben an die Allmacht der Technik und wollen Weltfrieden, ewiges Leben, die Besiedlung des Alls und Glück und Gesundheit für alle Menschen. Woher kommt der Gotteskomplex der Tech-Milliardäre?

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Die Tech-Superstars des Silicon Valley vereint der Größenwahn: Sie wollen mehr sein als reiche Firmenchefs. Sie wollen Visionäre sein. Propheten. Weltveränderer. Demokratie, Gesetze und Politik sind ihnen bei dieser Mission im Weg.

Quelle: Montage: RND, Foto: iStock

Das Dokument liest sich wie das Manifest eines Weltenlenkers, aber es ist nur der Brief eines Vaters an seine Tochter. "Liebe Max", schreibt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, "wie alle Eltern wollen auch wir, dass du in einer besseren Welt aufwächst." Es geht dann um die ganz großen Fragen der Menschheit ("Können wir Armut und Hunger besiegen? Können wir die Nationen der Welt versöhnen?").

Und die Lösung für all diese Themen – ewige Jugend, Weltfrieden, Gesundheit, Menschlichkeit, bessere Bildung, glückliche Kinder – kann für Zuckerberg nur eines sein: das Internet. "Wenn wir uns vernetzen", schreibt er an seine kleine Tochter, "können wir Hunderte von Millionen Menschen aus der Armut befreien und Millionen Leben retten." Und man weiß nicht recht, auf welches Baby er eigentlich stolzer ist: Max oder Facebook.

Zuckerberg ist nicht der einzige Silicon-Valley-Milliardär, der nach abgeschlossener Vermögensbildung plötzlich die großen Sinnfragen entdeckt. Der mehr hinterlassen möchte als einen riesigen Haufen Geld. Der mit quasireligiöser Inbrunst die Neuerfindung seiner selbst als Philanthrop, Wohltäter und Menschheitspionier vorantreibt. Die Welt retten – darunter machen es die coolen Kids aus dem Silicon Valley nicht mehr. Und so peppen sie ihr irdisches Treiben mit einem theologisch-visionären Überbau auf.

Möchtegern-Gurus der Technikszene

Seit dem Tod des kultisch verehrten Apple-Vordenkers Steve Jobs rangelt ein halbes Dutzend Möchtegern-Gurus in der kalifornischen Technikszene um seine spirituelle Nachfolge. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie wollen mehr sein als reiche Firmenlenker. Sie wollen Visionäre sein. Propheten. Weltveränderer.

Amazon-Chef Jeff Bezos träumt von der "Kolonisierung des Sonnensystems" und baut "denkende" Roboter. Tesla-Gründer Elon Musk will das Ölzeitalter beenden, Menschen in Druckluftröhren mit 1200 Kilometern pro Stunde auf Reisen schicken und den Massentourismus zum Mars ankurbeln. Travis Kalanick, Gründer des Fahrdienstes Uber, will "das Leben der Menschheit verbessern". Apple-Chef Tim Cook will nach der Musik- und Smartphone-Industrie die Welt der Mobilität aus den Angeln heben.

Google-Mitgründer Larry Page sucht mit einem Heer von Kardiologen, Biochemikern und Zellbiologen nach dem Algorithmus für das ewige Leben. Bill Gates reist längst nur noch in humanitären Angelegenheiten um die Erde. Und Zuckerberg will 99 Prozent seines 44,6-Milliarden-Dollar-Vermögens in eine Stiftung übertragen und das Netz per Laser und Drohnenflotte in den letzten Winkel der Erde bringen. Alles zum Wohl des Planeten, versteht sich. Friede, Freude, Eierkuchen dank "Big Data".

Unterwegs im Namen der Gerechtigkeit: Bill Gates (rechts) bei einer Spendenaktion für die Impfkampagne GAVI.

Unterwegs im Namen der Gerechtigkeit: Bill Gates (rechts) bei einer Spendenaktion für die Impfkampagne GAVI.

Quelle: Imago

Geld ist nicht das Problem. Geld ist reichlich da. Sinn ist das Problem. Google baut Suchmaschinen? Nicht doch. Google "demokratisiert das Weltwissen". Tesla baut Elektroautos? Ach was. Tesla "revolutioniert Mobilität". Airbnb vermittelt Übernachtungen? Airbnb "baut Vorurteile zwischen Fremden ab". Uber vermittelt Fahrdienste? Uber "löst die Mobilitätsprobleme der Welt".

Mehr noch: "Uber hat mir Gott gesandt", zitiert die Firma eine Kundin. Es war nicht Gott. Es war dann doch bloß Travis Kalanick. Aber wo ist da noch der Unterschied? Kalanick verfügt über eine Technik, die sie bei Uber "God View" nennen: Sie zeigt auf einen Klick sämtliche Uber-Autos weltweit in Echtzeit – inklusive der Namen der Insassen.

