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Stadt, Land, Fluch?

Wo wohnt es sich besser? Stadt, Land, Fluch?

Die Stadt ist der Lebensraum der Zukunft. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land und in der Natur. Doch wo wohnt es sich nun tatsächlich besser? Ein Streitgespräch zwischen Städterin Doris Skala-Gast und Dorfbewohner Sasahara Blumenstiel.

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Der Traum vom idyllischen Häuschen, Ruhe und Natur auf dem Land gegen die Vielfalt und das große Angebot in der Stadt: Wo wollen wir leben – und wer wird wo glücklich?

Quelle: Verena Meier

Hannover.  

Viele Menschen ziehen aufs Land, sobald das erste Kind kommt. Ihre Familie nicht. Warum?

Doris Skala-Gast: Ich bin ein Stadtmensch und kann mir nicht vorstellen, aufs Land zu ziehen. In Braunschweig kann ich alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Und ich brauche die Auswahl. Mir reicht ein Bäcker nicht, ich brauche drei oder vier. Bei einem mag ich besonders die Quarktaschen, beim nächsten kaufe ich mein Brot. Auch in anderen Bereichen, seien es Restaurants oder Kunst und Kultur, ist mir ein vielfältiges Angebot wichtig – und das bietet Braunschweig, trotz der überschaubaren Größe.

Oft wünscht man sich zwar ein vielfältiges, städtisches Angebot – nutzt es dann aber im Alltag kaum. Wie ist das bei Ihnen?

Doris Skala-Gast: Seit 2012 bin ich bei den Wirtschaftsjunioren. Das ist eine Gruppe von jungen Unternehmern und Führungskräften, die zum Beispiel Existenzgründer beraten und Schüler durch Bewerbungsmappenchecks unterstützen. Die Tätigkeit bedeutet mir sehr viel und es macht mir Spaß, dort mitzuwirken. Als wir hierher gezogen sind, hatten wir noch keine Kinder. Da haben wir das Sport- und Kulturangebot sehr ausgekostet, das Breakdance-Festival, Museen oder die Restaurants. Jetzt mit den Kindern hat sich der Schwerpunkt verändert. Wir sind viel draußen und machen gemeinsam Sport, zum Beispiel Bouldern, also Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil. Der Große hat mit Hockey angefangen, der Kleine turnt. Wir schauen auch Basketballspiele an, gehen auf den Wochenmarkt, auf Straßenflohmärkte oder in die Bibliothek. Mein Mann kommt vom Land. Er war im Fußballverein und bei der freiwilligen Feuerwehr und hat damit nahezu alle vorhandenen Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich bin als Stadtmensch so groß geworden, dass ich jeden Tag ein anderes Sportprogramm hatte und ich habe es geliebt. Ich will unseren Kindern das auch ermöglichen. Als Mutter schätze ich an der Stadt zudem die Auswahl an Krippen, Kindergärten und Schulen. Ich habe hier ein superbreites Angebot, von der klassischen, konservativen bis zur Freien Schule. Ich kann entscheiden, welches Schul- und Kindergartensystem für das jeweilige Kind das Beste ist.

Doris Skala-Gast hat Betriebswirtschaftslehre studiert und im Marketing promoviert

Doris Skala-Gast hat Betriebswirtschaftslehre studiert und im Marketing promoviert. Heute ist die 40-Jährige selbstständig und verwaltet Immobilien. Sie ist in Wuppertal aufgewachsen und wohnt seit 14 Jahren in Braunschweig, nach Hannover die zweitgrößte Stadt in Niedersachsen. Braunschweig hat 250 000 Einwohner und gilt damit als Großstadt – obwohl sie deutlich kleiner ist als Metropolen wie München oder Köln. Doris Skala-Gast ist verheiratet und hat zwei Kinder, zweieinhalb und fünf Jahre alt. Ihr Mann arbeitet als Unternehmensberater. Da die Ehepartner beide beruflich viel unterwegs sind, benötigen sie auch als Städter zwei Autos. Die Familie lebt in einer Stadtwohnung mit Garten.

Quelle: Verena Meier

Sasahara Blumenstiel: Tatsächlich waren unsere Kinder auch auf der Freien Schule in Braunschweig. Unser Sohn ist dort schon hingegangen, als wir noch in Braunschweig gewohnt haben und auch unsere Tochter haben wir dort eingeschult. Auch einige ihrer Freundinnen gingen auf die Freie Schule. Da der Schulbus an jeder Mülltonne hielt und die Kinder dadurch über eine Stunde unterwegs gewesen wären, haben wir Fahrgemeinschaften organisiert.

