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Tipps für Tayfun Korkut

Das sagen erfahrene Trainer Tipps für Tayfun Korkut

In der Fußball-Bundesliga tobt der Abstiegskampf – und Hannover 96 steckt nach zwölf Spielen ohne Sieg mittendrin. Das Tageblatt hat Trainer und prominente Experten um Hilfe gebeten.Tipps für Tayfun

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Für ihn und Hannover 96 wird die Luft in der Bundesliga immer dünner: Tayfun Korkut, Trainer der „Roten“.

Quelle: dpa

„Ich wünschte, ich wäre in der Situation von Tayfun Korkut“, sagt Dennis Erkner. Was zunächst nach Masochismus klingt, wird beim Blick auf die Tabelle der Bezirksliga verständlich. Erkner hat in der vergangenen Woche das abgeschlagene Schlusslicht SC Hainberg übernommen. Um bei einer im Abstiegskampf scheinbar leblosen – oder im Fall von 96 lange erfolglosen – Mannschaft neue Impulse zu setzen, müsse es der Trainer schaffen, „dass die Spieler wieder ans Gewinnen glauben“, meint Erkner. Er legt das Hauptaugenmerk beim SCH auf die Defensive und empfiehlt dies auch Korkut. Da Hannover allerdings „keinen so starken Kader“ hat, tippt der 32-Jährige, dass 96 nur auf dem Relegationsplatz landet. „Hamburg als Vorletzter und Paderborn als Schlusslicht steigen direkt ab“, erwartet Erkner.

Die gleiche Prognose gibt Thomas Hellmich, Coach des Bezirksligisten SG Werratal, ab. „Bei 96 fehlt es einfach an Durchschlagskraft in Sturm und offensivem Mittelfeld“, sagt der Experte. Daher müsse Hannover aus einer guten Defensive heraus das Glück erzwingen. „Das ist zwar nicht attraktiv, aber anders geht es im Abstiegskampf nicht“, erklärt Hellmich. Prinzipiell seien in solchen Phasen erfahrene Spieler gefordert. Dennoch wundert es Hellmich, dass die Roten „eine A-Jugend haben, die auf dem ersten Platz steht, aber kein Akteur davon im Profikader aushilft“.

„Ich als Braunschweiger würde natürlich meinen Hut nehmen, wenn ich in Korkuts Haut stecken würde“, witzelt die Göttinger Trainer-Legende Helmut Latermann. Tatsächlich empfehlt er seinem Kollegen, den Druck von den Spielern zu nehmen. „Ich würde viel Spaß ins Training bringen und der Mannschaft sagen, dass sie mit dem Fehler leben soll, anstatt Angst davor zu haben“, so Latermann. Da sich der Großteil der 96-Akteure derzeit unter Wert verkaufe und verunsichert sei, könne es auch Sinn machen, Bankdrücker und Instinktfußballer wie Jan Schlaudraff zu bringen. „Solche Leute gehen unbelastet in die Partien. Außerdem muss man im Kampf um den Klassenerhalt etwas machen, womit keiner rechnet.“ Ein entscheidender Nachteil der Korkut-Elf sei, dass sie es im Gegensatz zu anderen Mannschaften nicht gewohnt ist, unten in der Tabelle zu stehen. Daher tippt auch Latermann: „16. Hannover, 17. Hamburg, 18. Paderborn.“

„Ich würde die Situation in Ruhe analysieren, die starken Spieler noch stärker machen und ihnen immer wieder in Erinnerung rufen, warum sie gute bis sehr gute Bundesligaspieler sind“, sagt Olaf Schroeder, Trainer des RSV 05 und früher des 1. SC 05. „Anbrüllen hilft nur mal bei einem Spieler, aber im Prinzip bringt das nichts. Oftmals ist es ein Akt der Verzweiflung, der wirkungslos verpufft.“ Die Taktik sei nicht das Problem, es gelte, individuelle Fehler abzustellen. „Die Spieler wackeln momentan im Kopf.“ Die Absteiger-Tipps des HSV-Fans sind Paderborn (16.), Stuttgart (17.) – und Hamburg (18.).