Revolution. Innovation. Philosophie. Das glutvolle Vokabular steht für mehr als amerikanisch-überdrehtes Marketing. Die Tech-Elite glaubt fest daran, dass es zur Lösung aller Weltprobleme nichts braucht als Geld und WLAN. Früher reisten unausgelastete CEOs in Heißluftballons über die Erde (Richard Branson) oder jagten Segelrekorde auf den Weltmeeren (Steve Fossett). Heute betreiben sie die Umprogrammierung der Welt – zu ihren Nutzungsbedingungen.

Gesetze sind nur lästige Bremsklötze

Google bastelt an Nanopartikeln, die sich in menschliche Zellen einnisten und im Bedarfsfall das Blut "upgraden". Im Tesla-Hauptquartier stehen Aristoteles-Zitate an den Wänden. Musk selbst, schrieb ein Biograf, sei der "da Vinci des 21. Jahrhunderts". Sie spielen Gott. "Wer sagt denn, dass wir nicht doppelt so groß sein und doppelt so lange leben können?", fragt der frühere Stanford-Professor Sebastian Thrun, bei Google zuständig für künstliche Intelligenz. "Wer sagt denn, dass wir keinen IQ von 10 000 haben können?"

Das Problem: Die Welt ist nicht restlos überzeugt davon, dass Nerds mit übergroßem Ego, Milliarden von Dollar, eigenen Geschäftsinteressen und wenig Respekt für demokratische Spielregeln das richtige Personal für die Neugestaltung des Planeten sind. Nationale Gesetze – das ist für sie nur lästige Kleinstaaterei. Politik ist bloß ein Bremsklotz auf dem Weg in die glückverheißende Technokratie. Debatten über Datenschutz, die Ausbeutung von Angestellten oder die Kooperation mit Geheimdiensten? Alles bloß Störgeräusche auf dem Weg ins digitale Arkadien.

Die Gesellschaft ist zu schwach für Gegenwehr

Die Hybris kommt nicht von ungefähr. Geprägt vom kalifornischen Can-do-Spirit mit seinem fast zwanghaft optimistischen Mix aus hippiesker Maßlosigkeit und eiserner Technikgläubigkeit sehen sich Bezos, Kalanick, Page oder Zuckerberg nicht bloß als Treibriemen der digitalen Revolution, sondern gleich als Vorboten einer besseren Welt. Sie fühlen sich als Pioniere eines der fundamentalsten Umbrüche in der Menschheitsgeschichte, vergleichbar nur mit der industriellen Revolution. Und sie wissen genau, wie viel cooler unerschütterliche Zuversicht wirkt gegenüber dem griesgrämigen Genörgel ihrer Kritiker.

Irgendwann, wenn die Geldspeicher voll sind, entwickeln sie diesen bizarren Erleuchtungsdialekt, in dem Briefe an ein Neugeborenes plötzlich klingen wie der Entwurf einer neuen Erde. New Age trifft New Business. Technologie als Theologie. Als käme das Glück aus dem 3-D-Drucker. Die "Superkraft der Technologie", twitterte Silicon-Valley-Geldgeber Marc Andreessen, "upgradet uns als Schöpfer, Baumeister, Erfinder, Designer, Künstler, Produzenten".

Selbst ernannte Superhelden allerdings neigen dazu, sich für unfehlbar, unaufhaltbar und über allen Regeln stehend zu halten. Debatten über Sinn und Ziele des Fortschrittskults erreichen sie kaum. Erst recht nicht die Frage, wer sich im digitalen Utopia der jugendlich-sonnengebräunten Machertypen eigentlich um die Interessen der sozial Schwächeren, der Alten und Armen kümmern soll. Politik und Gesellschaft sind zu schwach für echte Gegenwehr – und die Medien zu süchtig nach charismatischen Heldentypen.

Der Hack für die ganze Welt

Für Peter Thiel, Großinvestor im Silicon Valley, ist der Tod nur eine "heilbare Krankheit". Jungunternehmern empfiehlt er, eine "kultische Aura" zu entwickeln, um Mitarbeiter und Kundschaft bei der Stange zu halten. Start-ups als Sekte. Die Kirche der unerschütterlichen Zuversicht.

Aber wie humanitär können Firmen sein, die nicht mal Steuern zahlen? Wie glaubwürdig können Milliardäre sein, die eine Kultur von Selbstlosigkeit und Teilen propagieren? Das größte Problem, sagte der ehemalige Facebook-Manager Antonio Garcia Martínez der "Zeit", sei, "dass so viele Menschen in der Tech-Szene kein Gespür dafür haben, was richtig und was falsch ist".

Das Fernziel von Facebook etwa sei es, Staaten und Gesellschaften radikal durch eine neue digitale Heimat zu ersetzen. Bald würden Menschen Facebook haben, die nicht mal ein Klo hätten, sagt er. Das oberste Gebot in Zuckerbergs "Kirche" sei der "Hack". Das Wort ist in riesigen Buchstaben in den zentralen Hof des Facebook-Campus eingelassen. Die vier Buchstaben stünden dafür, sich "ein System zu erschließen und es nach den eigenen Vorstellungen zu ändern". Dieses "System" aber ist längst kein Netzwerk mehr und keine einzelne Branche. Es ist die ganze Welt.

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