 

Sie wollten gar nicht aufs Land ziehen. Warum?

Sasahara Blumenstiel: Meine Frau wollte gern, dass unser Kind auf dem Land aufwächst. Ich dachte, auf dem Dorf ist es grauenvoll. Da sitzen die ganzen konservativen Dörfler und wenn jemand mit bunten Hosen ankommt, gucken die doof und machen dumme Bemerkungen. Aber es war gar nicht so. Wir haben anfangs in Eilum gewohnt, ein paar Kilometer südlich von Evessen. Dort gibt es seit Ende der Siebzigerjahre einen großen bio-dynamisch bewirtschafteten Hof. Die Eilumer waren dadurch schon allerlei buntes Volk gewohnt. Sie begegneten uns offen und freundlich und wir kamen auch zu den Alteingesessenen schnell in Kontakt.

Doris Skala-Gast: Tatsächlich hatten wir nach der Geburt des ersten Kindes auch kurz überlegt, aufs Land zu ziehen. Wir haben uns zwei, drei Häuser in unterschiedlichen Dörfern angesehen und dort alle Klischees vom Landleben bestätigt gefunden: Die Leute liefen im Jogginganzug auf der Straße rum, die Omas guckten aus dem Fenster, die Vorgärten waren gepflegt und ordentlich. Die Dörfer und ihre Bewohner wirkten auf mich so gediegen, so konform, und auch trist. Das hat mich ehrlich gesagt etwas abgestoßen.

Sasahara Blumenstiel: Ein Dorf kann etwas sehr konservativ-borniertes haben. Es hat es aber oft viel weniger, als man glaubt. Auch hier in Evessen erlebe ich es überwiegend anders. Die meisten Gärten sind individuelle Spielwiesen. Bei manchen Alteingesessen gibt es wunderschöne Bauerngärten, in denen Blumen und alle möglichen Arten von Gemüse wachsen. Nach Evessen sind viele Menschen in den Siebziger- und Achtzigerjahren zugezogen, wie wir auch. Damals war es in alternativen Kreisen Trend, aufs Land zu ziehen. In die Baugebiete, die in den späteren Jahren freigegeben wurden, sind vor allem Familien mit ihren kleinen Kindern gezogen. Die Bewohner sind heute so Mitte 40, Anfang 50. Da steht das hochwertige, moderne Betonhaus neben dem Neubau im Sechzigerjahre-Biedermeier und dem ökologischen Holzhaus. Bei manchen Häusern hat der ein oder andere im Dorf schon mal die Augen verdreht und sich gefragt, ob man sich sowas unbedingt hinstellen muss. Aber dass man auf der einen Seite die Alteingesessen hat und auf der anderen die Zugezogenen, das gibt es nicht so krass. Man entwickelt sich miteinander. Diejenigen, die auf dem Dorf groß geworden sind und schon immer da gelebt haben, nehmen auch Impulse von den Zugezogenen auf.

Doris Skala-Gast: Was ich am Stadtleben super finde, ist, dass du sehr unterschiedliche Leute hast, vom Punk, über den Spießer bis zum Alternativen. Jeder von uns hat unterschiedliche Phasen. Ich laufe auch mal im Jogginganzug rum, aber eben auch in Highheels. In der Stadt werde ich nicht komisch angeguckt, egal, was ich trage.

Gibt es etwas, was dich am Stadtleben stört?

Doris Skala-Gast: Nein

Die Autoabgase? Der Lärm?

Doris Skala-Gast: Das fällt mir gar nicht auf, deshalb stört es mich wahrscheinlich auch nicht. Im Vergleich zu Prag, wo ich häufig beruflich bin, ist es hier in Braunschweig sehr leise.

Stört dich etwas am Dorfleben?

Sasahara Blumenstiel: Eigentlich nicht. Bei uns ist fast alles da, wenn auch oft in sehr rudimentärer Form. Es gibt eine Initiative unserer Kirchengemeinde, die nennt sich Kirchenkino. Da treffen sich in den Sommermonaten die Kinofans regelmäßig zum gemeinsamen Picknick. Wenn es dunkel wird, gehen sie in eine der Dorfkirchen und schauen einen Film. Die Kirchen sind von besonderer Schönheit. Da sind ganz alte, zum Teil romanische Kirchen darunter. Sie sind in jedem Dorf anders und häufig offen. Es lohnt sich, sie anzuschauen.

