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Fußball: Warum trifft es immer den Trainer?

Thema des Tages Fußball: Warum trifft es immer den Trainer?

Warum trifft es immer den Trainer? Gestern mussten in der 2. Fußball-Bundesliga gleich zwei Verantwortliche gehen: Frank Kramer (Greuther Fürth) und Oliver Reck (Fortuna Düsseldorf). Läuft es für eine Mannschaft schlecht, reagieren Klub-Verantwortliche fast reflexartig mit Entlassung. Wenn es jedoch ein Coach schafft, mehr als 20 Jahre in einem Verein zu spielen, zu arbeiten und diesen auch ein Stück weit zu prägen, hat er wohl vieles richtig gemacht.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Landolfshausen. Bei Werder Bremen ist der Trainerposten kein Schleudersitz. Otto Rehhagel und Thomas Schaaf brachten es auf jeweils 14 Amtsjahre beim Fußball-Bundesligisten. Darüber kann Ingo Müller, Landesliga-Trainer des TSV Landolfshausen nur müde lächeln. Der 49-Jährige ist seit 1992 mit zwei Unterbrechungen dort verantwortlich an der Seitenlinie, kommt auf 22 Trainerjahre insgesamt.

Zunächst war der aus dem Nachbarort Mackenrode stammende Müller von 1992 bis 2004 in Landolfshausen als Spielertrainer aktiv. „Wir hatten mal eine Kreisliga-Saison, in der es knapp geworden ist und wir erst relativ spät den Klassenerhalt klar gemacht haben. Aber auch da hat es nie Diskussionen gegeben.“ Die Erfahrung „Entlassung“ hat er auch gemacht – nach viereinhalb Jahren als Coach des TSV Seulingen musste er den Verein, für den er in der Jugend und im Herrenbereich (bis Bezirksoberliga) gespielt hatte, verlassen. Seit der Saison 2005/06 arbeitet er wieder für den TSV Landolfshausen, mit einjähriger Unterbrechung. In dieser Zeit war er dort als Teammanager aktiv. „Das Denebenstehen ist nichts für mich“, sagte Müller 2011 beim Wiedereinstieg.

Als positiv empfindet es der B-Lizenz-Inhaber, dass ihm niemand in seine Arbeit reinredet. „Die Verantwortlichen stehen in jeder Situation zu mir. Es gibt keine Hektik, keine Zweifel, sie stärken mir den Rücken. Die Alarmglocken gehen nicht sofort an, alle bleiben ruhig.“ Das hat Müller in der Saison 2012/13 erfahren, als sein Team die ersten sechs Bezirksliga-Spiele verlor. Das erfährt er auch in dieser Landesliga-Saison, in der es der Aufsteiger als Schlusslicht – wie erwartet – schwer hat. „Es ist ein ruhiges Arbeiten in Landolfshausen, keiner grätscht rein. Die Situation ist sehr komfortabel.“

Maßlose Enttäuschung

Entlassen zu werden: „Kein schönes Gefühl“, wie Tobias Dietrich, aktuell Trainer beim Kreisliga-Vertreter SG Rhume, am eigenen Leib erlebte. „Es war wie ein Schlag in die Magengegend, erinnert sich der Coach an den Dezember 2013, als er beim damals abstiegsbedrohten Bezirksliga-Vertreter SV Germania Breitenberg seinen Hut nehmen musste.

„Ich hatte zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht damit gerechnet. Wir hatten davor noch zusammen gesessen und uns darüber verständigt, wie wir es gemeinsam schaffen können, den Hebel noch mal umzulegen“, erzählt Dietrich. Bei der Weihnachtsfeier der Mannschaft wenige Tage zuvor gab es noch keinerlei Andeutungen. „Ich habe auf jeden Fall nichts bemerkt, was darauf hindeuten könnte, dass sie mich entlassen wollten.“

Maßlose Enttäuschung verspürte er nach dem Anruf des 1. Vorsitzenden Bernd Deppe, auch eine gehörige Portion Wut war dabei. „Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich das alles verarbeitet hatte. Was mich unheimlich daran geärgert hat, ist der Umstand, dass ich gern gezeigt hätte, dass wir den Abstieg noch verhindert hätten. Zumal ich mich ja auch schon darum gekümmert hatte, dass wir Verstärkungen bekommen, wie Daniele Galluzzi und Fabian Otto“, erinnert sich Dietrich, der inzwischen sehr froh ist, bei der SG Rhume eine neue, reizvolle Aufgabe gefunden zu haben.

