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Journalist Christoph Ruf über Fan-Gewalt im Amateurfußball

„Absolute Randerscheinungen“ Journalist Christoph Ruf über Fan-Gewalt im Amateurfußball

Mit einer Schlägerei der Fans und einem Polizeieinsatz endete vor zweieinhalb Wochen das Oberliga-Fußballspiel zwischen TuS Celle und dem 1. SC 05. Die Polizei hat mittlerweile mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der freie Journalist Christoph Ruf (42), der unter anderem regelmäßig für die Süddeutsche Zeitung schreibt und sich dabei unter anderem mit Fanpolitik auseinandersetzt, warnt im Tageblatt-Interview davor, aus einzelnen Vorfällen eine Zunahme der Fan-Gewalt abzuleiten.

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„Mit ist keine Ultra-Gruppe bekannt, die so homophob ist wie die katholische Kirche“: Fußballfans bei einem Spiel von Hannover 96.

Quelle: dpa

Göttingen. Von Ruf ist kürzlich im Göttinger Verlag Die Werkstatt das Buch Kurvenrebellen über die Ultra-Szene erschienen.

Ultra-Experte: Christoph Ruf.

Ultra-Experte: Christoph Ruf.

Quelle:

Inwieweit ist eine Zunahme der Fan-Gewalt in Fußball-Amateurligen zu beobachten?

Das ist schwer zu beantworten, weil es dazu keine offiziellen Erhebungen gibt. Nach meinem subjektiven Eindruck gibt es weder eine Zu- noch eine Abnahme. Bei 99 Prozent aller Amateurspiele ist aus gutem Grund nicht ein Polizist vonnöten, und die Ordner reißen die Karten ab. Und die wenigen Spiele mit Brisanz waren das auch schon vor 30 Jahren und werden es auch noch in 30 sein.

Was ist in der Regel der Auslöser?

In der Regel banale Fan-Rivalitäten – Spiele zwischen dem BFC Dynamo und Union Berlin bergen nun mal ein ziemliches Konfliktpotenzial. Bei Jugend- und Kreisklassenspielen kommt es vereinzelt auch schon mal vor, dass Eltern oder Angehörige aneinandergeraten, ein paar Ligen drüber geht das dann eher organisierter vonstatten.

Welche Parallelen zur Fan-Gewalt im Profifußball sind zu erkennen?

Unterhalb der dritten, vierten Liga haben die meisten Vereine ja keine Fanszene im klassischen Sinne, deshalb ist so ein Vergleich schwer. Aber natürlich tut die Polizei gut daran, die Fan-gruppen bei den klassischen Ostderbys in der Regionalliga zu trennen, wie sie auch gut daran tut, Homburger Fans nicht auf Saarbrücker treffen zu lassen oder den gewaltbereiten Teil der Rot-Weiß-Essen-Fans im Auge zu behalten.

Wie groß ist der Anteil an Ausschreitungen mit einem politischen oder ideologischen Hintergrund?

Dass Konflikte wie in Celle politisch konnotiert sind, kommt immer mal wieder vor, besonders häufig in der Regionalliga Nordost. Wenn Jena oder vor allem Babelsberg zu Lok Leipzig müssen, treffen Fangruppen aufeinander, die bei politischen Demonstrationen auf der entgegengesetzten Seite wären: Babelsberg bei der Antifa, während Lok – neben vielen vernünftigen Fans – eben einen großen Kern von aktiven Fans hat, die mit neonazistischen Ideen sympathisieren. Und für Vereine, deren Fangruppen als antifaschistisch gelten, kann eine Fahrt in die Provinz schon zum Spießrutenlaufen werden. So mussten sich die Fans von TeBe Berlin in Brandenburg immer wieder rassistisch beschimpfen lassen.

Gibt es einschlägig berüchtigte Amateurklubs, und wenn ja: Wer sind sie?

Es ist ein zweischneidiges Schwert, solche Vereine beim Namen zu nennen. Alemannia Aachen hat beispielsweise einen enormen Zulauf von Dorf-Nazis und rechten Polit-Kadern, seit verstärkt über die dortigen Konflikte berichtet wurde. Das Gleiche berichten die vernünftigen Leute bei Lok Leipzig, die darunter sehr leiden. Also bitte ich um Verständnis, dass ich mich jetzt bedeckt halte.

Wie groß ist der Bedarf, was kann unternommen werden?

Jetzt muss ich dringend etwas loswerden: Sowohl Gewalt als auch offen artikulierte nazistische Tendenzen sind – auch wenn es immer wichtig bleiben wird, wachsam zu sein und den Finger in die Wunde zu legen – absolute Randerscheinungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie bei irgendeinem Spiel am Wochenende Zeuge von Gewalt werden oder Nazi-Parolen hören, tendiert gen null. Das ist allerdings kein Aufruf zur Entwarnung, sondern der Erfolg von engagierten Fangruppen wie Baff oder Unsere Kurve, die da seit Jahren das Bewusstsein schärfen. Dummheit und menschenfeindliche Einstellungen gibt es eben auch in den besten Kreisen: Mir ist jedenfalls keine Ultra-Gruppe bekannt, die so homophob ist wie die katholische Kirche.  

Welche Möglichkeiten hat eine Ausstellung wie Tatort Stadion 2, die Meinungsbildung zu beeinflussen?

Eine hohe, denke ich. Zumindest wenn nicht nur die Leute zur Ausstellung kommen, die da eh sensibilisiert sind. Ich war bei den Recherchen für mein Buch doch einigermaßen verwundert, wie viele Ultras mir gesagt haben, dass sie erst durch Diskussionen in ihrer Ultra-Gruppe angefangen haben, sich für Politik zu interessieren. Und solche Diskussionen führen eben nicht selten dazu, dass auch der Dümmste versteht, dass „Schiri, du Jude“ oder „Zigeunerpack“ eben keine unpolitschen Provokationen sind.
Wird es in Zukunft eine Zunahme der Gewalt im Amateurbereich geben oder mit der Marginalisierung vieler (Traditions-) Klubs eine korrodierende Anhängerschaft?
Das glaube ich nicht, wobei ich natürlich auch hoffe, dass das Modell Red Bull Leipzig in einer anderen Stadt scheitern würde, so dass jetzt nicht mit einer Inflation von Retortenvereinen zu rechnen ist. Das Paradoxe ist ja, dass wir Medien oft Fußball-Gewalt beschreien, darunter aber Pyrotechnik fallen lassen – was zunächst mal nichts miteinander zu tun hat. Andererseits aber bekommen wir die real existierende Gewalt gar nicht mit. In den wenigen Städten, in denen sich Ultra-Gruppen auch mal an einem Dienstagabend überfallen, kriegen das meist weder die Polizei noch die Medien mit. Aber wie gesagt: Im Vergleich zu den 80ern und 90ern ist Gewalt heute ein absolutes Randphänomen. Ich war kürzlich in einer großen Bundesligastadt bei einem Hintergrundgespräch mit der Polizeiführung. Das erste, was der sagte, war: Jedes Schützenfest birgt ein höheres Gewaltpotenzial als ein Fußballspiel. Da hat er Recht.  

Interview: Eduard Warda

Christoph Ruf: „Kurvenrebellen. Die Ultras – Einblicke in eine widersprüchliche Szene“, Verlag Die Werkstatt, 208 Seiten, 12,90 Euro.
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