Sasahara Blumenstiel arbeitet freiberuflich als Musiker und Geigenlehrer und heißt eigentlich Rainer mit Vornamen

Sasahara Blumenstiel arbeitet freiberuflich als Musiker und Geigenlehrer und heißt eigentlich Rainer mit Vornamen. Er ist 64 Jahre alt, gebürtiger Braunschweiger und wohnt seit 27 Jahren in einem restaurierten alten Gutshaus in Evessen, einem 1300-Einwohner-Dorf in Niedersachsen, 20 Kilometer südöstlich von Braunschweig. Evessen hat für seine Größe eine gute Infrastruktur: Es gibt einen Fleischer und einen Bäcker und jede halbe Stunde fährt ein Bus nach Braunschweig. Da Sasahara Blumenstiel in der Stadt immer mit dem Fahrrad gefahren war, musste er auf dem Land erstmal den Führerschein machen. Aus beruflichen Gründen benötigen er und seine Frau beide ein Auto. Die Kinder, 28 und 38 Jahre, wohnen nicht mehr zuhause.

Quelle: Verena Meier

Zudem finden auf den Dörfern jeden Monat ein bis zwei Konzerte statt, mit unterschiedlichen Genres. Wenn ich mehr will, fahre ich die 20 Minuten in die Stadt. Ich kann allerdings zurzeit ohnehin kein großes Kulturangebot wahrnehmen, da ich sehr viel arbeite. Ich komme locker auf eine 60-Stunden-Woche und abends wird es oft neun, halb zehn. Das Angebot für meine Kinder hat sich nicht so sehr von dem unterschieden, was Doris beschreibt. Einiges haben sie auf dem Land gemacht: Meine Tochter ist geschwommen und war in einem der Nachbardörfer im Tischtennisverein. Musikunterricht hatten sie in Braunschweig.

Wie ging es Ihnen mit der Fahrerei?

Sasahara Blumenstiel: Klar, wir Eltern sind dadurch sicher mehr im Auto gesessen, als uns lieb war. Dass man auf dem Land auf das Auto angewiesen ist, gehört für mich auch zur negativen Seite. Aber auch in der Stadt haben viele Menschen einen weiten Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Ich bin damals von meinem Wohnort zur Arbeit auf der anderen Seite der Stadt auch 20 Minuten unterwegs gewesen. Und ich kenne eine ganze Menge Leute aus Braunschweig, die pendeln nach Hannover (70 Kilometer Entfernung, Anmerkung der Redaktion). Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind dann doch nicht so groß. Trotzdem sehe ich das mit der Fahrerei noch als Baustelle für die Zukunft. Wenn wir uns beim Bier im Dorfhaus treffen, reden wir manchmal darüber, was wir ändern könnten. Jeder hat zum Beispiel zwei Autos vor der Tür stehen. Solange wir sie beruflich brauchen, geht es wahrscheinlich nicht anders. Aber wenn wir in Rente sind, könnten wir mit deutlich weniger Autos auskommen. Wir könnten uns die Autos teilen und uns übers Internet abstimmen, wer wann eins braucht. Solche Sachen funktionieren auf dem Dorf gut, weil man sich kennt. Evessen hat auch eine sehr aktive Flüchtlingshilfe, in der sich die Kirche und viele Leute aus dem Dorf stark engagieren. Man weiß auf dem Dorf einfach, wer für was ansprechbar ist, wer was kann und wen man besser in Ruhe lässt. Man muss nicht erst alle anquatschen und fragen.

Doris Skala-Gast: Dass man auf dem Dorf weiß, wer was kann und wer Zeit hat, finde ich beengend. Wenn ich bei meinen Schwiegereltern auf dem Land bin, wirken die Dorfbewohner auch so informiert. Mir fehlt da einfach meine Privatsphäre. Bei uns in der Straße sagt man sich “Hallo“, trifft sich maximal auf einen Kaffee und fertig.

Sasahara Blumenstiel: Das mit dem informiert sein klingt wilder, als es in der Realität ist – zumindest in Evessen. Aber aus der Straße, in der ich groß geworden bin, kenne ich dieses Getratsche auch. Diese soziale Kontrolle und dieses: “Hast du schon gehört, der und der ...“ Das fand ich furchtbar und es war auch eine meiner Hauptbefürchtungen, als wir aufs Land gezogen sind. Das erlebe ich in Evessen überhaupt nicht. Ich habe zwar Infos mitbekommen, wie: “Das ist der Tischler, da kannste mal hingehen“ oder “Der XY hat einen Schuss, um den macht man besser einen Bogen“. Das war’s dann aber auch. Es ist eher so, dass man ein bisschen voneinander weiß, um sich dann sehr gut in Ruhe lassen zu können.