„Für mich war es einfach bitter, nach zehn Jahren, die ich beim Verein war, einen solchen Abgang zu bekommen.“ Und auch die Positionen, die einige Weggefährten in dieser Phase ihm gegenüber bezogen, trafen den Eichsfelder sehr. Die Kontakte zu seinem ehemaligen Verein sind äußerst spärlich geworden. Für ihn die logische Konsequenz.

Interview: „Nein, es gibt keinen perfekten Trainer“

Was steckt hinter einem Trainer-Rauswurf, welche Folgen hat er für Spieler und Mannschaft? Sport-Psychologe Dr. Martin Riethmüller über den Sinn, Zweck und Nutzen eines Trainerwechsels.

Bislang gab es in der Saison 2014/15 sechs Trainerentlassungen in der Fußball-Bundesliga. Warum gehen viele Klubs diesen Weg, wenn es brenzlig wird?
Das kann viele Gründe haben. Oft spielt der öffentliche Druck durch Fans und Medien eine Rolle, etwa nach einer Serie von Niederlagen. Außenstehende können die Qualität der täglichen Trainerarbeit nicht gut einschätzen und sich darum nur an Erfolg und Misserfolg orientieren. Es entsteht Druck auf die Verantwortlichen. Die Klubführung kann aber hinter die Kulisse blicken und bewerten, ob ein Trainer seine Arbeit trotz Niederlagen richtig macht oder ob es Konflikte zwischen Trainerstab und Mannschaft gibt. Sicherlich gibt es auch die Trainerentlassung als Verzweiflungstat oder um die Stärke der Klubführung zu demonstrieren.   

Ist ein Rauswurf die beste Strategie, wenn das Vertrauen in einen Trainer nicht mehr da ist?
Studien anhand der Bundesliga haben gezeigt, dass eine Trainerentlassung bei Misserfolg der Mannschaft in den nächsten Spielen nicht zu besseren Ergebnissen führt – verglichen zum Festhalten am Trainer. Auf ein extremes Leistungstief, zum Beispiel durch Verletzungen wichtiger Spieler, folgt in der Regel auch wieder eine Leistungsverbesserung, ob nun mit altem oder neuem Trainer. Leistungsschwankungen können viele Gründe haben und sind normal. Gibt es tatsächlich Konflikte und Vertrauensprobleme zwischen Trainer und Mannschaft, die nicht mehr gelöst werden können, oder arbeitet der Trainer schlecht, dann ist die Trainerentlassung sicher ein probates Mittel.

Kann ein neuer Trainer das herauskitzeln, was sein Vorgänger nicht geschafft hat?
Gerade im Fall von Konflikten zwischen Trainer und Mannschaft ist das denkbar. Einem neuen Trainer muss sich jeder Spieler in der täglichen Arbeit erst einmal beweisen. Spieler, die beim alten Trainer auf dem Abstellgleis standen, wittern neue Hoffnung und bieten sich besonders an. Das kann die Leistung schon positiv beeinflussen. Und wenn dem neuen Trainer ein guter Einstand gelingt und er seine Erwartungen und Methoden verständlich vermitteln kann, erreicht er die Mannschaft vielleicht besser als sein Vorgänger.

Gibt es eigentlich den perfekten Trainer?
Nein, es gibt keinen perfekten Trainer. Es gibt nur den perfekt passenden Trainer. Ein Trainer muss mit seinen Ideen, Erwartungen und Methoden zur Mannschaft und zum Verein passen. Hinter der Passung steht der Gedanke einer Übereinstimmung von Anforderungsprofil und Trainerprofil. Ist er zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dann kann ihm Großes gelingen, auch ohne universell perfekt zu sein. Es müssen dann aber auch die unkontrollierbaren, äußeren Bedingungen stimmen.

