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„Aberglaube gehört zum Sport“

Thema des Tages „Aberglaube gehört zum Sport“

Glücksbringer und Talismane haben derzeit Hochkonjunktur. Die einen beschwören den Geist von Malente, um die Fußball-Relegation zu überstehen, andere bemühen Maskottchen oder Rituale, um in der sportlich entscheidenden Phase Erfolg zu haben. Doch nicht nur von strengen Rationalisten werden Sportler bisweilen für ihren Aberglauben belächelt – auch von Anhängern der gegnerischen Mannschaften. Das Tageblatt hat sich in Sachen Sport und Aberglaube mal umgehört. Eine Spurensuche.

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Beeindruckendes Ritual zu Spielbeginn: Die Neuseeländische Nationalmannschaft tanzt den „Haka“ als Vorbereitung auf jedes Duell.

Quelle: afp

Göttingen. Kennen Sie das nicht auch? Als Tennisspieler müssen sie vor dem Aufschlag den Ball immer gleich oft auftippen lassen. Oder Sie sind Basketballer und müssen immer als letzter Spieler auf das Feld laufen. Sie sind Fußballspieler und haben ihr festes Ritual, immer zuerst mit dem rechten Fuß das Spielfeld zu betreten. Sie sind Handballspielerin und müssen sich immer in einer festen Abfolge die Sportkleidung anziehen.

Selbst bei Ex-Sportlern, die ihrem einst innigst betriebenem Hobby nur noch als sogenannte Fernseh-Sportler frönen, sollen den Erfolg heraufbeschwörende Rituale und abergläubische Handlungen festgestellt worden sein. Müssen Sie immer auf ihrem angestammten Platz auf dem Sofa sitzen? Die Teppichfransen müssen akribisch genau in Richtung TV ausgerichtet sein. Ohne das passende Bierglas und das in der Ecke platzierte Klubmaskottchen hat die eigene Mannschaft nicht den Hauch einer Chance.

Doch Sie können sich beruhigen: Sie sind mit Ihren Ritualen und Aberglaube nicht allein. Das finden Sie auch in unserer Auswahl der abergläubischsten Sportler und dem Interview bestätigt. Aberglaube und Sport, das gehört zusammen wie der HSV und Uwe Seeler, oder der FC Bayern München und der Neid der restlichen Fußball-Republik.

„Ich glaube, ich bin abergläubisch, aber ich will es doch eigentlich gar nicht sein“, gesteht sich zum Beispiel Johan Roijakkers ein. „Ich habe immer einen festen Weg, den ich fahre, wenn wir Spiele in der Sparkassen-Arena haben. Ich habe so einfach ein besseres Gefühl, dass wir das Spiel gewinnen“, führt der Headcoach des Basketball-Erstligisten BG Göttingen aus.

Für Ex-Veilchen Akeem Vargas, der gerade mit Alba Berlin gegen den FC Bayern München im Playoff-Halbfinale der Basketball-Bundesliga steht, „gehört der Aberglaube einfach zum Sport. Ich ziehe mir immer zuerst meinen rechten Schuh an und betrete auch mit rechts zuerst das Parkett“, sagt der 25-jährige Nationalspieler. Als sehr gläubiger Mensch helfe ihm im Gegensatz zum Aberglaube aber besonders das Beten vor und nach jedem Spiel.

„Ich weiß, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Siege und Niederlagen. Doch das Beten hilft mir sehr. Es steigert meine Konzentration und gibt mir Sicherheit“, betont Vargas. Dass der Defensiv-Spezialist dennoch hofft, dass er sich bis Ende Juni, dann endet die Saison mit den Finalspielen, nicht rasieren muss, ist eine Selbstverständlichkeit. Und schaden tut ein Playoff-Bart ja auch nicht.