„In dieser Situation geht es weniger um Fußball, sondern da spielt sich alles mehr oder weniger nur noch im Kopf ab. Wichtig ist es, in dieser Situation die Blockade in den Köpfen zu lösen“, weiß Timo Friedrichs, Spielertrainer des Bezirksligisten SV Germania Breitenberg, der zur Halbserie der Saison 2013/14 das abstiegsbedrohte Team übernahm und den Klassenverbleib schaffte. Friedrichs glaubt einfach nicht, dass die 96-Profis verlernt haben, Fußball zu spielen. „Man muss einfach immer wieder versuchen, zu motivieren.“ Absteiger sind für Werder-Fan Friedrichs Hamburg (17.) und Paderborn (18.). Stuttgart muss in die Relegation, schafft darüber seiner Meinung nach aber den Verbleib in der Liga.

Von Rupert Fabig, Vicki Schwarze und Eduard Warda

„Man kann Erfolgserlebnisse erzwingen“

Göttingen. Ein Trainer einer erfolglosen Mannschaft benötigt vor allem auch einen langen Atem – das weiß kaum jemand besser als Martin Wagenknecht. Der 53-Jährige ist seit dem vergangenen Oktober Trainer des Oberligisten 1. SC 05, der mittlerweile als Absteiger feststeht, und hat seitdem keinen einzigen Punkt geholt. „Im Grunde muss man dem Team immer wieder seine Stärke vor Augen führen und die Spieler mental aufbauen“, sagt Wagenknecht.

Hilfreich seien Gespräche im großen oder im kleinen Rahmen – eine Mannschafts-, eine Teilbesprechung oder ein Vier-Augen-Gespräch. „Das ist am effektivsten“, sagt Wagenknecht, der auch Trainer am DFB-Stützpunkt Göttingen ist. Ein Spieler sollte sich an seine eigenen Erfolgserlebnisse erinnern. Ein gutes Beispiel sei Klass-Jan Huntelaar, Stürmer seines Lieblingsklubs Schalke 04, der mittlerweile seit mehr als 1000 Minuten ohne Torerfolg ist. „So etwas kommt vor. Als ich noch selbst gespielt habe, habe ich mit immer Bilder von meinen Toren ins Gedächtnis gerufen. Das hat geholfen“, sagt der 05-Trainer.

Im Training könne auf Spielformen zurückgegriffen werden, in denen Erfolgserlebnisse öfter als sonst vorkommen. Beispielsweise könne auf einem kleinen Platz auf große Tore gespielt werden. „Man kann Erfolgserlebnisse auch erzwingen.“

Eins dürfe ein Coach aber nicht tun: resignieren. „Trainer leiden auch sehr. Du musst auf dem Trainingsplatz jedoch eine gewisse Körpersprache haben, selbstbewusst und motiviert wirken“, sagt Wagenknecht. „Der Glaube, dass man es schaffen kann, muss rüberkommen.“ Manchmal, räumt der Trainer ein, helfen aber auch alle guten Vorsätze nichts. „96 hat gegen Hertha BSC vieles richtig gemacht – und einfach Pech gehabt."

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Was raten Sie Korkut?

„Ich würde den Schwerpunkt auf die Abwehr legen und Standards üben“, sagt Lutz Renneberg, Veranstalter des Göttinger Sparkasse & VGH-Cups für A-Junioren und Manager des ehemaligen 96-Trainers Mirko Slomka. Stichwort Standards: Kiyotake und Pander seien hervorragende Schützen, Sané, Marcelo, Schulz und Felipe extrem gute Kopfballspieler. Die meisten 96-Gegentore seien aus Ballverlusten in der Offensive heraus entstanden. „Deshalb würde ich nicht mehr so risikoreich angreifen lassen und damit die Defensive stabilisieren. Zu Beginn hat Korkut ja auch mit der Slomka-Taktik Erfolg gehabt“ – nämlich mit schnellen Angriffen und Standards operiert. Renneberg glaubt, dass der HSV (16.), Köln (17.) und Paderborn (18.) am Ende der Saison ganz hinten stehen.