Doris Skala-Gast: Das klingt gut. Ich kenne das eher so, wenn Geburtstag gefeiert wird, dann ist die ganze Dorfgemeinschaft da. Das würde ich nicht wollen. Ich möchte gerne die Personen einladen, die ich mag und nicht die, die es erwarten.

Was schätzt du am Dorfleben?

Sasahara Blumenstiel: Es gab Sachen, die hab ich von Anfang an gemocht. Dass der Elm (ein bewaldeter Höhenzug. Anmerkung der Redaktion) in der Nähe ist, zum Beispiel. Ich gehe dort viel spazieren und wandern. Ich jogge auch gerne. Und ich kann hier sehr gut entspannen. Wenn ich nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag nach Hause aufs Land komme, ist das, wie in den Urlaub zu fahren. Im Sommer verreise ich deshalb auch ungern. In der Zeit ist es bei uns am schönsten. Ich fahre dann lieber mit dem Fahrrad durch die Dörfer. Es gibt unheimlich viel zu gucken und es ist landschaftlich und baulich sehr schön. Das macht Spaß und hat etwas sehr Entschleunigendes.

Ich schätze es, dass sich im Dorf Dinge leichter bewegen lassen als in der Stadt. In Evessen ist schon vor langer Zeit alles Mögliche mit alternativen Energien aus dem Boden gesprossen. Viele Häuser haben Photovoltaik. Es gab in den Nachbardörfern Eilum und Hachum auch relativ früh in Eigeninitiative kleine Windkraftanlagen.

Meine Tochter war schnell eine absolute Landpflanze, die durch die verwilderten, aufgegebenen Obstgärten in der Nachbarschaft gestreunt ist. Und nach zehn Jahren hatte auch ich ein Aha-Erlebnis: An dem alten Haus, das wir günstig kaufen konnten, hatte ich viel selbst gemacht – obwohl ich immer dachte, ich hätte zwei linke Hände. Ich habe das Haus selbst isoliert und ein Vordach gebaut. Auch auch der Garten war im Laufe der Jahre richtig schön geworden. Ich hatte auf Wunsch meiner Tochter einen Pool dort eingegraben und später einen Teich angelegt. Und dann stand ich nach zehn Jahren vor Haus und Garten und dachte: “Das ist total schön geworden“. In dem Moment ist mir richtig das Herz aufgegangen.

In Zukunft noch besser: Ideen für ein gutes Leben in der Stadt und auf dem Land

Umweltfreundlich in der Stadt leben: Wer in der Stadt wohnt, verbraucht in der Regel weniger Energie als jemand, der auf dem Land wohnt. Dafür gibt es mehrere Gründe: In der Stadt können Ziele leichter zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden. Auf dem Land braucht man meist ein Auto, um zur Arbeit zu kommen oder einzukaufen. Das kompakte Mehrfamilienhaus in der Stadt benötigt weniger Fläche als das Eigenheim im Grünen und aufgrund der geringeren Außenfläche auch weniger Energie fürs Heizen. Auch für die Infrastruktur wie Straßen, Rohre oder Kabel werden in der Stadt anteilig weniger Material und Energie benötigt.

In sozial benachteiligten Quartieren Grünflächen schaffen: In Zeiten wachsender Städte werden urbane Grünflächen wie Parks immer bedeutender. Sie schützen das Klima und sind wichtig, um sich zu erholen und zu bewegen. Vor allem in sozial benachteiligten und hochverdichteten Quartieren gibt es oft zu wenig Parks und Grünflächen. Grün in der Stadt ist wichtig, um Lebensqualität und sozialen Zusammenhalt zu stärken.

Weniger Boden versiegeln: Jeden Tag werden neue Flächen für Wohnen, Arbeiten und Verkehr versiegelt. Bis zum Jahr 2020 will die Bundesregierung den Flächenverbrauch auf maximal 30 Hektar pro Tag reduzieren. Doch davon ist Deutschland weit entfernt. Selbst Kommunen mit schrumpfender oder stagnierender Bevölkerung weisen neue Gewerbeflächen und Bauland aus, um zu verhindern, dass die Orte weiter schrumpfen und Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommenssteuer wegfallen. Dabei gibt es bundesweit mehr als 120 000 Hektar Brachflächen und Baulücken. Die Schweizer sind da schon weiter: Gemäß ihrem Raumplanungsgesetz von 2014 soll künftig nur noch in besiedelten Gebieten gebaut werden. Dörfer und Städte sollen durch verdichtetes Bauen, das Schließen von Baulücken oder die Umnutzung von Brachen nach innen weiter entwickelt werden.