Die verfluchte siebte Katze

Göttingen. Natürlich spielt der Aberglaube im von Analysen und wissenschaftlichen Statistiken geprägten modernen Fußball keine Rolle mehr – mag die Pechsträhne auch noch so lang sein. Wirklich nicht? Das wohl beste Beispiel für die Bedeutung der Psyche im Leistungssport hat sich in Buenos Aires ereignet und lässt sich in Christoph Biermanns Bestseller „Fast alles über Fußball“ nachlesen.

Der Racing Club de Avellaneda feierte bis 1967 in Argentinien 13 Meisterschaften und erspielte sich dann mit dem Weltpokal im Match gegen Celtic Glasgow den größten Erfolg in der Klubgeschichte. Aus Hass und Eifersucht vergruben Fans des Erzrivalen Independiente im Anschluss sieben schwarze Katzen unter dem Spielfeld des Stadions von Avellaneda, um den Verein zu verfluchen. Und der Psycho-Trick hatte Erfolg. 35 Jahre lang blieben Erfolge aus, und 1999 war der Klub beinahe pleite.

Sechs der sieben Katzenkadaver waren im Lauf der Jahrzehnte zwar gefunden worden, doch der verflixte siebte Stubentiger blieb verschollen. Der neue Trainer Reinaldo Merlo organisierte dann 2001 eine groß angelegte Suchaktion, bei der auch Betonflächen aufgerissen wurden. In einem ehemaligen Wassergraben wurde das Skelett der siebten Katze entdeckt. Just in dieser Saison wurde Avellaneda wieder Meister. bam

Einen ausführlichen Tweet-Liveblog zum Rückspiel der Bundesliga-Relegation lesen Sie unter: gt-sportbuzzer.de

Rituale geben Sicherheit und Selbstvertrauen

Dr. Martin Riethmüller, Diplom-Psychologe, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie und der Expertenliste des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.
Dr. Martin Riethmüller
Quelle:

Interview mit Dr. Martin Riethmüller, Diplom-Psychologe, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie und der Expertenliste des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.

Warum sind Menschen abergläubig?
Menschen streben danach, in der Welt nach Mustern, also Gesetzmäßigkeiten, zu suchen, denn ein erkanntes Muster bietet Ordnung, Sicherheit und kann sogar einen Überlebensvorteil darstellen. Darum ist das Gehirn darauf spezialisiert, Muster zu erkennen. Wer nun bei zwei zufällig zusammenfallenden Ereignissen schnell eine kausale Gesetzmäßigkeit vermutet, kann als abergläubisch betrachtet werden.  

Sind Sportler besonders empfänglich für Aberglaube?
In der Öffentlichkeit hört man tatsächlich viel von Sportlern, die verschiedenste Rituale durchführen oder Glücksbringer dabei haben, um im Wettkampf erfolgreich zu sein – besonders im Fußball. Ein Beispiel ist Miroslaw Kloses Ritual, sich vor jedem Spiel immer erst den rechten Schuh anzuziehen und mit diesem dann zuerst den Rasen zu betreten. Ein anderes Beispiel ist der blaue Pullover, den Joachim Löw während der WM 2010 trug. Nach den Siegen gegen England und Argentinien sollte er auch weiterhin Glück bringen. Vielleicht sind Sportler besonders abergläubisch, weil der Ausgang eines Wettkampfs sehr oft von Faktoren abhängt, die nicht beeinflussbar sind. 

Gibt es einen Unterschied zwischen einem Ritual und einer Routine?
Rituale enthalten häufig abergläubische und zeremonielle Elemente, etwa das genannte Verhalten von Miroslaw Klose, und finden oft vor dem Wettkampf statt, um Sicherheit und Selbstvertrauen zu geben. Routinen auf der anderen Seite können vor, während und nach dem Wettkampf stattfinden und haben eine funktionale Komponente. Sportler konzentrieren sich in einer Routine etwa auf die Atmung oder visualisieren Dinge, die sie sich für den Wettkampf vorgenommen haben. Es gibt aber auch Mischformen, etwa der Haka des neuseeländischen Rugby-Nationalteams, der rituelle und funktionelle Komponenten enthält.