96-Edelfan Hans-Peter Suermann, Kämmerer der Stadt Göttingen, empfindet es als sehr wohltuend, dass Korkut eine „absolute Beschäftigungsgarantie bis zum Saisonende hat. Das verleiht dem Trainer und der Mannschaft Selbstvertrauen.“ Im nächsten Spiel bei Leverkusen würde er das Team „hochkonzentriert und kompakt aus der Abwehr spielen lassen“ bloß nicht so „hochmütig“ wie die Bayern gegen Porto. Die  „Roten“ haben in Suermanns Augen zwar eine „Ergebniskrise, aber keine spielerische Krise“, und deshalb glaubt der Erste Stadtrat Göttingens an sieben Punkte aus den letzten drei Spielen gegen Hoffenheim, Bremen und Freiburg und damit den Klassenverbleib. Suermann verortet am Saisonende Mainz (16.), Hamburg (17.) und Paderborn (18.) auf den letzten drei Rängen.

Ex-Profi Dieter Schatzschneider hat früher sowohl für den großen, als auch für den kleinen HSV gespielt und als Trainer die SVG Göttingen betreut. „Ich muss Korkut keine Ratschläge geben, aber wenn ich Trainer eines abstiegsbedrohten Teams wäre, würde ich absolute Disziplin und Klarheit einfordern“, sagt der 96er. „In dieser Situation muss ich von jedem Spieler erwarten, dass er alles andere nach hinten schiebt, selbst die Familie. Hier geht es um Existenzen.“ Als Psychologe sei ein Trainer nicht nur im Abstiegskampf gefordert. „Der Kopf wird im Fußball immer wichtiger.“

Als SVG-Trainer habe er in dieser Hinsicht einen „Mittelstürmer wie einen Ochsen“ gehabt, der aber gleichzeitig hochsensibel gewesen sei und Heiko Bause hieß. „Dem musste ich immer wieder sagen: Du bist mein Mann“ – die Spieler stark zu reden, sei enorm wichtig, genauso wie ruhig zu bleiben. „Chaos wie beim Hamburger SV ist kontraproduktiv.“ Unter der Voraussetzung, dass Bruno Labbadia kein Wunder bewirkt, sind für ihn die letzten drei Teams der HSV (16.), Paderborn (17.) und Stuttgart (18.).

Axel Klingebiel, Vorsitzender des TV Jahn Duderstadt, ist schon 96-Fan, seitdem er denken kann. Er befürchtet allerdings in dieser Saison das Schlimmste für die Roten. „Korkut ist ein unheimlich sympathischer Mann, der auch Sachverstand hat, aber die Durststrecke hält schon zu lange an. Ich verstehe zum Beispiel gar nicht, warum ein Mann wie Jan Schlaudraff auf der Bank sitzt. Der Zusammenhalt in der Mannschaft ist ja da, aber ich fürchte, es fehlt die Qualität.“ Der HSV und Hannover 96 sind für ihn die Abstiegskandidaten. Allerdings hofft er, dass sich 96 noch über die Relegation rettet.

„Ich hab’ wirklich Angst“, sagt Ulf Hasse. Der VGH-Regionaldirektor ist bekennender 96-Fan und bei fast jedem Heimspiel im Stadion. Der gebürtige Hannoveraner glaubt zwar nicht, dass seine „alte Liebe“ den Gang in die Zweitklassigkeit antreten muss, doch es ist der Gedanke an die mögliche Relegation, die ihn emotional aufwühlt – eine ganz besondere Konstellation: „Es könnte wirklich ein Duell mit Eintracht Braunschweig werden.“ Das 96-Team hält er für „absolut intakt, und teilweise spielen wir  ja auch richtig guten Fußball. Es ist aber eben oft Pech dabei“, sagt Hasse, der auf die Absteiger Hamburger SV und SC Paderborn tippt. Und was würde Hasse machen, wenn er anstelle von Korkut stünde: „Ich würde über meinen Schatten springen und mutiger, also offensiver spielen lassen.“

war/bam/vw

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