Wärmedämmung priorisieren: Haushalte verbrauchen gut ein Viertel der Energie in Deutschland. Bei Verbrauchern stehen als Stromfresser häufig Stand-by-Schaltungen am Fernseher oder das nicht ausgeschaltete Licht im Vordergrund. Tatsächlich betrifft der Strom aber nur 15 Prozent der verbrauchten Energie in Haushalten. Der größere Teil, rund 85 Prozent, werden für Heizung und Warmwasser benötigt. Vor allem beim Heizen kann man sparen: Neuere, wärmegedämmte Häuser benötigen bis zu zehnmal weniger Heizenergie als alte.

Wohnraum verringern: Auch die Wohnfläche macht einen großen Unterschied beim Energieverbrauch. In Tokio ist es normal, dass eine vierköpfige Familie auf 40 Quadratmetern lebt, bei uns sind es 120 bis 150 Quadratmeter. In Großstädten wie München gibt es erste Projekte, die dem zunehmenden Platzbedarf kreativ begegnen: Vergleichsweise kleine Wohnungen werden ergänzt mit Räumen, die von allen genutzt werden können, wie Spielzimmer, Partyraum und Gästeappartement.

Alternativen zum Auto fördern: Sparsamere Autos wären ein Weg, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren und die Luft in den Städten zu verbessern. Doch die Realität sieht anders aus: Die Zahl der Neuzulassungen von Kleinwagen verringerte sich zwischen 2009 und 2014 um fast 20 Prozent, gleichzeitig nahm die Zahl der SUVs und Geländewagen um 122 Prozent zu. Die Hälfte aller Autofahrten ist kürzer als sechs Kilometer, 5 Prozent liegen unter einem Kilometer. Diese könnten problemlos auch mit dem Fahrrad beziehungsweise zu Fuß zurückgelegt werden. Das Problem: Die Verkehrspolitik der vergangenen Jahre hat vor allem den Autoverkehr gefördert. Dabei könnten die Städte viel tun, um Alternativen attraktiver zu machen: mit niedrigen Preisen und enger Taktung im öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel, mit attraktiven Fahrradwegen und einer fahrradfreundlichen Kultur. Wie in Kopenhagen zum Beispiel, wo im Winter die Radwege als Erstes von Schnee befreit werden – noch vor den Straßen. Dabei sollte man sich immer klarmachen: Genutzt wird in der Regel das bequemste, billigste und einfachste Verkehrsmittel.

Tempo 30 als Standard für bessere Luft: Wäre Tempo 30 statt 50 in Wohngebieten die Regel, würden sich Treibstoffverbrauch und Schadstoffausstoß reduzieren. In Graz, wo auf allen Nebenstraßen Tempo 30 gilt, ging der Ausstoß an gesundheitsschädlichen Stickoxiden durch das Tempolimit um ein Viertel zurück. Dazu kommt die erhöhte Sicherheit: Der Bremsweg verkürzt sich bei Tempo 30 um mehr als die Hälfte. Nach einer schwedischen Studie reduziert sich durch ein entsprechendes Tempolimit das Verletzungsrisiko um rund 65 Prozent, das Todesfallrisiko um bis zu 85 Prozent. Fußgänger und Fahrradfahrer werden besser und vor allem früher wahrgenommen – und fühlen sich zu Recht sicherer.

Handwerk und Industrie zurück in die Städte holen: Im 20. Jahrhundert trennte man Arbeiten und Wohnen, so gut es ging, um die Menschen vor Lärm und Schadstoffen zu schützen. Inzwischen mehren sich die Anzeichen für eine Renaissance urbaner Produktion. Kleinteilig, individuell und mit moderner Technologie. Das Handwerk hat sich die Städte vielfach zurückerobert, in Manufakturen werden Messenger Bags genäht oder Craft Beer gebraut. Und selbst die Industrie ist auf dem Vormarsch: mit geräusch- und emissionsarmen Produktionsmethoden, die zum Teil auch auf kleinstem Raum möglich sind. Der große Vorteil dieser Entwicklung: Kurze Wege zwischen Arbeiten und Wohnen

Quellen: BUND; Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser: “Stadt als System. Trends und Herausforderungen für die Zukunft urbaner Räume“, Oekom-Verlag 2016.

Von Monika Herbst

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