Das Interview führte Kathrin Lienig

... bei  Dr. Martin Riethmüller,  Diplom-Psychologe, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie und der Expertenliste des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.
Dr. Martin Riethmüller, Diplom-Psychologe, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie und der Expertenliste des Bundesinstituts für Sportwissenschaft.
Quelle:
   
Rekorde: Friedhelm Funkel führt zwei Statistiken an

Fußball-Trainer werden in der Bundesliga schnell und auch oft entlassen, sie steigen auf und ab, sind erfolgreich, treu oder umtriebig. Hier ein paar rekordverdächtige Zahlen:

• Eintracht Frankfurt hat von allen Bundesligisten die meisten Trainer verschlissen, 20 mussten gehen, elf weitere gingen freiwillig.

• Jörg Berger und Gyula Lorant wurden von ihren Klubs jeweils sechsmal entlassen.

• Mit acht Deutschen Meisterschaften war Udo Lattek der erfolgreichste Coach.

• Friedhelm Funkel ist fünfmal in die 1. Liga auf-, aber auch siebenmal aus dieser Spielklasse abgestiegen.

•  Keiner saß so oft in der 1. Liga an der Seitenlinie wie Otto Rehhagel (832 Spiele), keiner so kurze Zeit wie der Österreicher Robert Körner, der es 1969 auf nur 18 Tage und zwei Spiele brachte.

•  Vier Trainer in einer Saison: Das schaffte 1998/99 der VfB Stuttgart, der Winfried Schäfer, Wolfgang Rolff, Rainer Adrion und Ralf Rangnick unter Vertrag hatte.

• Dreimal ist Bremer Recht – von wegen: Fiffi Kronsbein saß bei Hannover 96 dreimal an der Seitenlinie und brachte es zwischen 1952 und 1976 auf insgesamt acht Jahre (97 Monate) im Amt.

• Unerreicht ist Rudi Gutendorf, der es mit seinen 55 Trainerstationen im In- und Ausland sogar ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft hat. 1946 trat der heute 88-Jährige seine erste beim SV Rengsdorf in der Kreisklasse an, 2003 beendete er seine Karriere als Nationaltrainer auf Samoa.

   
Trainerwechsel der laufenden Saison

Basketball
• Crailsheim Merlins (16. November): Willie Young –> Ingo Enskat.
• Eisbären Bremerhaven (4. Februar): Calvin Oldham –> Muli Katzurin.

Eishockey
• Hamburg Freezers (25. September): Benoît Laporte –> Serge Aubin.
• Kölner Haie (10. Oktober): Uwe Krupp –> Niklas Sundblad.
• Augsburger Panther (1. Dezember): Larry Mitchell –> Greg Thomson.
• Straubing Tigers (22. November): Rob Wilson –> Larry Mitchell unterschreibt nur wenige Tage nach seinem Rauswurf in Augsburg.
• Schwenninger Wild Wings (15. Dezember): Stefan Mair –> Interimstrainer Dave Chambers (74 Jahre). Zur neuen Saison kommt Helmut de Raaf.
• Eisbären Berlin (16. Dezember): Jeff Tomlinson –> Uwe Krupp.

Fußball
• Hamburger SV (15. September): Mirko Slomka (210 Tage im Amt) –> Joe Zinnbauer.
• FC Schalke 04 (7. Oktober): Jens Keller (660 Tage) –> Roberto Di Matteo.
• Werder Bremen (25. Oktober): Robin Dutt (511 Tage) –> Viktor Skripnik.
• VfB Stuttgart (24. November): Armin Veh (146 Tage) –> Huub Stevens.
• Hertha BSC (5. Februar): Jos Luhukay (949 Tage) –> Pál Dárdai.
• FSV Mainz 05 (17. Februar): Kasper Hjulmand (231 Tage) –> Martin Schmidt.

Handball
• TBV Lemgo (12. Dezember): Niels Pfannenschmidt –> Florian Kehrmann.
• HSV Hamburg (16. Dezember): Christian Gaudin –> Interimstrainer Jens Häusler. Zur Saison 2015/16 hat Michael Biegler unterschrieben.

Volleyball
• In der Herren-Bundesliga haben noch alle zu Saisonstart angetretenen Trainer ihren Job auf der Bank.

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