Warum haben so viele Sportler feste Rituale?
Rituale geben Sicherheit und Selbstvertrauen und reduzieren Nervosität. Wer positiv in den Wettkampf geht, der legt den Grundstein für Erfolg. Oft setzt dann die „Selbsterfüllende Prophezeiung“ ein. Hinzu kommt die selektive Wahrnehmung.  Das heißt: Situationen, in denen ein Ritual „erfolgreich“ war, werden besser wahrgenommen und erinnert. Somit festigt sich das vermutete Muster und das Ritual wird beibehalten.

Gibt es messbaren Erfolg?
Es gibt Studien aus dem Golfsport, die zeigen, dass abergläubische Teilnehmer erfolgreicher mit einem „Glücksball“ als mit einem von Pech behafteten Ball putten. Und es konnte auch gezeigt werden, dass das Mitführen des eigenen Maskottchens positiv auf die Leistung wirkt.

Was raten Sie Sportlern?
Mit Einzelsportlern und Teams erarbeite ich Routinen, die dabei helfen, die Konzentration und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu steigern und die Nervosität zu senken. Dabei achten wir auf die Flexibilität der Routine. Der Nachteil von Ritualen ist es nämlich, dass sie oft Verunsicherung und Nervosität erzeugen, wenn sie nicht genau wie gewohnt durchgeführt werden können.

 Interview: Mark Bambey

 
Kuriose Rituale

Göttingen. Der Fußballer Kolo Touré gehört zur Gattung der Spieler, die zwingend als letzte den Platz betreten müssen. Zum Problem wurde diese Marotte für den Ivorer 2009 im Achtelfinale der Champions League, als Tourés Mitspieler William Gallas während der Halbzeit in der Kabine behandelt wurde. Da der Schiedsrichter wieder anpfeifen wollte, Touré aber wohl nicht mal unter Todesandrohungen als Vorletzter auf den Rasen zurückgekehrt wäre, musste Arsenal so lange zu neunt spielen, bis Gallas wieder hergestellt war, und Touré als Letzter aufs Feld konnte.

Der ehemalige französische Fußball-Nationaltrainer Raymond Domenech hatte seine eigenen Kriterien hinsichtlich der Zusammenstellung eines Kaders. Die Aufstellung stand für ihn in den Sternen. Im wahrsten Sinn, denn Domenech ist bekennender Astrologie-Anhänger. Im WM-Finale 2006 gegen Italien achtete Domenech bei der Wahl seiner Startelf darauf, vier als mannschaftsdienlich geltende Krebse auf den Platz zu schicken. Es lief bekanntlich schief.
Die Angewohnheit des NBA-Basketballers Jason Terry, während jedem Spiel fünf Paar Socken zu tragen, ist schon seltsam. Noch skurriler ist aber die Wahl seines Pyjamas in der Nacht vor einem Match: Terry schläft in den Shorts des gegnerischen Teams.

Auch Tennisspieler sind anfällig. Einige wie Ana Ivanovic berühren zwischen Ballwechseln niemals die weißen Linien. Der 14-malige Grand-Slam-Gewinner Rafael Nadal muss in jeder Pause seine Trinkflaschen parallel zueinander und mit dem Etikett in Richtung Spielfeld ausrichten. Auf die Spitze trieb es jedoch Goran Ivanisevic. Er erhob sich nach Seitenwechseln grundsätzlich erst nach seinem Gegner, auf die Linien trat er nie, und von den Balljungen ließ er sich vor Aufschlägen bis zu fünf Bälle geben, die dann wieder von ihm ausgemistet wurden. Nerven wie Drahtseile benötigte Ivanisevics Umfeld während Wimbledon 2001. Vor jedem Match musste das gleiche Essen zur gleichen Uhrzeit im gleichen Restaurant bestellt werden. Auch das TV-Programm durfte nicht abweichen. Was zur Folge hatte, dass sich Ivanisevic 15 Tage die Teletubbies ansah. Der Wahnsinn endete jedoch im Triumph.

Von Rupert Fabig

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